Cannes-Gewinner „Winterschlaf“ von Nuri Bilge Ceylan : Von Güte und Selbstsucht

Landschaft im Nebel: Nuri Bilge Ceylans Cannes-Siegerfilm „Winterschlaf“ betört mit Schönheit und Poesie. Dabei ist das türkische Epos politischer, als es auf den ersten Blick scheint.

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Die bildschöne Nihal (Melisa Sözen) ist mit dem schriftstellernden Patriarchen Aydin verheiratet und veranstaltet Benefiz-Aktionen für marode Schulen in Kappadokien.
Beste Absichten: Die bildschöne Nihal (Melisa Sözen) ist mit dem schriftstellernden Patriarchen Aydin verheiratet und veranstaltet...Foto: dpa

Es ist dunkel in den Höhlenhäusern von Kappadokien, auch im Hotel Othello. Draußen vor den verschneiten Fenstern erstreckt sich eine Erdengegend, bewohnbar wie der Mond, voller Hügel und Höhlen, eine atemberaubende, unwirkliche Landschaft, türkisches Weltkultur- und Weltnaturerbe. Auf der Stelle möchte man dort sein. Möchte sich in diesem Hotel einquartieren, die Gegend erkunden, den Wildpferden folgen, anschließend mit Aydin (Haluk Bilginer), dem schriftstellernden Hotelbesitzer, Tee trinken und über die Menschen philosophieren, in aller Ruhe, gemeinsam mit seiner temperamentvoll engagierten jungen Frau Nihal (Melisa Sözen) und der gebildeten Schwester Nekla (Demet Akbag).

Winterzeit, Winterschlaf, eine bildschön erstarrte Welt, Omar Sharif hat hier mal gedreht. Aber die Schönheit ist beides: ein betörender Anblick und eine Lüge. Schnee überzieht die Hügelkuppen, die armen Leute frieren, sie laufen mit durchnässten Schuhe über die matschigen Wege. Wohl dem, der wohlhabend ist wie Aydin, der einen warmen Mantel, robuste Stiefel und einen Jeep sein Eigen nennt. Aydin, das heißt „Intellektueller“ auf Türkisch: So betörend die Bilder auch sein mögen, Regisseur Nuri Bilge Ceylan geht mit seinesgleichen und jeglichem Romantizismus hart ins Gericht. Schauspieler, heißt es einmal, als es um Omar Sharif geht, sind absolut ehrlich. Aydin, der früher selbst auf der Bühne stand, geriert sich als edelmütiger Patriarch und Humanist, sein Handeln spottet seinen Worten allerdings Hohn, seinen geschliffenen Sentenzen über Werte, Verantwortung und Moral, die er für Regionalzeitungskolummen verfasst.

Pasche im Gewand des Künstlers

Den Mietern seiner Häuser im Dorf, jenen armen Leuten mit den durchnässten Schuhen, schenkt Aydin nichts. Ein Stein trifft das Seitenfenster des Jeeps, der Steinewerfer, ein kleiner Junge, soll zur Strafe seine Hand küssen und fällt stattdessen in Ohnmacht. Die Autofensterscheibe ist unbezahlbar für die Familie des Jungen, die Miete kann sie ohnehin nicht zahlen. Der arbeitslose Vater wurde von den Schuldeneintreibern derart gedemütigt, dass er sich wütend wehrte – was ihm ein halbes Jahr Gefängnis einbrachte. Nicht dass man es sieht, man erfährt es nach und nach, Aydin will nichts davon wissen. Sein Chauffeur, die Hausmagd, sie sind ihm widerspruchslos zu Diensten. Die Benefiz-Aktion seiner Frau für die maroden Schulen der Region bekrittelt er spitz, um sie später mit blankem Spott zu übergießen. Alle um sich herum erniedrigt er.

Aydin, ein typischer Vertreter des gebildeten Bürgertums in der Türkei? Jedenfalls ein Machtmensch, ein Pascha im Gewand eines Künstlers, der seine Ignoranz, seine Arroganz, seine Selbstsucht in sanfte Worte kleidet.

Szene aus "Winterschlaf".
Szene aus "Winterschlaf".Foto: dpa

Nuri Bilge Ceylan hat gute Chancen auf den Europäischen Filmpreis

Nuri Bilge Ceylan, Jahrgang 1959, erhielt dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme für „Winterschlaf“, er hat gute Chancen, am Samstag auch mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet zu werden. Für einen Film, dessen Drehbuch er wieder gemeinsam mit seiner Frau Ebru verfasste und der sich wie die anderen Werke des derzeit bedeutendsten Regisseurs seines Landes („Drei Affen“, „Once Upon a Time in Anatolia“) Zeit lässt fürs Beobachten. Ceylan dreht Sittengemälde über Entfremdung, Kino-Epen über Verdrängung und Schweigen, auch die eigene Ratlosigkeit und Melancholie nimmt er in den Blick. Die Palme in Cannes widmete er den jungen, in Istanbul protestierenden Leuten, „die letztes Jahr ihr Leben verloren“. Im epischen „Winterschlaf“ rücken die anderen ins Bild: eine alternde, selbstgefällige Männergesellschaft, das vergebliche, auch ein wenig wohlfeile Aufbegehren der begüterten Frauen, die schier unüberbrückbare soziale Kluft in seinem Land, die Besserwisserei der Bessergestellten. Ein vielleicht noch schärferer politischer Kommentar zur Türkei heute.

Es ist wie gesagt dunkel in der Hotelhöhle. Man schottet sich ab, schaut aus kuscheliger Wärme hinaus in die Kälte, führt stundenlange Dispute über Stadt und Land, Schuld und Güte, umgeben von Büchern, Keramik, Plakaten, lauter mit der Zeit veredelten Dingen. Nekla, die Schwester, hat sich eingerichtet in ihrem Lebensfrust wie ihr Bruder in seinem vermeintlichen Edelmut. Auch das Kino, sagt dieser Film, leidet unter Realitätsverlust. Es kann nur so ehrlich sein, sich selbst zu misstrauen, der Poesie von Landschaften im Nebel, von Gesichtern im Feuerschein, von erlesenen Kadragen. Was nichts daran ändert, dass auch „Winterschlaf“ sich nicht aus der Erstarrung lösen kann, von der die Rede ist. Aydin will weg, nach Istanbul, er lässt sich zum Bahnhof bringen. Aber dann steht er doch wieder im Hof des Hotels. Das Leben dreht sich im Kreis, auch eine Geste der Selbstgefälligkeit.

Der Hotelbetreiber und ehemalige Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer) in einer Szene des Films "Winterschlaf".
Der Hotelbetreiber und ehemalige Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer) in einer Szene des Films "Winterschlaf".Foto: dpa

"Winterschlaf" erzählt nicht nur von der Türkei

Das Gegenteil von Selbstsucht ist Großzügigkeit. Aber noch in der Generosität lauert die Überheblichkeit, wenn Nihal die armen Mieter mit den besten Absichten aufsucht – und mit einem Umschlag voll Geld. Im Licht des Feuerscheins spielt sich dann ein verzweifelter Akt des Stolzes ab, ein vergebliches Aufbäumen derer, die keine Stimme haben in diesem Land, in Europa. Spätestens hier fällt einem auf, wie sehr „Winterschlaf“ nicht nur von der Türkei erzählt, sondern auch von jenen gutmeinenden Bildungsbürgern, die sich Autorenfilme wie diesen hierzulande gern anschauen. Von einem selbst.

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