Briefe von Johannes Bobrowski : Fluchtpunkt Sarmatien

Zum 100. Geburtstag von Johannes Bobrowski erscheint eine vierbändige Ausgabe seiner Briefe. Sie dokumentiert sowohl die Entwicklungssprünge des Dichters als auch seine Freundschaften.

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Gesamtdeutsche Stimme. Johannes Brobowski, hier im Jahr 1964
Gesamtdeutsche Stimme. Johannes Brobowski, hier im Jahr 1964Foto: Ullstein/Heinz Köster

Der melancholische Dichter aus dem ostpreußischen Tilsit war auch ein großer Musiker. Wenn er auf seinem Clavichord Barockstücke von Dietrich Buxtehude spielte, konnte er das Gewicht der Welt für ein paar Augenblicke auflösen. Johannes Bobrowski, am 9. April 1917 als Sohn eines Eisenbahnassistenten geboren, war in den frühen 1960er Jahren der berühmteste Dichter Deutschlands, dem die Aufgabe zufiel, die nach dem Mauerbau endgültig in zwei Teile zerrissene deutsche Literatur zu einen.

Nach seinem phänomenalen Debüt mit dem Band „Sarmatische Zeit“, der Ende Februar 1961 zuerst in der Bundesrepublik und neun Monate später in der DDR erschien, wurde er vier Jahre lang als poetischer Archäologe einer versunkenen Sehnsuchtslandschaft im Nordosten Europas gefeiert. Sein Haus in Berlin-Friedrichshagen wurde zur Wallfahrtstätte für Freunde, aber auch für Unberufene, die dem Dichter die Zeit stahlen. In dieser Phase der Erschöpfung brachte ihn eine verschleppte Blinddarmentzündung zu Fall, er starb am 2. September 1965 im Alter von nur 48 Jahren.

Wenn nun zum 100. Geburtstag des Dichters eine vierbändige Ausgabe seiner Briefe erscheint, dann gewinnen wir nicht nur genaue Einblicke in die staunenswerten Entwicklungssprünge des Dichters Bobrowski, sondern auch in die durchaus krisenanfälligen Freundschaften, die der zu Lebzeiten als Genie der Freundschaft gerühmte Dichter gepflegt hatte. Nun wird auch die monumentale Lebensleistung des Literaturwissenschaftlers Eberhard Haufe (1931–2013) sichtbar, der sich bald nach Bobrowskis Tod in die Sichtung und Erfassung der Briefe des Dichters vertieft hatte.

Bobrowski überlebte vier Jahre russischer Kriegsgefangenschaft

Die Werkausgabe der Dichtungen und Romane Bobrowskis konnte Haufe 1987 noch verwirklichen, die opulent kommentierte Ausgabe der Briefe hat nun nach siebenjähriger Arbeit Jochen Meyer vollendet, der frühere Leiter der Handschriftenabteilung im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Meyer hat die mehr als 1200 Bobrowski-Briefe aus 30 Jahren mit einer Leidenschaft und Akribie kommentiert, dass sich seine Anmerkungen streckenweise wie eine kritische Literaturgeschichte der DDR lesen.

„Ein endloser, unaufhaltsamer Ostwind jagt durch seine Dichtung“, hatte Stephan Hermlin an Bobrowskis Grab gesagt. Dieser Ostwind war verbunden mit einer Erfahrung vernichtender Gewalt. Beim Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion gelangte der junge Nachrichtensoldat Johannes Bobrowski im Sommer 1941 an den nordrussischen Ilmensee, in der Nähe der Gebietshauptstadt Nowgorod, die von der deutschen Soldateska im August 1941 verwüstet wurde. In einem Brief an die Eltern hat er am 23. September 1941 diesen Augenblick der Zerstörung festgehalten: „Einige Zeit liegen wir nun schon fest hier am hohen Ufer des Ilmensees. Über dem weiten See, ein Binnenmeer erscheint er fast, sieht man fern die Reste Nowgorods ragen, das einmal eine bedeutende Stadt war. Der See ist schon die Hauptsache hier, und wir stehen oft am Ufer, wenn auch der Wind schneidend daherfährt.“

Zwei Jahre später schickte der Soldat erste Gedichte an die verehrte Dichterin Ina Seidel, die ihm eine Veröffentlichung in „Das Innere Reich“ ermöglichte, einer jener Postillen machtgeschützter Innerlichkeit, in denen auch nicht-nationalsozialistische Autoren publizierten. Bobrowski überlebte den Krieg und vier Jahre russischer Kriegsgefangenschaft und versuchte sich als Lektor eines Kinderbuchverlages in den neuen Staat DDR zu integrieren, später reüssierte er als Cheflektor des Union Verlags.

