Berliner Bauakademie : Zukunftslabor statt Museum

Soll die neue Bauakademie wirklich ein Museum werden? Wichtiger wäre, den Blick nach Vorne zu richten. Ein Gastbeitrag vom Direktor der Berlinischen Galerie.

Von Thomas Köhler
Fassade der Bauakademie aus Plastikplanen.
Fassade der Bauakademie aus Plastikplanen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Bund schenkt der Hauptstadt eine neue Bauakademie. Ein Grund zur Freude natürlich. Aber auch ein Anlass, darüber nachzudenken, was diese 62 Millionen Euro konkret bewirken könnten. Geht es vor allem um einen optischen Lückenschluss? Eine Rekonstruktion des Ensembles aus (rekonstruiertem) Stadtschloss, (rekonstruierter) Kommandantur und eben (rekonstruierter) Bauakademie? Um die Neu-Inszenierung der historischen Situation rund um den Schinkel-Platz? Geht es also vor allem um die Fassade? Oder sollten wir uns nicht viel stärker um die Funktion eines neu zu errichtenden Gebäudes an dieser Stelle kümmern?

Erinnern wir uns kurz daran, wie quälend lang der Prozess zum Humboldt-Forum war. Da gab es das Votum des Bundestags, den Palast der Republik abzureißen und das Stadtschloss zu rekonstruieren – und danach wurde mühsam darum gerungen, was man mit den 30 000 Quadratmetern Fläche überhaupt anfangen soll. Wie, mit was und von wem die preußisch glänzende Hülle zu füllen sei. Ähnliches könnte nun im Fall der Bauakademie drohen. Es gibt Geld vom Bund, also wird angefangen zu bauen. Ein passender Zweck wird sich schon finden.

So läuft es leider oft, wenn der Bund in die Repräsentationsarchitektur seiner Hauptstadt investiert. Aber wäre es nicht sinnvoller, zunächst zu überlegen, was genau dort hinein soll, bevor man an dem Ort, an dem Schinkels berühmte Bauakademie stand, etwas Neues schafft? Ein Architekturmuseum, das die Geschichte der Berliner Baukunst seit dem frühen 19. Jahrhundert über die zwanziger Jahre und Speers Germania-Fantasien bis in die Gegenwart dokumentiert, hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kürzlich in dieser Zeitung skizziert. Inklusive „Schinkel-Stube“, wie Hermann Parzinger es nennt, also eine konservierend-ehrende Verbeugung vor dem großen Architekten.

Noch ein Museum in dieser Umgebung?

Ein Neubau nach historischem Vorbild bleibt Attrappe und eignet sich kaum als Museumsbau, an dem Fragen zeitgenössischer Baukultur und Urbanistik behandelt werden. Licht- und Klimatechnik sowie Funktionsbereiche wären kaum adäquat unterzubringen, ohne massiv ins äußere Erscheinungsbild einzugreifen.

Ist ein weiteres Museum gegenüber der Museumsinsel in direkter Nachbarschaft zum Humboldt-Forum das, was wir an dieser Stelle brauchen? Parzinger erwähnt nur in einem Nebensatz eine „Bauakademie 4.0“, die es zu integrieren gelte. Architekt Hans Kollhoff spricht von einem „Kompetenz-Zentrum“. Das darf kein Randaspekt sein, sondern sollte die Hauptsache werden: Wir müssen ein Forum schaffen, das nicht nur die Vergangenheit zeigt, sondern in dem über die Zukunft von Architektur und Stadtentwicklung nachgedacht wird.

Zentrum, Labor, Schule, Neue Berliner Bauakademie – hier sollte ein Ort entstehen, an dem die klügsten internationalen Architekten, Stadtplaner, Kunsthistoriker, Kritiker zusammen mit Politikern darüber streiten, wie die Stadt in zehn, 50 oder 100 Jahren aussehen soll. Wo über das Für und Wider von innerstädtischer Verdichtung debattiert wird. Über Zuzug und Verdrängung: Wie bewältigt die Stadt die Aufgabe, für jährlich Zehntausende neue Bürger Wohnraum zu schaffen? Wie geht das, ohne wieder Trabantensiedlungen hochzuziehen? Wie geht neues Bauen für viele? Wie lässt sich Segregation, das Entstehen von Reichen- und Armen-, Wohn- und Konsum-Quartieren verhindern? Es muss dort darüber geredet werden, wie nicht nur in Berlin Wohnen und Arbeiten besser verknüpft werden können, wie sich der Autoverkehr beschränken lässt zugunsten des öffentlichen Nahverkehrs, der Fußgänger und Radfahrer.

Eine Kirche wird zerstört

Natürlich auch darüber, wie sich die ästhetische Qualität der Gebäude verbessern lässt und wie viel Einfluss die Stadt den Investoren zubilligen will. Was sie tun kann, um deren Interessen mit denen der Bürger in Einklang zu bringen. Eines der markantesten Beispiele für diesen Konflikt hat die Bauakademie vor der Haustür: Dass die Fundamente der Schinkel-Kirche durch die Tiefgaragen des angrenzenden Wohnblocks gefährdet sind, ist ja nur der bautechnische Aspekt. Die eigentliche Frage ist doch, wie es überhaupt möglich war, der historischen Kirche so erdrückend nah zu kommen.

Fragen wie diese sind ungeheuer wichtig für die aus allen Nähten platzende Metropole Berlin. Auch das Thema, wie sich zwischen Bund und Berlin gesamtstaatliche Repräsentationsbedürfnisse und bereits bestehende Strukturen effizienter und rücksichtsvoller vernetzen lassen, wäre zu diskutieren. Der kostenintensive Mitte-Boom und die verständliche Idee der Stadtreparatur konzentriert den Tourismus, bedrängt aber auch Kulturprojekte außerhalb des Zentrums.

Eine Bauakademie des 21. Jahrhunderts könnte Maßstäbe für Deutschland setzen und müsste internationale Ausstrahlung entwickeln. Kurz: Ich plädiere dafür, in einem solchen Zentrum nicht nur Vergangenheit zu beleuchten, sondern es viel stärker und in erster Linie auf die Zukunft des Bauens auszurichten. Eine Akademie für Innovation und Experiment.

Wäre ein solches Zukunftslabor in einer Hülle aus dem Jahr 1836 gut untergebracht? Schinkels Gebäude war revolutionär. Ist es nicht sinnvoller, jungen, ebenso revolutionär denkenden Architekten heute eine Chance zu geben? Dass Berlin weiß, wie man Fassaden rekonstruiert, hat es beim Stadtschloss ja hinreichend bewiesen. Am Schinkelplatz wäre der richtige Ort für einen Kontrapunkt – für einen mutigen, zeitgenössischen Wurf.

Der Autor ist seit 2010 Direktor der Berlinischen Galerie, deren Architektursammlung den größten Teil des Gesamtbestands ausmacht.

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