"Being and Becoming" von Clara Bellar : Alle Tage schulfrei

Der Dokumentarfilm "Being and Becoming" erzählt von Eltern, die ihre Kinder lieber nicht einschulen. Und von Kindern, die auch ohne Anleitung lernen wollen.

Bartels, Gunda
Lehrer? Haben wir nicht! Lernen wollen diese Kinder trotzdem was.
Lehrer? Haben wir nicht! Lernen wollen diese Kinder trotzdem was.Foto: pourquoi pas productions

Eltern, die ihre Kinder nicht einschulen? Klar, das sind religiöse Fundamentalisten, diese Spinner, die Kinderseelen fern von Evolutionstheorie und Sexualkunde halten wollen. Zumindest ist das das Klischee, das sich durch spektakuläre Justizfälle im auf der allgemeinen Schulpflicht beharrenden Deutschland aufdrängt.
Doch genau diese Sorte Eltern mit dem regressiven Weltbild kommt in Clara Bellars Dokumentarfilm „Being and Becoming“ nicht vor. Die französische Schauspielerin und Regisseurin zeigt auf ihrer die USA, Frankreich, England und Deutschland streifenden filmischen Erkundung der Welt des selbstbestimmten Lernens ausnahmslos edle Menschen. Und sehr eloquente noch dazu. Sie sind daran gewöhnt, sich gegen den gesellschaftlichen Vorwurf zu verteidigen, ihren Kindern mit der Schule auch einen wichtigen Teil der Sozialisation oder Bildung vorzuenthalten.
Die Kinder sind in der sich a immer mehr zu einem Image-Film für die Freilerner-Bewegung auswachsenden Dokumentation ausnahmslos als glückliche, musisch begabte und wissbegierige Geschöpfe zu sehen. Auf altem Filmmaterial aus Kindertagen, das die häufig als Künstler oder Autoren tätigen Akademikereltern, vorausschauend aufgenommen haben. Als Spielgefährten des kleines Sohnes der Regisseurin, dessen Geburt der Auslöser für die Recherche war. Und als erwachsene Gesprächspartner, die nach einem Studium in Harvard oder Oxford der lebende Beweis dafür sind, dass Schulverweigerer noch lange keine Bildungsversager sind.

Selbstbestimmtes Lernen ist kein Zuhause-Unterricht

Wobei die Anhänger des selbstbestimmten Lernens noch nicht einmal identisch mit den sogenannten „Homeschoolern“ also Zuhause-Unterrichtern sind. Nein, Bellars geht es um die von Reformpädagogen wie A. S. Neill beeinflusste Idee, dass Kinder sich von Natur aus für Wissen und Fertigkeiten interessieren. Ohne zielgerichtete Anleitung, aber - wenn gewünscht - mit Hilfestellung von Erwachsenen. Die wiederum begreifen die Kinder als Partner und nicht als Gäste im eigenen Leben, die es möglichst oft aus dem Haus zu schaffen gilt. Ein Modell, dass sich – wie der reichlich additiv Interviews aneinanderreihende Film nicht verschweigt – nur für Freiberufler oder Paare eignet, wo mindestens einer bereit ist, sich ganz den Kindern zu widmen. Auch bei Künstlers und Freidenkers sind das meist Mütter.

Die passen übrigens sowohl ins Hippie- wie ins Bildungsbürgerraster und machen „Being and Becoming“ bei aller Parteinahme zu einem bedenkenswerten und ermutigenden Film. Einem Film, der an die Kraft jedes Menschen glaubt und das Prinzip Schule trotz aller Demokratisierungsbemühungen als autoritäre Erziehungsanstalt benennt, die einfach nicht zu jedem Individuum passt. Besonders, wenn die postkapitalistische Welt zukünftig eher improvisationsfähige Kommunikationstalente als funktionierende Karriereristen braucht.

"Being and Becoming" läuft OmU im B-Ware Ladenkino in Friedrichshain.