Chiogozie Obiomas Debütroman "Der dunkle Fluss" : Sterben wie ein Hahn

Düstere Prophezeiungen und blutige Wahrheiten: Chigozie Obioma entführt in seinem packenden Debütroman „Der dunkle Fluss“ in ein gewalttätiges Nigeria

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Aus Nigeria über Zypern in die USA. Chigozie Obioma.
Aus Nigeria über Zypern in die USA. Chigozie Obioma.Foto: Scott Soderberg/Aufbau

Propheten sind fragwürdige Gestalten. Falls sie tatsächlich wissen, was die Zukunft bringt, sprechen sie allen, die sie aus vermeintlich freien Stücken herbeiführen, die Fähigkeit zum selbstbestimmten Handeln ab – erst recht, wenn sie Verbrecherisches weissagen. Falls sie auf Wahrscheinlichkeiten hinauswollen, die sich aus der Summe vergangener Ereignisse manchmal erstaunlich zuverlässig errechnen lassen, handelt es sich nicht um eine Geheimwissenschaft, sondern um eine Vorhersage, die grundsätzlich jeder treffen kann. Falls sie aber Düsternisse kraft Suggestion überhaupt erst in die Welt bringen, machen sie sich mindestens so schuldig wie diejenigen, die auf ihre Einflüsterungen hören.

Abulu, der Prophet in Chigozie Obiomas Debütroman „Der dunkle Fluss“ (The Fishermen) gehört vielleicht noch zu einer vierten Spezies. Er ist kein Jesus, der in Erfüllung eines heilsgeschichtlichen Plans Petrus weissagt, dass dieser ihn dreimal verleugnen werde. In den Augen der Bewohner von Akure, einer Stadt im Südwesten Nigerias, ist er ein Mann des Teufels, ein Verrückter, der bei einem Autounfall den Verstand verloren hat, sich aus dem Müll und von Schlachthofresten ernährt, seine Mutter vergewaltigt hat und seinen Bruder umgebracht haben soll. Eine mehr als labile, von Wahnsinnsschüben heimgesuchte Existenz mit dem nicht ungewöhnlichen Vermögen, in anderen labilen Existenzen etwas zu wittern, das weder diese selbst noch andere wahrhaben wollen.

So malt er eines Tages an den Ufern des brackigen Omi-Ala dem 15-jährigen Ikenna Agwu und dreien seiner mit ihm angelnden Brüder in den finstersten Farben aus, wie er zu Tode kommen werde. „Du sollst sterben wie ein Hahn“, sagt er. Im Flugzeuglärm geht unter, was nur Ikennas elfjähriger Bruder Obembe hört, dass nämlich ein Fischer dafür verantwortlich sein werde. Ein Rätselspruch, den Ikenna derart entschlüsselt, dass er glaubt, sich vor seinen Geschwistern in Acht nehmen zu müssen. Wenig später rammt ihm sein fast gleich alter Bruder Boja ein Küchenmesser in den Bauch und ertränkt sich im elterlichen Brunnen.

Chigozie Obioma, 1986 selbst in Akure als fünftes Kind in eine Familie mit 11 Geschwistern und rivalisierenden älteren Brüdern geboren, gerät vor allem eine im Aberglauben befangene Gesellschaft in den Blick. Und doch lässt er auf raffinierte Weise offen, was an Abulus seherischem Talent Unheilssensibilität ist, was auf Kosten einer self-fulfilling prophecy geht, und wo die Geschichte mythologische Tiefenstrukturen aktualisiert, die Zeit und Ort der Geschehnisse, das Nigeria der Mittneunziger, transzendieren.

Aus dem Abstand von zwei Jahrzehnten erinnert sich Ben, der Erzähler und zweitjüngste von fünf Brüdern, die mit Nkem auch noch ein schwesterliches Nesthäkchen haben, an die Schicksalsspirale, in die er als Neunjähriger geriet. Was damals am Omi-Ala seinen sinistren Ausgang nahm, mündet in einen Ozean der Gewalt. Denn Gewalt ist offenbar die einzige Sprache, in der es den Figuren gelingt, sich miteinander zu verständigen. Sie ist vernehmlich, wenn der im Grunde liebevoll sorgende Vater seine Kinder mit der Lederpeitsche züchtigt. Sie äußert sich in dem geköpften Hahn, mit dem sich Boja und Ikenna an der Erdnüsse verkaufenden Nachbarin dafür rächen, dass sie ihrer Mutter von heimlichen Angeltouren erzählt hat. Sie steckt in der geistigen Zerrüttung, die von Ikenna Besitz ergreift. Und sie findet einen Höhepunkt in dem Mord an Abulu, dem Ben und Obembe das Fleisch mit Angelhaken aus dem Leib reißen – als Strafe für den scheinbaren Verursacher allen Verderbens.

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