Bayreuther Festspiele 2015 : Knall auf Schwall

Christian Thielemann triumphiert, Katharina Wagner probiert: Die Bayreuther Festspiele eröffnen mit „Tristan und Isolde“.

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Stephen Gould (Tristan) und Evelyn Herlitzius (Isolde).
Stephen Gould (Tristan) und Evelyn Herlitzius (Isolde).Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa

Er stand mal wieder im Zentrum aller Stürme. Die Berliner Philharmoniker sind so zerrissen, dass sie die Chefwahl erstmal platzen lassen? Eva Wagner-Pasquier, noch Ko-Festspielleiterin, darf angeblich den Bayreuther Hügel nicht mehr betreten? Anja Kampe gibt vier Wochen vor der Premiere ihre Rolle als Isolde zurück? Immer soll es etwas mit Christian Thielemann zu tun haben, der plötzlich zum Antagonisten Kirill Petrenkos stilisiert wird – nachdem der ihn bei der Philharmoniker-Wahl ausgestochen hat.
Geht’s noch? Müssen zwei hervorragende Dirigenten, nur weil jeder seinen ganz speziellen Charakter hat, notwendigerweise verfeindet sein? Bei „Tristan und Isolde“, der Premiere der Bayreuther Festspiele, antwortet der Umstrittene, indem er einfach dirigiert. Und das sensationell gut. Gerade weil er sich den Erwartungen verweigert. Weil er nicht besinnungslos eintaucht und orgiastisch untergeht in Richard Wagners „wogenden Schwall, in der Duft-Wellen tönendem Schall, in des Welt-Atems wehendem All“. Das auch, ja, aber immer mit einem völlig überzeugenden Restquantum Kontrolle, einem Zurückhalten, Stauchen, dann wieder frei Fließenlassen des musikalischen Stroms, einer durchdachten Agogik. So als wolle Thielemann sagen: „Seht her, das mit Kirill und mir, das ist alles Quatsch, ich kann genauso analytisch dirigieren wie er, wenn ich will.“

Katharina Wagner muss in ihrer zweiten Regiearbeit zeigen, dass sie’s kann

Zügig geht es los, kaum ist das Licht verloschen, erklingt schon der Tristan-Akkord, und bei dem Tempo bleibt es. Ein licht gestalteter, transparenter, trotz der dumpfen Deckelakustik des Grabens durchhörbarer, in all seinen motivischen Verästelungen klar in Klang gefasster „Tristan“ wird das, der ganz ohne Überwältigungsästhetik auskommt. Am Ende steht Thielemann verschwitzt, aber immer noch akkurat gescheitelt, alleine auf der Bühne, hält sich am Vorhang fest, nimmt das Applausgewitter, in das sich nur ganz wenige Buhs mischen, schüchtern lächelnd entgegen.
Gelegt haben sich also vorerst alle Stürme. Dafür fegt ein veritabler realer Julisturm über den Hügel, lässt die Fahnen im Wind knattern, vertreibt aber auch alle Wolken: traumhaftes, Eröffnungswetter, das im Saal für humane Temperaturen sorgt. Dass Angela Merkels Stuhl in der Pause zusammenbricht: geschenkt. Wichtig ist, dass sie war da, anders als letztes Jahr. Festspielchefin und Wagner-Urenkelin Katharina Wagner muss in ihrer zweiten Regiearbeit nach den nur mäßig aufgenommenen „Meistersingern von Nürnberg“ 2007 zeigen, dass sie’s kann – und die konservativen Wagneranhänger versöhnen, die sich seit Frank Castorfs „Ring“ von 2013 noch nicht beruhigt haben.

Beginn der Bayreuther Festspiele
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25.07.2015 14:58Im Festspielhaus in Bayreuth werden heute die ersten Gäste empfangen.


Als sich der Vorhang zum ersten Aufzug öffnet, gibt er ein hässliches Treppengebirge frei. Stufen führen in scheinbar wilder Zufälligkeit auf und ab ins Nirgendwo. Sofort ist deutlich, was sich die Regisseurin gedacht : Das Liebespaar findet keinen Ausweg aus seiner fatalen Verschlungenheit. Laut Programmheft diente eine Zeichnung von Piranesi von 1761, ein imaginierter Kerker, als Vorlage. Mit viel gutem Willen kann dies auch ein Schiffsbug sein, wir befinden uns immerhin auf der Überfahrt nach Cornwall. Manche Treppen bewegen sich, eine Anspielung auf Harry Potters Schule Hogwarts, wo sich das Treppenhaus in magischer Willkür ständig verändert? Tristan als Zauberlehrling? Die Spur wird gelegt, aber nicht verfolgt – wie vieles in dieser Inszenierung.

Evelyn Herlitzius steht als Isolde ständig unter Strom

Da kommt auch schon der Ruf, die Stimme, die die Festspiele eröffnet: „Westwärts schweift der Blick.“ Tansel Akzeybek von der Komischen Oper Berlin singt den jungen Seemann, es ist sein Bayreuth- Debüt. Und wie schlägt sich Evelyn Herlitzius, die Einspringerin für Anja Kampe als Isolde? „Sich schlagen“ ist tragischerweise die passende Formulierung. Kampferprobt ist diese Stimme, dauerhysterisch, man hört die Elektra, die Herlitzius demnächst wieder in München singt. Sie gibt alles, steht ständig unter Strom, singt mit einem schmerzhaften Stich ins Metallische – und verfehlt doch die Figur. Wer will eine Frau lieben, die sich nur mit Rüstung ins Bett legt? Was Herlitzius fehlt, was aber auch ein dramatischer Sopran braucht, sind die Zwischentöne und ja, auch das Lyrische. Eine Stimme in Gefahr, man muss sich Sorgen um sie machen.

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