Ausstellung : Schöne Tage mit der Wehrmacht

Wo bleibt die Résistance? Eine Ausstellung von Farbfotografien aus dem besetzten Paris erregt in Frankreich die Gemüter.

Bernhard Schulz

Am Kiosk hängt, fein säuberlich mit Wäscheklammern befestigt, eine Auswahl von Zeitschriften. Eine sticht heraus: Ihr Titelbild zeigt einen deutschen Soldaten, Ritterkreuzträger, dem ein Kamerad den Kopf verbindet, währen der Verletzte selbst jovial in die Kamera winkt. Alles in Ordnung, lautet die Botschaft.

„Alles in Ordnung“ ist auch die Botschaft der Aufnahmen, die der Fotoreporter André Zucca im besetzten Paris zwischen 1941 und 1944 angefertigt hat. Diese eine, unscheinbare Aufnahme vom Zeitungskiosk ist wie ein heimlicher Hinweis an den Betrachter: denn die Zeitschrift „Signal“, die mit dem Wehrmachtssoldaten wirbt, ist die offizielle Zeitschrift der deutschen Besatzer, für die Zucca gearbeitet hat; ein Privileg, das allein ihm die Versorgung mit Farbfilm sicherte, den es nur auf Zuteilung gab.

Exakt 1058 Farbdias Zuccas aus der Besatzungszeit sind – neben 10 600 Schwarz-Weiß-Aufnahmen – erhalten. Es sind überhaupt die einzigen Farbaufnahmen, die „Die Pariser unter der Besatzung“ zeigen, wie jetzt die Ausstellung überschrieben ist, die seit Wochen für heftige Diskussionen in Frankreich sorgt. Vor 20 Jahren erwarb die Historische Bibliothek der Stadt Paris den Nachlass Zuccas; nach der digitalen Farbrekonstruktion ist nun eine Auswahl von 270 Abzügen zu sehen. Nur befindet sich die Bibliothek ausgerechnet im Marais, dem jüdisch geprägten Viertel der Innenstadt.

Zucca, 1897 als Einwandererkind in prekären Verhältnissen geboren, reiste in den dreißiger Jahren als Fotoreporter um die Welt. Im August 1941 engagierten ihn die Deutschen für „Signal“, und er zeigte Paris, wie es seine Gönner sehen wollten: als normale Stadt im Alltag – nicht durchweg unbeschwert, aber auch nicht gedrückt. Es ist überwiegend das Paris der petites gens, der kleinen Leute. So verkennt die wütende Kritik, die sich seit der Eröffnung der Ausstellung Ende März über die Stadtbibliothek ergossen hat, dass genau dieses Paris-Bild dem gängigen französischen Klischee folgt, einem Klischee, das bis in unsere Tage mit dem Erfolg der „Wunderbaren Welt der Amélie“ geliebt wird, zumal in Paris selbst.

Naivität musste sich Jean Baronnet, Kurator der Ausstellung und Herausgeber des exzellenten, alle Aufnahmen in ihrer bläulich-kühlen Farbigkeit wiedergebenden Begleitbuches, vorhalten lassen. Dabei geschieht nichts Verwerfliches auf diesen Bildern, die in der Ausstellung dicht umlagert werden. Den Unmut der Kritik erregt der Umstand, dass die Besatzung als solche, vor allem die Repression durch die Gestapo bis hin zur Verfolgung der französischen Juden, nicht oder doch allenfalls bei sorgfältigem Hinschauen zu erkennen ist. Man könnte als Deutscher, der den Mythos der allumfassenden Résistance nicht pflegen muss – wie es viele Franzosen in Leugnung der mittlerweile gewonnenen historischen Erkenntnisse tun – besänftigend einwenden, dass auch die Kollaboration keinen bildlichen Ausdruck findet. So ist es dieser dröhnend ruhige Alltag, der als Provokation empfunden wird, ein Alltag, in dem die nach der Messe aus der Kirche tretenden deutschen Offiziere ebenso selbstverständlich wirken wie die einfachen Soldaten beim Handel auf dem Flohmarkt, die Filmplakate mit Emil Jannings oder das „Soldatenheim Place Clichy“.

„Auf diesen Bildern sieht man kein Leiden, keine Ausweisung, kein Unglück“, heißt es auf einem Hinweisblatt, das nach den ersten Protesten verfasst wurde und auch in deutscher Sprache am Eingang zur Ausstellung ausliegt. „Man könnte hinzufügen“ – heißt es weiter –, „dass die wenigen Fotografien, die während der Befreiung entstanden sind, eher banal wirken.“ Nun, diese Aufnahmen vom 26. August 1944 sind so banal oder erhaben, so gestellt oder wahrhaftig wie alle anderen auch.

