Bilderzählung : Träumen verboten

Der Kunst-Comic „Im Land der verlorenen Erinnerung“ ist eine poetische Parabel über Freiheit, Unterdrückung und die Kraft der Fantasie.

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Hunde regieren die Welt: Eine Szene aus dem Buch.
Hunde regieren die Welt: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Promo

Ein Fabelwesen, halb Hund halb Katze, wacht aus dem Koma auf. Mit bandagiertem Kopf findet es sich im Krankenhaus wieder und kann sich an nichts erinnern. Nach und nach rekonstruiert der Ich-Erzähler mit dem viel sagenden Namen Rousseau die Welt um sich herum, erfährt, dass er das Opfer eines Terroranschlags wurde. Und was er anschließend Stück für Stück entdeckt, ist Furcht erregend: Die Welt um ihn herum ist ein grauer, bedrohlicher Ort voller Mauern, in der Hunde das Sagen haben und Katzen brutal unterdrücken. Träume von einer anderen Welt sind polizeilich verboten und werden streng bestraft.

Der Clou an diesem Buch ist die Verbindung von Malerei und Poesie: Die sich beim Surrealismus wie auch dem melancholischen Realismus von Edward Hopper bedienenden Gemälde des Kanadiers Stéphane Poulin sind melancholisch und voller Tiefe, die Texte von Carl Norac, der die Geschichte auf Grundlage einzelner Bilder Poulins schrieb, verbinden das Ganze zu einer vielschichtigen Parabel voller Anspielungen auf die Realität: Rassismus und  Ausgrenzung sind Themen, die hier aufscheinen, aber auch die politisch forcierte Trennung von Menschen an Orten wie einst Berlin, jetzt in Israel und den palästinensischen Gebieten oder auch in der mexikanisch-US-amerikanischen Grenzregion (ein Interview mit dem Zeichner zum Thema gibt es hier).

Am stärksten ist „Im Land der verlorenen Erinnerung“ aber in jenen Szenen, in denen Stéphane Poulins Bilder sich in wortlosen Sequenzen zu einer Bilderzählung von seltener Intensität verdichten.

Auch eine Berliner Kirche taucht auf

Berlin hat dabei explizit Pate gestanden: Hier war Poulin vor vier Jahren zu Gast, schloss Freundschaft mit einer Berliner Familie und verewigt an einer Stelle gar den Turm der Gethsemane-Kirche als eine Wegmarke seiner in gedämpften Farben geschaffenen Alptraumstadt. Es gibt Anspielungen auf Genreklassiker wie H. G. Wells’ „Der Unsichtbare“, David Lynchs Elefantenmenschen, Fantasy-Elemente und knallharten Sozialrealismus.

Melancholischer Realismus: Das Cover des Buches.
Melancholischer Realismus: Das Cover des Buches.Foto: Promo

Zusammen mit dem sensiblen Ich-Erzähler, dessen Namensgebung an den philosophischen Glauben an das Gute im Menschen erinnert, entdeckt der Leser nach und nach, was es mit der mysteriösen Welt auf sich hat, aus Indizien lässt sich erahnen, dass das bandagierte Tier zwar offiziell ein Hund ist, aber doch auch vieles mit den in dieser Welt geächteten Katzen gemein hat – was Rosseau zum Vermittler prädestiniert und ihn später dank einer zauberhaften Begegnung mit einem Einhorn auch mit entsprechenden Wunderkräften ausstattet. Dieses opulent aufgemachte Buch hat die Kraft, den Leser zu verzaubern. Auch wenn manche mit seiner weltverbessernden Botschaft und den stellenweise pathetischen Formulierungen kitschig finden mögen – es dürfte kaum jemanden kalt lassen.

Stéphane Poulin, Carl Norac: Im Land der verlorenen Erinnerung. Aus dem Französischen von Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart, 128 Seiten, 24 Euro.

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