Bücher von Hannah Arendt und Neil MacGregor : Der Umbau von Babel

In der Reihe "Fröhliche Wissenschaft" von Matthes&Seitz erscheinen intelligente Texte zur kopfinneren Erwärmung im Winter. Unter anderem von Hannah Arendt und Neil MacGregor.

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Neil MacGregor
Der britische Museumsdirektor Neil MacGregor (68), Autor von "Globale Sammlungen für globalisierte Städte".Foto: Martin Schutt/dpa

Die „Fröhliche Wissenschaft“ kennen wir von Nietzsche. Aber es gibt sie auch bei Matthes & Seitz, dem kleinen Berliner Verlag mit dem ausgesucht großen Programm. Die so nietzscheanisch genannte, zwischen Philosophie, Kulturkritik, belletristischer Reflexion, ästhetischer Theorie und geistesbuntem Allerlei changierende Reihe im broschierten Format von 18 x 9 Zentimetern und mit selten über 100 Seiten bietet echte Herbst-/Winterjackentaschenqualität. Zur kopfinneren Erwärmung.

M & S hat als seine „Fröhliche Wissenschaft“ schon etwa hundert Titel mit bunten Buchstabenmustern auf dem Cover vorgelegt. Zuletzt gab’s ein richtig großes Presseecho, als Frank Witzel hier im Kielwasser seines 2015 vom Deutschen Buchpreis gehypten Romans „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ gemeinsam mit dem Kulturwissenschaftler Philipp Felsch den (unterhaltsam vierteldepressiven) Gesprächsband „BRD Noir“ vorgestellt hat: einen Abgesang auf die vermeintlich helleren Seiten der alten Bonner Republik.

Neil MacGregor mit Witz und Charme

Nicht ganz zufällig nehme ich nun zwei Titel heraus. So firmiert als Nummer 70 der Reihe ein Redetext von Neil MacGregor, mit einem Nachwort von Hermann Parzinger: „Globale Sammlungen für globalisierte Städte“ (62 Seiten, 10 Euro). MacGregor, vormals Chef des British Museums in London, der soeben die Gründungsintendanz des Berliner Humboldt Forums angetreten hat, beginnt dabei „mit etwas, das typisch britisch ist: mit einem nigerianischen Flusspferd“.

Womit der Autor auch der „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ uns einmal mehr mit seinem immer am einzelnen Fund- und Schaustück sich entzündenden Witz und Charme am Wickel hat. Zugleich liegt darin seine Idee fürs künftige universale Humboldt Forum. MacGregor möchte im Wechselspiel von Assoziation und Konkretion der Welt und ihrer alten neuen Unübersichtlichkeit eine letzte Sinnstiftung geben: „Hierfür sind Museen da: Wir leben in Babel und unsere Aufgabe ist es, dafür Sorge zu tragen, dass die Geschichte von Babel zu einem guten Ende kommt.“

Leidenschaftlich intelligentes Plädoyer von Hannah Arendt

Hierauf eine ganz andere Stimme: „Der Abgrund zwischen Philosophie und Politik öffnet sich historisch mit dem Prozess und der Verurteilung des Sokrates, die in der Geschichte des politischen Denkens denselben Wendepunkt markieren wie Prozess und Verurteilung Jesu in der Geschichte der Religion.“ Ein Satz aus einer Vorlesung, die Hannah Arendt im Frühjahr 1954 an der amerikanischen Universität von Notre Dame über das sokratische Denken gehalten hat.Sie ist als Band 78 der „Fröhlichen Wissenschaft“ erstmals auf Deutsch zu lesen (Hannah Arendt: Sokrates, Apologie der Pluralität. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. 110 Seiten, 12 €).

Begleitet von zwei informativen Aufsätzen von Matthias Bornmuth und dem früheren Arendt-Schüler Jerome Kohn, lässt sich darin als leichte Lektüre ein Kern der Philosophie Hannah Arendts erfahren – ihr leidenschaftlich intelligentes Plädoyer gegen jede Form des totalitären, ideologischen Denkens. Längst vor Habermas formuliert Arendt im sokratischen Geist eine Idee des „herrschaftsfreien Dialogs“. Vereinfacht gesagt: Nichts könnte aktueller sein in Zeiten von Hate Speech und dumpf aggressivem Populismus.

Neil MacGregor: "Globale Sammlungen für globalisierte Städte", Matthes & Seitz, Reihe "Fröhliche Wissenschaft", 10 Euro.

Hannah Arendt: "Sokrates, Apologie der Pluralität", Matthes & Seitz, Reihe "Fröhliche Wissenschaft", 12 Euro.

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