Booker-Prize 2011 : Die Unruhe des Alters

Zeit ist geschmeidig - und die Erinnerung trügerisch: In seinem dieses Jahr mit dem Booker-Prize ausgezeichneten neuen Roman erzählt der britische Schriftsteller Julian Barnes vom „Ende einer Geschichte“.

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Am Ende dieser Geschichte ist für Anthony Webster nichts mehr, wie es vorher war. Die Gewissheit über den Verlauf seines bisherigen, gut sechseinhalb Jahrzehnte währenden Lebens hat sich verflüchtigt. „Es herrscht große Unruhe“ – so lautet der letzte Satz, den Julian Barnes seinen Ich-Erzähler in seinem dieses Jahr mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten neuen Roman sagen lässt. Eine Unruhe, die diesen ansonsten präzise wie ein Uhrwerk erzählten Roman von der ersten Seite an begleitet. Webster konstatiert gleich auf der ersten Seite, die Zeit an sich nie so recht verstanden zu haben. Immerhin weiß er, dass „am Ende das, was man in Erinnerung behält, nicht dasselbe ist wie das, was man beobachtet hat.“

Trotzdem tut Webster sein Bestes, seine Lebensgeschichte erst einmal so zu erzählen, wie er glaubt, dass sie sich zugetragen habe, insbesondere die dem ersten Anschein nach gar nicht so unerhörten Begebenheiten, die dann später alles ins Wanken bringen. Er berichtet also von einer Gruppe von vier Schülern und Freunden, zu der einer erst später dazustößt, Adrian, der vielleicht Klügste, in der Philosophie Bewandertste, der sich dann, alle vier studieren schon, das Leben nimmt. Webster erzählt von einem Mädchen, in das er sich verliebt, Veronica, mit der er zusammen ist, aber erst Sex hat, als sie kein Paar mehr sind. Er schildert einen Besuch bei ihr und ihren Eltern, den er in sehr schlechter Erinnerung hat, denn er wird von Veronica, ihrem Vater und ihrem Bruder herablassend behandelt, nicht aber von Veronicas Mutter. Und Webster erzählt davon, dass schließlich Adrian sein Nachfolger bei Veronica wird und dieser ihn vorher in einem Brief um Erlaubnis bittet, genau das zu werden. Webster antwortet erst mit einer Postkarte und schließlich einem Brief. Darin erteilt er Adrian nicht nur die Erlaubnis, sondern er erklärt auch, „was ich von ihren gemeinsamen moralischen Skrupeln hielt.“

Damit hätte es sein Bewenden haben können, wie Webster zunächst glaubt, der Rest des nicht weiter spektakulären Lebens hätte aus ein paar Erfolgen und ein paar Enttäuschungen bestehen können – doch so läuft es nicht im Leben und schon gar nicht im Zusammenspiel von Zeit, Erinnerung und Vergessen. „The Sense of an Ending“ heißt Barnes’ Roman in nicht nur wortwörtlicher Anlehnung an ein Buch und eine Vorlesungsreihe des im vergangenen Jahr verstorbenen britischen Literaturwissenschaftlers Frank Kermode. Unter anderem stellte Kermode darin Fiktionen als einen stetigen Versuch dar, der Zeit ein Gerüst in Form eines Anfangs und eines Endes zu verpassen, um so letzten Endes das Leben besser verstehen zu können.

Dass diese Linearität immer wieder durchkreuzt wird, dass das Leben keine Logik kennt, wie schon eine der drei Hauptfiguren in Barnes’ Liebesroman „Liebe etc.“ wusste, ja, dass es sich in der Erinnerung selbst zu einer Fiktion auswachsen kann – all das muss Barnes’ Ich-Erzähler erkennen, als er vierzig Jahre nach den geschilderten Ereignissen eine kleine Erbschaft macht. Veronicas Mutter hat ihm nach ihrem Tod 500 Pfund vermacht – und, viel wichtiger, das Tagebuch Adrians. Das aber will Veronica nicht herausrücken. Bei seinen Nachforschungen und seinen Begegnungen mit Veronica erfährt Webster, was sich damals sonst noch zugetragen hat und welche nicht ganz so edle Rolle er selbst und sein Brief an Adrian dabei gespielt haben.

Fast wie ein Krimi liest sich dieses Buch in seinem zweiten Teil, zunehmend baut sich Spannung auf, schon allein, weil man von Beginn an um die Unzuverlässigkeit von Websters Erinnerungen weiß, um die „Geschmeidigkeit der Zeit“. Tatsächlich bezieht diese Geschichte daraus ihren Reiz – und aus dem Geschick, mit dem Barnes seine Thesen und Motive entwickelt, nicht so sehr aus der Handlung und den Ereignissen und den nicht wahnsinnig aufregenden oder gar lebensprallen Figuren. Julian Barnes’ Novelle, die auf Deutsch den etwas irreführenden Titel „Über das Ende einer Geschichte“ bekommen hat, ist eine Meditation über das Altern, die Erinnerung und das Vergessen, darüber, wie all das einem Menschen gerade auch im Winter des Lebens einen üblen Streich spielen kann. Letztendlich ist dieses Buch ein gelungener Versuch, der Essenz von Literatur überhaupt auf die Spur zu kommen.

Zudem sollte man „Vom Ende einer Geschichte“ vielleicht auch vor dem Hintergrund von Barnes’ letztem Buch „Nichts, was man fürchten müsste“ lesen, einer Mischung aus autobiografischem und philosophischem Essay über den Tod. Barnes stellt darin einmal die Frage: „Doch wer weiß schon, was das Alter mit uns macht?“ Man kann diese jüngsten Bücher des britischen Schriftstellers als Antwort auf diese Frage verstehen, ihre thematische Ausrichtung. Doch natürlich gibt es keine befriedigende und schon gar keine beruhigende Antwort darauf, wie das Schicksal von Anthony Webster zeigt. Der kann am Ende nur hoffen, dass das Vergessen abermals seine manchmal eben auch wohltuende Arbeit verrichtet.

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 182 Seiten, 19,90 €.

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