Arabischer Frühling : Licht am Ende des U-Bahn-Tunnels

„Metro“ von Magdy al-Shafee war eine der ersten Graphic Novels in arabischer Sprache, bis heute ist das Buch in Ägypten verboten. Die jetzt erschienene deutsche Übersetzung führt die Stärken der Erzählung vor Augen - aber auch ihre Schwächen.

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Unklare Linie: Eine der cartoonhaften Szenen des Buches.
Unklare Linie: Eine der cartoonhaften Szenen des Buches.Foto: Edition Moderne

Auf den ersten Blick scheint es, als komme das Buch zu spät. Ägyptens ehemaliger Präsident Hosni Mubarak ist verurteilt und dem Tod näher als dem Leben, die Revolutionäre vom Tahrir-Platz haben die am Nil jahrzehntelang als zementiert geltende Ordnung zerstört. Der Arabische Frühling hat die Lebensverhältnisse, die der vor vier Jahren auf Arabisch erschienene und nun ins Deutsche übersetzte Comic-Roman „Metro“ noch als Alltag beschreibt, verändert.

Autor Magdy al-Shafee glaubt jedoch nicht, dass sein Werk, das von Frust und Willkür, von Korruption und Hoffnungslosigkeit unter Mubarak erzählt, auch nach den jüngsten Geschehnissen in der arabischen Welt komplett überholt ist. „Das Buch macht die Zeit der Unterdrückung auch für jene nacherlebbar, die nicht dabei waren“, sagte er kürzlich im Tagesspiegel-Interview. Viele Hindernisse jener Tage bestünden weiter. „Unsere Medien“, sagt er, „sind immer noch stark vom Militär beeinflusst und haben noch nie berichtet, worum es uns mit der Revolution eigentlich ging: um die Vorstellung von einem neuen System und einem guten Leben für alle.“  

Vorstellungen, die al-Shafee bereits in „Metro“ propagierte. Darin geht es um einen jungen Software-Ingenieur, der sich zu einem Bankraub entschließt, weil er mit ehrlicher Arbeit seine Schulden nicht abbezahlen kann. Es geht um Demonstrationen, die blutig niedergeschlagen werden, um eine manipulierbare Presse, um korrupte Beamte und auch um einen Liebesgeschichte.

Frust und Willkür, Korruption und Hoffnungslosigkeit: Eine Seite aus „Metro“ von Magdy al-Shafee.
Frust und Willkür, Korruption und Hoffnungslosigkeit: Eine Seite aus „Metro“ von Magdy al-Shafee.Foto: Edition Moderne

Al-Shafee, der hauptberuflich für eine Pharmafirma arbeitet und „Metro“ in seiner Freizeit verfasste, beschreibt den lähmenden Alltag und die schwelende Gewalt unverblümt. Seine Worte sind direkt und weit weg von dem überzuckerten Ton vieler arabischer Pop-Produktionen. Auch ein Paar blanker Brüste ist zu sehen, was den ägyptischen Behörden einen Vorwand bot, das Buch kurz nach der Veröffentlichung zu verbieten, die vertriebenen Exemplare zu beschlagnahmen und Autor und wie Verleger zu einer Geldstrafe zu verurteilen. Bis heute ist das Buch in Ägypten offiziell nicht erhältlich.

Liest man „Metro“ heute, ist das Werk immer noch packend, was das Einfangen einer Stimmung geht. Die Anspannung der Figuren, ihr Frust, ist greifbar. Zeichnerisch und erzählerisch jedoch entspricht „Metro“ nicht den inzwischen von westlichen Werken gewohnten Standards. Der Strich hat noch keine klare Linie. Mal erinnern die schwarz-weißen Zeichnungen an Mangas, mal an französischen Realismus, dann wiederum an Cartoons, wobei die Kunstfertigkeit der einzelnen Seiten deutlich schwankt. Auch der Aufbau der Erzählung ist gelegentlich verwirrend, und hätte deutlich Straffung vertragen können.

Underground-Comic: Das Cover der deutschen Ausgabe von "Metro"..
Underground-Comic: Das Cover der deutschen Ausgabe von "Metro"..Foto: Edition Moderne

Man mag einwenden, dass all das kleinkarierte Einwände sind, bei einem Werk, das mit Herzblut und unter Gefahren gezeichnet wurde. Wie auch immer man dazu steht, unbestreitbar besteht dank der Übersetzung jetzt erstmals die Möglichkeit, eines der interessantesten Bücher aus der Frühphase dessen zu lesen, was zu einer der größten Umwälzungen der Weltpolitik wurde. Selten war ein Comic mehr Zeitzeugnis. Und ein solches kommt nie zu spät.

Magdy al-Shafee: „Metro – Kairo Underground”, Edition Moderne, 104 Seiten, 18 Euro.

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