Peter Huchel bahnte seinem unbekannten Kollegen den Weg

Seine Versuche, auch als Dichter anerkannt zu werden, stießen zunächst auf magere Resonanz. Bei den kreativsten Literaturvermittlern der Bundesrepublik, Walter Höllerer und Hans Bender, die 1954 mit der Gründung der Zeitschrift „Akzente“ das Zentralorgan für eine moderne Literatur geschaffen hatten, war Bobrowski abgeblitzt. Er hatte den Fehler begangen, in seinem Brief an die Herausgeber seine Veröffentlichungen in „Das Innere Reich“ zu erwähnen – ein unverzeihliches Sakrileg. Es war dann Peter Huchel, der Poet der Sprachmagie und Herausgeber von „Sinn und Form“, der 1955 fünf Gedichte Bobrowskis in seiner Zeitschrift druckte und damit dem unbekannten Kollegen, der sich in der Tradition Klopstocks und seiner Odenstrophen sah, den Weg bahnte.

Während Bobrowski ab 1961 zum anerkannten Autor in beiden deutschen Staaten aufstieg, wurde Huchel zur gleichen Zeit wegen seiner ästhetischen Renitenz von den DDR-Kulturpolitikern in die Isolierung und Verfemung getrieben. Obwohl ihn die Stasi in seinem Haus in Wilhelmshorst bei Potsdam überwachte, besuchten ihn dennoch gute Freunde und Bekannte – ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Bobrowski war nicht unter den Besuchern, das hat Huchel tief getroffen und die Beziehung der beiden dauerhaft belastet. Bereits im August 1959 hatte Bobrowski fast entschuldigend an Huchel geschrieben, dass er sich als Mitglied der Ost-CDU „in den Schalten einer Blockpartei verziehe“ und also den Weg eines Kompromisses mit dem SED-Staat ging.

"Vom allerplattesten Lande"

Der Briefwechsel hielt die Möglichkeit einer Versöhnung dennoch offen. Bis kurz vor seinem sensationellen Erfolg mit seinem Erstling quälten Bobrowski tiefe Zweifel an der Möglichkeit einer literarischen Existenz. „Ich werde es zu keinem Gedichtband bringen“, schrieb er 1957 an seinen Dichterfreund Peter Jokostra, dem er später seine Flucht nach Westdeutschland schwer verübelte, „ich bin vom Lande, vom allerplattesten, aus dem äußersten Winkel der ehemals deutschen Ostgebiete, wo man mehr litauisch sprach und wo Mickiewicz herstammt. Von dorther habe ich meine ganze Dichterei, genau gesagt: vom Ilmensee 1941.“

Nur wenige Jahre später war er der gesamtdeutsche Dichter der Stunde, der keine Ruhe mehr fand. „Deine Gedichte sind eine ungeheure Landschaft“, schrieb ihm damals die junge Elisabeth Borchers. Gemeint war die Sehnsuchtslandschaft Bobrowskis, die Region zwischen Memel und Weichsel, „wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche miteinander lebten, unter ihnen allen die Judenheit“. Bobrowski wollte sie in seinem „Sarmatischen Divan“ beschreiben. Mit seiner sarmatischen Konzeption begeisterte er auch die Gruppe 47, zu deren Tagungen er 1962 und 1963 ohne größere Probleme anreisen durfte.

Am Ende nur noch Erschöpfung und Verzweiflung

Im Oktober 1962 erhielt er als einziger DDR-Schriftsteller den begehrten Preis der Gruppe und wurde damit zum Aushängeschild einer verständigungsbereiten sozialistischen Kulturpolitik. Die aufregende Bobrowski-Briefausgabe dokumentiert den langen Weg des Dichters von den unterwürfigen Episteln an Ina Seidel über die euphorisierten Korrespondenzen mit dem Dichter Christoph Meckel sowie den Berliner Freunden Günter Bruno Fuchs und Max Hölzer bis hin zu den immer kurzatmigeren Briefen an die neuen Hoffnungen der Poesie, Michael Hamburger und Manfred Peter Hein.

Am Ende, so berichtet Christoph Meckel in seiner fabelhaften „Erinnerung an Johannes Bobrowski“ (1987), bestand der Dichter nur noch aus Zeitmangel, Erschöpfung und hingeschleppter Verzweiflung: „Ich will hundertfünfundzwanzig Gedichte schreiben, das Ganze ordentlich verteilt auf drei Bücher, das ist dann alles, und ich leg mich ins Grab.“ Einen Tag nachdem er das Manuskript des Romans „Litauische Claviere“ Ende Juli 1965 abgeschlossen hatte, brach er zusammen. Die große poetische Stimme aus dem mythischen Sarmatien war verstummt.

Johannes Bobrowski: Briefe 1937– 1965. Hrsg. von Jochen Meyer. 4 Bde. Wallstein, Göttingen 2017. 2724 Seiten, 199 €. Gesammelte Gedichte. Mit einem Nachwort von Helmut Böttiger. 752 S., 34,99 €. Am 5.4., 19 Uhr, findet in der Akademie der Künste am Hanseatenweg ein Gedenkabend mit Lesungen, Gesprächen und einem Film von Volker Koepp statt.

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