Jörg Faßbender („Kwimbi“) : „Wir haben unfassbar motivierte Zeichner“

So viele hochwertige deutsche Independent-Comics in gedruckter Form wie in diesem Sommer gab es schon lange nicht mehr. Wir haben drei Zeichner und einen Fachhändler zu dem Trend befragt - hier die Antworten von Jörg Faßbender vom Webcomic-Shop „Kwimbi“. Und mehr in Kürze.

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Fundgrube. Bei "Kwimbi" gibt es viele Comics, die man im Buchladen oder bei Amazon vergeblich sucht.
Fundgrube. Bei "Kwimbi" gibt es viele Comics, die man im Buchladen oder bei Amazon vergeblich sucht.Foto: Tsp

Tagesspiegel: Stimmt die subjektive und durch den Comic-Salon Erlangen bestärkte Beobachtung, dass es gerade in diesem Sommer besonders viele bemerkenswerte Neuerscheinungen von deutschen Zeichner/innen gibt, die man bislang meist nur aus dem Internet kannte?
Jörg Faßbender: Ja, den Eindruck kann ich bestätigen. Nun war ich ja 2012 noch ganz neu, jedenfalls in der Indie-Szene, daher fehlt mir die Vergleichsmöglichkeit mit dem letzten Erlangen-Jahr 2012. Vielleicht ist mir da beim letzten Salon auch einiges entgangen, wer weiß. Und zum Comicfest München möchte ich in dem Zusammenhang sagen, dass das München-Jahr im Vergleich zu Erlangen immer das schwächere Jahr zu sein scheint, was Veröffentlichungen allgemein angeht. Aber auf jeden Fall haben diese Indie- (und Neuerscheinungen überhaupt) von deutschen Zeichnern deutlich zugenommen.

Wie ist diese Welle zu erklären?
Ich denke, es liegt mit daran, dass es eben wahnsinnig viele talentierte Leute im Web gibt, die in den letzen beiden Jahren mitbekommen haben, wie einfach es an sich ist, a) selbst was zu veröffentlichen und b) das auch auf Papier unter die Leute zu bringen. Mit leicht unter die Leute bringen meine ich noch nicht große Verkaufszahlen, sondern einfach die Möglichkeit, es zu tun. Und Erlangen ist einfach die Messe, die sich dafür anbietet, weil die Besucher dorthin kommen, um zu kaufen. Sie wissen, dass die Verlage und Zeichner zu dem Termin planen und das bedingt sich dann einfach gegenseitig. Zum zweiten haben wir mit Leuten wie z.B. Schlogger, Tim Gaedke, Hillerkiller, Jeff Chi, Dominik Wendland, und aus der Manga-Ecke beispielsweise Leute wie David Füleki, Hugi, Asja Wiegand etc. unfassbar motivierte Zeichner und Zeichnerinnen, die nach meiner Einschätzung ein großer Motor für die Szene sind. Du solltest einmal mitbekommen, wie groß die Resonanz ist und wie schnell der Ball rollt, wenn in einer der Facebook-Gruppen oder auf Twitter ein Aufruf zu einer Aktion gemacht wird oder um Hilfe gebeten wird. Und da haben wir auch schon den dritten Punkt: Die Vernetzung untereinander ist wahnsinnig gut. Man hilft sich gegenseitig aus, man bekommt Tipps, wo man am günstigsten/schnellsten/besten druckt und Ähnliches mehr.

Frisch erschienen: Maximilian Hillerzeders "Als ich mal auf hoher See verschollen war" wurde von Jörg Faßbender verlegt.
Frisch erschienen: Maximilian Hillerzeders "Als ich mal auf hoher See verschollen war" wurde von Jörg Faßbender verlegt.Foto: Kwimbi

