Kultur : Böse, böse, gut

Wagner spielen? In Israel tabu. Heute macht es das Israel Chamber Orchestra vor – in Bayreuth

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Maestro im Stresstest. Dirigent Roberto Paternostro. Foto: Franco Lannino
Maestro im Stresstest. Dirigent Roberto Paternostro. Foto: Franco Lannino

Zwei Proben für Richard Wagners „Siegfried-Idyll“? Für professionelle Musiker kein Problem. Trotzdem habe man überlegt, sagt der Solo-Klarinettist des Israel Chamber Orchestra (ICO), Dan Erdmann, ob nicht jeder von ihnen seine Noten mit nach Hause nehmen solle, um zu üben – schließlich habe man noch nie Wagner gespielt, im ganzen Leben nicht, keine einzige Note. Aufs Üben in Tel Aviv haben sie dann allerdings doch verzichtet. Um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Wagner in Israel ist ein Problem, immer noch und bis auf weiteres. Erdmann und seine Kollegen werden das „Siegfried-Idyll“ also beim Konzert heute um 11 Uhr in der Bayreuther Stadthalle zum dritten Mal in der Geschichte des Orchesters spielen. Eine (fast) jungfräuliche Begegnung.

Der Plan des ICO, als erstes israelisches Orchester Wagner zu spielen und zwar: in Deutschland! in Bayreuth!, dieser Plan hat in Israel die alten Reflexe ausgelöst und für mächtig Aufruhr gesorgt. Rechte Politiker wollten im Parlament einen Antrag auf Entzug der Subventionen einbringen, in diversen Internetforen ging es hoch her, Holocaust-Überlebende protestierten. „Ich respektiere das Schicksal dieser Menschen“, betont Chefdirigent Roberto Paternostro im Gespräch in Bayreuth. „Denn was soll ich jemandem sagen, der in Auschwitz die Hölle erlebt hat? Es gibt auch Menschen in Israel, die kaufen bis heute keine deutschen Produkte. Ende. Davor habe ich zu schweigen, in Ehrfurcht.“ Und dann erzählt er von einer hitzigen Radiodiskussion am Vorabend ihrer Abreise. Wartet, bis wir tot sind, habe einer der Gegner des Projekts immer wieder gerufen. Wäre das Problem dann aus der Welt geschafft? „Oft sind die Nachkommen, die Enkel und Urenkel der Überlebenden in ihren Ansichten viel militanter, viel aggressiver“, sagt Erella Talmi vom Management des Orchesters, die an der Diskussion teilgenommen hat. „Wagner ist in Israel ein Symbol. Ein Symbol für das Böse.“

Dieses Böse freilich scheint sich vor Ort sauber zu trennen. Auf der einen Seite ist da die Stadt, die in dem Projekt eine „Jahrhundert-Chance“ wittert (der Kulturbeauftragte Nikolaus Richter), eben weil Bayreuth ein „Kraftzentrum des Nationalsozialismus“ (Oberbürgermeister Michael Hohl) gewesen sei. Auch wenn man diese Formulierung in ihrer Direktheit bezweifeln mag und muss: Die Bilder eines Adolf Hitler, der vom Balkon des Festspielhauses grüßt, einer mit Hakenkreuzfahnen beflaggten Auffahrtsallee, sie wirken bis heute nach. Und auf der anderen Seite stehen die Festspiele selbst, die dieser Tage zwangsläufig mit ganz anderen Dingen befasst sind, mit der Eröffnungspremiere, dem neuen „Ring“-Regisseur und den unter gewerkschaftlichem Einfluss offenbar gravierend verschlechterten Produktions- und Arbeitsbedingungen. So hat Katharina Wagner zwar die Schirmherrschaft über das Konzert des ICO übernommen, glänzte bei der Pressekonferenz aber durch Abwesenheit. Ein Signal? Nein. Nur keine Zeit, nur schlechtes Timing.

40 Grad in Tel Aviv und gefühlte zehn Grad in Bayreuth, eine Bombendrohung bei der Landung auf dem Münchner Flughafen, Polizeischutz vor und hinter den Kulissen: Roberto Paternostro steht die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. „Wir kommen als Musiker hierher, nicht als Politiker“, fleht er und zählt die anderen Komponisten ihres Programms auf: Mahler, Mendelssohn, Liszt und der Israeli Tzvi Avni. Und ein wenig scheint es Paternostro, der gebürtige Österreicher, auch leid zu sein, die immer gleichen Argumente (die man seit Zubin Mehtas Wagner-Versuch mit dem Israel Philharmonic Orchestra 1981 und Daniel Barenboims Staatskapellen-Konzert in Jerusalem 2001 kennt) hin und her zu wenden: „Einem Orchester, das keinen Wagner spielt, fehlt etwas. Punkt.“ Ästhetisch aber will das derzeit niemand diskutieren, wiewohl es hochinteressant wäre. Denn wo gibt es das in dieser durchglobalisierten Musikwelt noch, dass nicht alle alles können, wollen, sollen und dürfen? Und was heißt es für die Pflege der Moderne, für Mahler, Schönberg und Strauss, wenn ausgerechnet der Klangbaustein Wagner als missing link gilt?

Das Konzert, sagt die Stadt, sei gut verkauft. Flankierend habe man ein Education-Programm in Bayreuther Schulen aufgelegt und einen Onlineworkshop ins Leben gerufen. Die israelische Presse wird da sein, viele deutsche Politiker haben sich angekündigt. Vielleicht sogar Angela Merkel, ganz vielleicht sogar der israelische Botschafter. Musste es eigentlich unbedingt Bayreuth sein, wird damit nicht arg wider den Stachel gelöckt? „Um etwas zu bewirken, muss man manchmal den Holzhammer nehmen“, antwortet Paternostro und erschrickt über sich selbst, so habe er das noch nie formuliert. Für die „Tannhäuser“-Premiere scheint der Holzhammer, nach allem, was man hört, jedenfalls kein schlechtes Motto zu sein.

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