Berlin Art Week : Gibt es einen Berliner Stil?

Wir brechen zu einer Zeitreise in den alten Westen auf und in die Berliner Kunstszene von den sechziger Jahren bis heute. Berlin ist keine Insel mehr, sondern viele Inseln, die eher mit Brooklyn oder Stockholm benachbart scheinen als untereinander. Gibt es trotzdem einen Berliner Stil?

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Die Kühle eines OP-Saals stellte Maina-Miriam Munsky im Bild "Bein I" dar. Die Galerie Poll erinnert bis 2. November mit einer Retrospektive an die Realistin.
Die Kühle eines OP-Saals stellte Maina-Miriam Munsky im Bild "Bein I" dar. Die Galerie Poll erinnert bis 2. November mit einer...Foto: Privatsammlung VG Bildkunst 2013

Malerei ist tot! Malerei lebt! Für immer! Sätze über Malerei ergeben selten Sinn. Lebt sie denn nicht, die Malerei? Aber ja doch! Aber stirbt sie denn nicht? Na klar, und wie, in jedem guten Bild. „Painting Forever!“: Dass die Art Week mit einem Kampfbegriff operiert, der heute so unscharf ist wie die Grenzen zwischen den Gattungen, hat Berliner Kunstschaffende irritiert. Malerei steht für das Versprechen, dass man Kunst unmittelbar gegenübertreten kann. Ohne theoretisches Rüstzeug und ohne sich vorher die Recherchen und Referenzen der Künstler erklären lassen zu müssen, bis die Wahrnehmung ganz eng geworden ist. Mit Malerei lässt sich ein breites Publikum gewinnen. Und Geld machen. So hat sich das Tafelbild in den letzten Jahren zur Anlageoption neben Gold oder Beton aufgeschwungen.

Das Argument, die Berliner Museen hätten zuletzt zu wenig Malerei gezeigt, mag aus Sicht von Galerien wie Contemporary Fine Arts berechtigt sein – von der nun zwei Vertreter in der Nationalgalerie zu sehen sind. Dabei werden im Ausspielen von Medien nur künstliche Grenzen hochgezogen wie einst im Kalten Krieg, als der Maler Karl-Horst Hödicke 1965 in der Schöneberger Galerie Großgörschen 35 seine „Krone des Geschmacks (Kleine Scheibe)“ ausstellte.

Anfang der Sechzigerjahre begann sich die Enklave West-Berlin international zu öffnen. Den Anfang machten wie so oft der Kulturbetrieb und die Künstler. Alte Berliner zogen weg, junge Wehrdienstverweigerer und Abenteurer kamen her, wie Georg Baselitz, dessen Galerist Michael Werner, Markus Lüpertz oder der spätere UdK-Professor Hans-Jürgen Diehl. Galeristen wie René Block oder Michael Cullen mischten den traditionellen Kunsthandel, der von einer Handvoll Galerien wie Bassenge und Rudolf Springer am Leben gehalten wurde, mit Ausstellungen von Richter, Polke oder R. B. Kitaj auf.

Diehl, Lüpertz und Hödicke waren unter den 15 Studenten und Absolventen, die 1964 die erste Selbsthilfegalerie Berlins, wahrscheinlich Deutschlands, eröffneten. Die 125 Mark Miete wurden geteilt, ausgestellt wurde reihum, wochenends lasen Friedericke Mayröcker, Ernst Jandl oder Peter Handke. Großgörschen 35 war das Modell für die zahlreichen Projekträume, die heute die Vielfalt der Berliner Kunstlandschaft sichern.

Die Großgörschener überwanden den Nachkriegsstreit zwischen Figuration und Abstraktion in einem expressiven Neo-Realismus. Im Rückgriff auf die Neue Sachlichkeit brachen sie die Blockaden der Adenauerzeit auf und eroberten sich das eigene Recht auf Geschichte. Wendet sich heute, wer politisch denkt, eher Installation und Video zu, war bei Diehl, Peter Sorge oder Ulrich Baehr die Leinwand der Kampfplatz gegen Militarismus und Konsum. Hödickes oben erwähnte „Kleine Scheibe“, eine Collage auf einer frei stehenden Glasscheibe, spaltete denn auch die Gruppe wie ein antifigurativer Schutzwall. Künftig stellte Hödicke eher bei René Block aus, der Konzeptkunst und Fluxus propagierte (und Malerei).

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