Und Kollaborationen kommen so auch schnell zustande. Ich gehe jetzt mal nicht weiter ins Detail, weil das vom eigentlichen Thema weit abkommt, aber ich finde die gute Vernetzung sehr erwähnenswert. Kurzer Exkurs zur Vernetzung: Nach dem Desaster vom Comicfest München im letzten Jahr, das es für einige finanziell nunmal gewesen ist, hat sich die Comic Solidarity als Interessengemeinschaft gebildet, die unter maßgeblicher Führung von Eve Jay (Eva Junker von EveJayDesign und Knight & Jay) Projekte an den Start bringt und für Erlangen mit Sebastian Kempke von Buddelfisch und Lukas Wilde die gesamte Orga für den Comic Solidarity-Stand gestemmt hat. Der übrigens ganz großartig vom Kulturbüro in Erlangen und von Bodo Birk unterstützt und gefördert wurde. Soviel zu den Vorteilen der guten Vernetzung. Was aber alles vielleicht noch nicht die von dir genannten bemerkenswerten Neuerscheinungen erklärt. Denn viel veröffentlichen heißt ja nicht gleichzeitig gute Qualität. (Und bemerkenswert heißt natürlich auch nicht unbedingt gute Qualität, merk ich gerade.) Aber ich glaube der wichtigste Grund ist letztlich: Die Zeichner, jedenfalls die, die ich kenne, sind einfach wahnsinnig angespornt, gute, unterhaltsame, witzige, natürlich auch nachdenkliche, kritische aber immer authentische Comics abzuliefern. Ich kenne keinen von diesen Zeichnern, der sich da irgendwie verbiegen würde. Denen ist es ein Anliegen, gute Geschichten zu erzählen und sie spornen sich alle gegenseitig an. Vielleicht ist das der eigentliche Grund.

Seit wann bist Du mit Kwimbi als Bindeglied zwischen Online- und Analog-Comicwelt aktiv?
In einer Vorstufe eigentlich schon seit 2011, als ich für drei Freunde (Sarah Burrini v. Ponyhof, Mario Bühling v. Katzenfuttergeleespritzer.de und David Malambré von Demolitionsquad.de) angefangen habe, über die Plattform DaWanda in meinem Shop Hefte, Comics, Buttons, Drucke zu verkaufen. Dann kam mir auch die Idee zu Kwimbi, weil ich dachte, die drei können nicht die einzigen sein, die an so einer Art Kombination Interesse haben. Dann habe ich angefangen, rumzufragen, wer Lust hat, beim Start noch mit dabei zu sein. 2012 hab ich übrigens den ersten Comic selbst drucken lassen, die "Early Years" von Sarah Burrinis Ponyhof.

Ist Kwimbi bislang eher ein Idealisten-Zuschussprojekt, oder kann man mit Comics, die aus dem Internet in die analoge Welt kommen, inzwischen richtig Geld verdienen, oder zumindest mehr als noch vor einigen Jahren?
Es lässt sich mit einer vernünftigen Mischung aus (auch Merchandise, das ich ja auch für einige der Zeichner produziere) und aus preisgünstigen und etwas teureren Comics ganz okay Geld verdienen, aber noch längst nicht komplett davon leben. Dafür müsste mein Programm und mein Bekanntheitsgrad noch größer sein. Auch wenn es schon Monate im Jahr gibt, in denen ich das kann. Aber das ist auch immer von den aktuellen Neuerscheinungen abhängig. Also: Es ist also noch ein Zuschussprojekt, vor allem jetzt im Sommer. Solche Engpässe überbrücke ich aber sehr gut mit Übersetzungen im Comicbereich, zum Beispiel für Panini. ;) Das gibt mir die Freiheit, z.B. unmittelbar vor Erlangen das Comic-Buch für den Hillerkiller zu drucken. Dazu wäre ich so spontan noch vor einem Jahr wohl finanziell nicht in der Lage gewesen. Und ich habe (durch den finanziellen Vorsprung) in Erlangen dann schon wahnsinnig viel eingekauft an Neuheiten für den Shop für die zweite Jahreshälfte, weil da einfach die meisten Zeichner vor Ort sind und mir zum Beispiel gleich ihre selbstgedruckten Hefte signiert in die Hand drücken können. Fazit: Ich verdiene gern Geld damit, aber mir ist es hauptsächlich ein Anliegen, viele Comics und Projekte, die ich selbst mag und unterstützenswert finde, unter die Leute zu bringen und möglichst viel davon an einem Ort zu versammeln, damit es für die Comicfans sichtbar wird. Und auch so, dass die Zeichner etwas davon haben. Ich hoffe, das gelingt mit Kwimbi. Der Rest wird sich zeigen.

Was sind für Dich persönlich die interessantesten aktuellen Trends im Bereich deutsche Independent-Comics?
Puh… aktuelle Trends… hm, finde ich gerade schwierig, einen Trend auszumachen. Der Trend, sich mehr zu vernetzen (ausnahmsweise mal mit positiven Auswirkungen) und miteinander Projekte/Comics zu stemmen. Es tun sich spannende neue Verbindungen auf. Synergieeffekte werden genutzt. Kollaborationen finde ich spannend, egal ob etwa zum 24h-Comic-Tag oder wie bei Mondo (Tim Gaedke, Schlogger, Hillerzeder, etc) oder ANDERS.

Zu Kwimbi geht es hier.

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