Kultur : Berlins Baukunst: Das Architekten-Quartett

Helmut Caspar

Nach dem Einzug des Bundeskanzlers in sein neues Amt am Spreebogen ist das Staatsratsgebäude am Schlossplatz verwaist. Niemand kennt seine künftige Verwendung. Peter Conradi, Präsident der Bundesarchitektenkammer, wünscht seine Umwandlung in ein öffentliches "Haus der Architektur". Berlin brauche eine solche Begegnungsstätte, der Bundesnachrichtendienst sei hier fehl am Platze, sagte Conradi am Dienstagabend bei der Eröffnung einer neuen Diskussionsreihe, des Berliner Architekturquartetts.

In Anlehnung an Marcel Reich-Ranickis Literarisches Fernsehquartett wurden drei Neubauten in Berlin vorgestellt und von Kritikern bewertet: die nach Plänen von Claude Vasconi gebauten Borsighallen in Tegel, Hans Kollhoffs auf einem Charlottenburger Parkplatz errichtete Leibniz-Kolonnaden und das von Axel Schultes und Charlotte Frank geschaffene Bundeskanzleramt. Die Aussicht auf Information über heutige Baukultur und kompetente Urteile dazu hatte erstaunlich viel Publikum in den Kinosaal des Staatsratsgebäudes gelockt. Die Stühle reichten nicht aus, zahlreiche Besucher mussten stehen. Die Zeit ist ihnen dennoch nicht lang geworden, kaum jemand verließ die von Hanno Rauterberg ("Die Zeit") moderierte Betrachtung der Berliner Architekturszene vorzeitig.

Sanft gingen die Diskutanten auf dem Podium mit den von Claus Käpplinger vorgestellten Schöpfungen nicht um. Es fielen harte, von einigen Gesprächsteilnehmern als ungerecht empfundene Worte. Etwa für Kollhoffs 170 Millionen Mark teure Leibniz-Kolonnaden, einem Mix aus Geschäften, Gastronomie und Wohnungen, denen vorgeworfen wurde, in ihrer Unwirtlichkeit und Beengtheit durchaus DDR-Plattenbauten alle Ehre zu machen. Amber Sayah, Architekturkritikerin der "Stuttgarter Zeitung", nannte die um einen Platz gruppierten Riegel kahl, kalt und nackt. Sie fühle sich an Nazi-Architektur erinnert, der von Kollhoff leer gehaltene Platz habe kein Flair und lasse sie nur erschauern. Dem Urteil schloss sich der Berliner Kritiker Wolfgang Kil an. Wenn diese "Architektur für Architekten" ohne Rücksicht auf die Nutzer Schule mache, sagte Kil, "dann: Gute Nacht Berlin". Aus lebendigem Stein sei mit großem Aufwand nur "Platte" hervorgegangen. Warum die Leibniz-Kolonnaden trotz solcher Expertenschelte von den Menschen angenommen werden, etwa indem sie Wohnungen dort kaufen, konnte nicht geklärt werden.

Besser fiel die Bewertung der Borsighallen aus, die Wohnen, Gastronomie, Fitness und Einkaufen kombinieren und durch Einbeziehung ehemaliger Fabrikarchitektur regionalgeschichtliches Flair verbreiten. Vasconis Schöpfung sei allemal besser als beispielsweise die Potsdamer-Platz-Arkaden, die phantasielos und langweilig seien, sagte Norbert Lammert, der als "interessierter Laie" eingeladene Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien.

Beim Bundeskanzleramt wurde der eklatante Gegensatz zwischen gestalterischem Anspruch und der schlechten Ausführung beklagt. Lammert findet den noch von Kanzler Kohl in Auftrag gegebenen Büroriegel über die Spree "zu klotzig", aber nicht einschüchternd. Er hofft mit den anderen Diskutanten auf Nachbesserungen, indem etwa die bisher noch leere Mitte zu einem wirklichen Bürgerforum ausgestaltet wird.

Ob die architekturkritische Quartett-Runde zur ständigen Einrichtung in Berlin werden wird, wie Conradi hofft, ist offen. Wenn ja, dann sollte sie sich später nicht nur mit Fertigem befassen, sondern auch mit Projekten, die im Enstehen sind und unter Umständen noch verbessert werden können. Aber auch der Einstand war schon Erfolg versprechend.

Die nächste Gelegenheit für den Normalbürger, sich mit dem Bundeskanzleramt als Schöpfung heutiger Baukultur zu befassen, wird Anfang September beim Tag der offenen Tür sein.

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