Adrian Tomines „Eindringlinge“ : Schöner scheitern

US-Comicautor Adrian Tomine fängt in seinem neuen Comic-Band „Eindringlinge“ auf elegante Weise die Leere des Lebens ein.

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Weder Happy End noch großes Drama: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Weder Happy End noch großes Drama: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Reprodukt

Harold ist der geborene Durchschnittsamerikaner: dick, Schnauzbart, Haus in einer spießigen Vorortsiedlung. Doch der gelernte Gärtner will mehr, als die Vorgärten seiner geizigen Nachbarn stutzen: Er erfindet die „Hortiskulptur“, eine Lehmkonstruktion, aus der Pflanzen herauswachsen. Ebenso enthusiastisch wie vergeblich versucht er seine skurrilen Kreationen anzupreisen, ganz groß rauszukommen. Doch natürlich will niemand die eigenartigen Gewächse haben, selbst Harolds Familie kann die Hortiskulpturen irgendwann nicht mehr sehen.

Harold ist – wie alle Charaktere in Adrian Tomines neuem Comic-Band „Eindringlinge“ – ein typischer Tomine-Held: Menschen, die versuchen, mit dem Scheitern umzugehen. Menschen, denen es weder besonders gut noch besonders schlecht geht. Menschen, die zum Leben verdammt sind. Etwa die stotternde 14-Jährige in „Kaltes Wasser“, deren Eltern ihr einen 500 Dollar teuren Kurs bezahlen, weil sie Stand-up-Comedian werden will. Oder der Ex-Alkoholiker Barry in „Vorwärts, Owls!“, der Gras verkauft und sich von einer Lebenslüge zur nächsten hangelt.

Gegenwartsliteratur im besten Sinne

Tomine verweigert seinen Helden das Happy End ebenso wie das große Drama: Der 42-jährige Zeichner aus New York ist ein so scharfer wie neutraler Beobachter des amerikanischen Alltags, der in den sechs Erzählungen aus ganz verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Zum Beispiel in „Amber Sweet“, in der eine junge Frau für eine Pornodarstellerin gehalten wird. Obwohl sie darunter leidet, scheint sie, die an ihrer Durchschnittlichkeit fast erstickt, beinahe neidisch auf das viel aufregendere Leben ihres zufälligen Zwillings zu sein.

Es sind die unausgesprochenen, ungezeigten Dinge, die Tomines Geschichten am stärksten machen. Auf elegante Weise fängt er die Leere des Lebens ein, mit der seine Protagonisten hadern, ohne wirklich dagegen aufbegehren zu können. Gerade diese triste Grundstimmung macht die Geschichten in „Eindringlinge“ streckenweise fast unerträglich – wenn sie nicht so wunderbar lakonisch erzählt wären. Ähnlich gut gelingt dies nur noch Daniel Clowes („Ghost World“).

Amerikanischer Alltag: Das Buchcover.
Amerikanischer Alltag: Das Buchcover.Foto: Reprodukt

Trotz allem wirkt „Eindringlinge“ insgesamt leichter und heiterer als Tomines bisherige Werke „Sommerblond“ und „Halbe Wahrheiten“, die ebenso wie die sechs Kurzgeschichten in Tomines preisgekröntem Independent-Magazin „Optic Nerve“ erschienen sind. Das liegt zum einen an einer Neuerung – es ist Tomines erster farbiger Comic – zum anderen an dem weniger realistischen Stil, der gelegentlich bis ins Comic-Strip-hafte geht. Tatsächlich hat jede Geschichte einen ganz anderen grafischen und erzählerischen Stil, was „Eindringlinge“ zu einer eindrucksvollen Präsentation von Tomines künstlerischer Bandbreite macht.

Chris Ware sprach Tomine das aus Comic-Sicht zweifelhafte Lob aus, „Eindringlinge“ könnte endlich das Buch sein, dass man einem literarisch interessierten Menschen, der normalerweise keine Comics liest, ohne weitere Erklärungen in die Hand drücken könne. Ob dies nun wirklich der Olymp eines jeden Comic-Künstlers ist, sei dahingestellt. Auch Comic-Lesern sei jedenfalls gesagt: „Eindringlinge“ ist Gegenwartsliteratur im besten Sinne des Wortes.

Adrian Tomine: Eindringlinge. Reprodukt. Aus dem Amerikanischen von Björn Laser. Lettering von Minou Zaribaf (Font: Adrian Tomine), 120 Seiten, 24 Euro

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