Ben Lerner und sein Roman "22:04" : Die ausgeglühte Kunst

Der amerikanische Dichter Ben Lerner kämpft in seinem Roman „22:04“ um literarische Ernsthaftigkeit. Ohne Ironie kann das nicht abgehen.

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Frisch ausgezeichnet mit einem MacArthur Fellowship, dem sogenannten Genius Grant. Der in New York lebende Schriftsteller Ben Lerner.
Frisch ausgezeichnet mit einem MacArthur Fellowship, dem sogenannten Genius Grant. Der in New York lebende Schriftsteller Ben...Foto: Wikipedia

Die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit ist hauchdünn. Wer sich auf der Bühne in Rage redet, muss tatsächlich einen Funken Wut in sich entfachen. Wer eine Blume malt, hat sie, direkt oder indirekt, vor Augen. Und wer sich in die jenseitigen Gebiete von Beethovens letzter Klaviersonate Nr. 32 begibt, kommt nicht umhin, mindestens einen Schritt aus dem eigenen Leben heraus zu tun. Alles in der Kunst ist wie in der Wirklichkeit – nur ein klein wenig anders: Teil einer symbolischen Ordnung, in der nichts mehr einfach es selbst ist. Der Schauspieler übernimmt eine Rolle, der Komponist betätigt sich bei allem handwerklichen Aufwand als eine Art Medium, und das Publikum versucht dem, was sogar in der unsinnlichsten und ungegenständlichsten Kunst ein Stück Illusion bleibt, die ihm zugemessene Bedeutung abzugewinnen.

Zugleich bleibt der Abstand zwischen Kunst und Wirklichkeit unendlich. Vielleicht, und hier kommt der amerikanische Dichter, Erzähler und Essayist Ben Lerner ins Spiel, ist aber sogar das selbstverständliche Band zwischen den Sphären zerrissen, und das Beschwören menschheitlicher Traditionen nichts als ein Festhalten an Gewohnheiten, deren Sinn sich erschöpft hat. Was geschieht, wenn in den Konzertsälen jahraus, jahrein Beethovens Schicksalssymphonie gespielt wird? Ist es mehr als ein Ritual, wenn in den Schulen „Hamlet“, „Antigone“ und „Faust“ gelehrt werden? Und betreibt nicht die James-Bond-Reihe einer geradezu neurotische Kulturpflege, die sich besser in rein merkantilen Begriffen beschreiben ließe?

Der Dichter als Scharlatan

Zumindest der Ich-Erzähler von Lerners erstem Roman „Abschied von Atocha“, ein mit einem Madrid-Stipendium ausgestatteter US-Lyriker namens Adam, müsste darüber Bescheid wissen. Als Vertreter einer Minderheitenkunst, die zur Not auf die stille Bewunderung junger Damen, nicht jedoch auf breiten Rückhalt in der Bevölkerung hoffen darf, sollte er das Verteidigenswerte verteidigen können. Doch nicht nur, dass er in seinem kiffenden Schluritum ständig erwartet, als der Scharlatan enttarnt zu werden, der er in vieler Hinsicht ist. Er fühlt sich – jenseits der Lektüre von Federico García Lorca und John Ashbery – nicht einmal in der Lage, die Größe fremder Meisterwerke wahrzunehmen. Allmorgendlich begibt er sich in den Prado und stellt sich vor Rogier van der Weydens „Kreuzabnahme“ aus dem 15. Jahrhundert, unfähig zu der profunden Kunsterfahrung, die ihm die museale Umgebung abverlangt. Während andere davor in Tränen ausbrechen, bleibt er innerlich reglos.

Der Ich-Erzähler von Lerners zweitem Roman „22:04“ ist Adam eng verwandt. Die Tatsache, dass er nun Ben heißt, in New York lebt und mit einem sechsstelligen Vorschuss an einem zweiten Roman schreibt, dem der Leser bei der Entstehung zusieht, sollte einen nicht dazu verleiten, ihn für ein noch reineres Alter Ego zu halten. Ben Lerner, 1979 in Topeka, Kansas, geboren und aufgewachsen, hat gerade ein MacArthur Fellowship, den sogenannten Genius Grant, zugesprochen bekommen, eine fünf Jahre währende Förderung für US-Künstler und Wissenschaftler aller Sparten, und schreibt an einem Buch über den Hass, mit dem Dichtung seit Platons Zeiten zu leben hat.

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