Bauhaus-Archiv zeigt Kandinsky : Meister und Schüler

Individualismus in kollektivem Umfeld: Das Bauhaus-Archiv zeigt die Ausstellung „Wassily Kandinsky. Lehrer am Bauhaus“.

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Formenlehre. Ausschnitt eines unbetitelten Aquarells von Wassily Kandinsky aus dem Jahr 1924.
Formenlehre. Ausschnitt eines unbetitelten Aquarells von Wassily Kandinsky aus dem Jahr 1924.Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2014/BauhausArchiv Berlin/Hermann Kiessling

Das Bauhaus, zumal in seiner besten Dessauer Zeit in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, gilt als Design-Schmiede, in der vom Teeglas bis zum Sitzmöbel lauter nützliche Dinge ersonnen wurden. Doch es sind die Künstler, die dem Bauhaus die größte Treue bewahrten und einen erstaunlich reichhaltigen Unterricht gaben. Wassily Kandinsky, der einstige Mitbegründer der Gruppe des „Blauen Reiter“ war der am längsten tätige Bauhaus-Meister, von 1922 bis zu der von den Nazis erzwungenen Schließung im Frühjahr 1933.

Was lernten die Studenten in den Kursen der Grund- und Hauptlehre oder gar in seiner „Freien Malklasse“? Über die tägliche Praxis des Bauhauses ist weniger bekannt, als man angesichts der nicht abreißenden Fülle von Veröffentlichungen zu der Lehranstalt glauben sollte. Ein Forschungsprojekt der in Paris, dem letzten Wohnort das Malers, ansässigen „Société Kandinsky“ hat jetzt aus dem immer noch nicht vollständig erschlossenen Nachlass die entsprechenden Unterlagen gezogen und durch die Kunsthistorikerin Angelika Weißbach bearbeiten lassen, gemeinsam mit weiteren Manuskripten, die am Getty Research Center in Los Angeles aufbewahrt werden. Das Ergebnis ist jetzt als Ausstellung „Wassily Kandinsky. Lehrer am Bauhaus“ im hiesigen Bauhaus-Archiv zu sehen.

Ins Auge fällt die enorme Sorgfalt, mit der Kandinsky seinen Unterricht vorbereitet und begleitet hat. Jede Lehrstunde ist in Manuskriptform vorbereitet, und am Ende des Semesters konnte der Meister sicher sein, genügend Schülerarbeiten für die hauseigene Leistungsschau zusammenzuhaben. Es gab nicht eigentlich eine Kunstausbildung am Bauhaus, und auch wer an den Kursen Kandinskys – oder seines Kollegen Paul Klee – teilnahm, musste nicht notwendigerweise der freien Kunst zugetan sein.

Es ging um analytisches Denken, wie in anderen Meisterklassen des Bauhauses auch. Kandinsky ließ aus beliebigen Utensilien wie Besen, Hocker oder Leiter Arrangements zusammenstellen, die dann in zeichnerischer Form zu untersuchen und nach ihren räumlichen Beziehungen – horizontal, vertikal, diagonal – zu entschlüsseln waren. Nicht die Wiedergabe von Objekten wie an einer herkömmlichen Kunstakademie, sondern die Durchdringung von Raumbeziehungen stand auf dem Programm, ebenso wie auch die Untersuchung der Farben, ausgehend von den am Bauhaus geheiligten Grundfarben Rot, Gelb und Blau.

Ende der zwanziger Jahre politisierten sich die Bauhhaus-Studenten

Zahlreiche Schülerarbeiten belegen den enormen Einfluss, den Kandisky auf die Studenten ausübte. Fotos zeigen, wie sie sich um ihren Lehrer scharen und buchstäblich an seinen Lippen hängen. Doch die Zeiten wandelten sich auch am Bauhaus, die Studenten politisierten und radikalisierten sich gegen Ende der zwanziger Jahre. Ein Typoskript in bauhaustypischer Kleinschreibung zeigt den aufgestauten Unmut gegenüber der abgehobenen Lehre Kandinskys und berichtet über „die sich steigernde unzufriedenheit mit dem unterricht im vorkurs...“

In frühem Soziologendeutsch heißt es weiter: „der vorkurs hätte, als wirklicher elementarkurs des bauhauses, vor allen dingen die aufgabe, die studierenden geschichtstheoretisch in die entwicklung der gesellschaftlichen und materiellen grundlagen und der daraus folgenden geistigen konsistenz einzuführen und auf dieser basis die ferneren aufgaben des bauhauses zu entwickeln.“ Ergo: Marxismus. „warum wird im vorkurs der individualismus gezüchtet, wenn das übrige bauhaus den kollektivismus vertritt?“ Ab 1930 war der Kurs in „analytischem zeichnen“ nur mehr ein freiwilliges Zusatzangebot, während unter dem zweiten Bauhaus-Direktor Hannes Meyer die Architektur in den Vordergrund rückte.

Ein hochinteressantes Ergebnis des Forschungsprojekts der „Société Kandinsky“ sind die Bildtafeln, die der Künstler im Unterricht verwendete. Unter 200 aus Zeitschriften und Werbeprospekten ausgeschnittenen Fotografien, die sich in Kandinskys Pariser Nachlass fanden, können inzwischen 40 nach ihrer Herkunft entschlüsselt werden; 28 sind auf einer großen Tafel als „Bildatlas“ im Bauhaus-Archiv zu sehen. Sofort kommt einem Aby Warburg mit seinen gleichzeitigen Bilderreihen in den Sinn. Kandinsky benutzte seine Ausschnitte für Vorträge und für den Unterricht, in dem er die Entwicklung der modernen Kunst behandelte und gerne auf Beispiele nicht-europäischer Kulturen zurückgriff, insbesondere aus der Architektur, um Gemeinsamkeiten der Konstruktionsprinzipien darzulegen. Kandinsky sprach in seinem Unterricht mitnichten für zweckfreie Kunst, sondern zeigte Beispiele aus Industrie und Technik, ganz besonders in seiner Lehrstunde von 1931, „kunst-wissenschaft-technik-natur“, in der er die Verwandtschaft dieser vier Gebiete betonte. Wassily Kandinsky war stets als reflektierender Künstler bekannt, seine frühen Schriften, vor allem „Über das Geistige in der Kunst“ von 1911, zählen zu den Grundlagen der modernen Kunst. Im Bauhaus-Archiv ist nun zu sehen, wie sorgfältig Kandinsky seine Überlegungen weitergegeben hat.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 8.9., Mi-Mo 10-17 Uhr, Katalog 29 €

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