Das ist das Vertrackte an den Okkupations-Dias, von denen übrigens kein einziges in der Zeitschrift „Signal“ veröffentlicht wurde. Denn die in der Bibliothèque historique gezeigten Aufnahmen entstanden neben der Propaganda, die Zucca abzuliefern hatte; und es muss an ihrem unoffiziösen Charakter liegen, dass sie, knapp 64 Jahre nach der libération, im intellektuellen Milieu solchen Widerwillen erregen. Könnte es sein, dass hinter der Oberfläche einer dem deutschen Besatzungsregime wohlgefälligen Alltäglichkeit, eines Arrangements mit der durchaus auf den Bildern erkennbaren materiellen Einschränkung, die tiefere Wahrheit der Anpassungsfähigkeit der Pariser zum Vorschein kommt, um von stillschweigender collaboration nicht zu sprechen?

„André Zucca durchwandelte diese bleiernen Jahre wie ein Seiltänzer“, schreibt seine Nachfahrin Nicole Zucca im Nachwort des Begleitbuchs; er sei „geschützt“ gewesen „ebenso sehr durch seinen Wagemut wie durch seinen Leichtsinn“. Darin mag verwandtschaftliche Schönfärberei stecken. Doch wie auch immer: Zucca konnte den mit der handlichen Leica beobachteten Alltag nicht arrangieren wie die mit der Mittelformatkamera bewerkstelligten Aufträge der NS-„Propagandastaffel“.

Insofern ist der unterschwellige Vorwurf falsch, Zuccas Bilder seien gestellt. Vielmehr geben seine Fotos Anlass, über den Wahrheitsgehalt auch der vermeintlich so unbestechlichen Reportagefotografie nachzudenken – etwas, das dem Heimatland von Foto-Heroen wie Henri Cartier-Bresson womöglich schwer fällt.

Zucca hätte keinen Blick für das Ungeheuerliche der deutschen Besatzung gehabt? Verwischt kommen die beiden Frauen auf der Rue de Rivoli ins Bild, die ältere mit dem im Mai 1942 angeordneten Judenstern am Mantel, die jüngere im ungeachtet aller Versorgungsnöte makellosen Chic der Zeit. Es ist dieselbe Rue de Rivoli, die Zucca mit sorgfältig drapierten Hakenkreuzfahnen zeigt. Und im Kleine-Leute-Viertel Marais, wo Zucca eine auffallend gewandete Frau interessiert, ist wenige Schritte dahinter ein Mann mit Judenstern zu erkennen, ein Herr, ein Flaneur in seinem Quartier.

Es sind die beiden einzigen Aufnahmen von stigmatisierten Juden. Es gibt demgegenüber zahlreiche Fotos der Wehrmacht, mit klingendem Spiel beim täglichen Paradieren auf den Champs- Élysées oder in der ersten Reihe guter Cafés, sichtbar auch in deutschen Plakaten wie zur Propagandaausstellung „Der Bolschewismus gegen Europa“ gleich am Arc de Triomphe, wo uniformierte Deutsche Erinnerungsfotos vom Grab des Unbekannten Soldaten machen. Die Wehrmachtsangehörigen waren übrigens angewiesen, dem Grabmal militärische Ehren zu bezeugen. Und Marschall Pétain, der fernab in Vichy seine Marionettenregierung führte, grüßt als gütiger Pater patriae aus den Auslagen eines Schuhgeschäfts.

Die Befreiung Ende August 1944 markiert das Ende von Zuccas Farbfotografien; sein Agfa-Material ging zur Neige. Er wurde als Kollaborateur verhaftet, bald wieder freigelassen und zog sich klugerweise in irgendeinen Pariser Vorort zurück, in die Anonymität eines kleinen Fotoateliers. Er starb 1973, zurück in Paris, seiner Heimatstadt, deren Chronist er in den dunkelsten Jahren des 20. Jahrhunderts wurde. Und nun werden seine Aufnahmen als zu sonnig verurteilt. Dabei lag es nur an der geringen Empfindlichkeit des Filmmaterials, dass Zucca in aller Regel bei Sonne arbeitete. Die aber scheint, wie jedermann weiß, gleichermaßen über Gerechte und Ungerechte.

Paris, Bibliothèque historique de la Ville de Paris. 22, Rue Malher (Métro St. Paul), bis 1. Juli. – Begleitbuch: Jean Baronnet, Les Parisiens sous l’Occupation, Gallimard, 176 S. m. ca. 250 Abb., 35 €.

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