Christina Plaka : "Kimi he": Tagebuch einer unerwiderten Liebe

Mit der Serie „Yonen Buzz“ wurde Christina Plaka eine der wichtigsten deutschen Mangazeichnerinnen. Jetzt reflektiert sie in „Kimi he – Worte an dich“ Erlebnisse während des Studiums in Japan – und überrascht mit einem ungewöhnlichen Gemisch von Stilen.

Michel Decomain
Zarte Bande: Eine Szene aus dem Buch.
Zarte Bande: Eine Szene aus dem Buch.Zeichnung: Plaka/Carlsen

Wenn wir in der deutschen Manga-Zeichner-Szene von Urgesteinen reden, dann meinen wir damit Künstler, die damals als Teenager ihre ersten Verlagsarbeiten veröffentlichten und sich mittlerweile auf die 30 zubewegen. Christina Plaka ist eines dieser Urgesteine. 2002 startete ihre Serie „Prussian Blue“ bei Carlsen, welche später als „Yonen Buzz“ bei Tokyopop fortgesetzt und nach insgesamt sechs Bänden und einem Artbook beendet wurde. Nach dem Abschluss des emotional dichten Musikdramas, das als eines der Hauptwerke des deutschsprachigen Manga gelten darf, ging Plaka für zwei Jahre nach Japan und studierte dort Manga an der Kyoto-Seika-Universität. Aus ihrem zweijährigen Aufenthalt im Schlaraffenland des Manga hat sie nun einen autobiografischen Comic gefertigt, der unter dem Titel „Kimi he – Worte an dich“ bei Carlsen erschienen ist.

Die Autorin unterläuft hierbei aber die meisten Erwartungen, die man angesichts ihres bisherigen Schaffens an ihr neues Werk haben mag. Autobiografische Stoffe sind für deutschsprachige Manga-Autoren ungewöhnlich genug. Ein autobiografisches Werk einer Manga-Zeichnerin, das in Japan während eines Manga-Studiums entstanden ist und (vordergründig) weder Manga noch Japan thematisiert, ist aber in der Tat überraschend. Plaka, selbst orthodoxe Griechin, konzentriert sich gänzlich auf die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen ihr und dem japanischen Pfarrerssohn der orthodoxen christlichen Gemeinde in Kyoto entwickelt. Die Handlung verlässt dabei fast nie den Schauplatz der Kirche, und die aus Tagebucheinträgen entwickelte Erzählung verbleibt gänzlich in der Perspektive der Autorin. Sie lässt die Leser mit sich rätseln und spekulieren, ob ihre Liebe wirklich einseitig ist und wie die Reaktionen des jungen Mannes zu deuten seien.

Gleichzeitig tickt durch die datierten Einträge still im Hintergrund ein Countdown, der sich unaufhaltsam dem 11. März 2011 nähert. Das Tohoku-Erdbeben und der anschließende atomare Super-GAU in der Präfektur Fukushima werden in der Erzählung selbst zwar weitestgehend ausgespart, sind aber als Zäsur auch in der fragilen Liebesgeschichte überdeutlich spürbar. Plaka behandelt das Thema so sensibel wie möglich. Eine Instrumentalisierung im Dienste ihrer Geschichte, die dramaturgisch sicherlich verlockend gewesen war, lehnt sie ab. Dennoch markiert der 11. März auch in „Kimi he“ einen Punkt ohne Wiederkehr, an dem nichts mehr so sein kann, wie es vorher noch möglich erschien.

Von Bastien Vivès´ „In meinen Augen“ inspiriert: Eine Szene aus dem Buch.
Von Bastien Vivès´ „In meinen Augen“ inspiriert: Eine Szene aus dem Buch.Zeichnung: Plaka/Carlsen

Das ist zu gleichen Teilen mitreißend, traurig und frustrierend, wie eine unerfüllte Liebe sich nun einmal im Leben abspielt. Zu dem Thema hat Plaka nach sechs Bänden „Yonen Buzz“ natürlich einiges an inszenatorischer Versiertheit angesammelt und spielt ihre Stärken hier voll aus. Dabei entfernt sich „Kimi he“ in seiner Umsetzung auf den ersten Blick so weit von Manga wie nur irgend möglich. Der ganze Band ist in skizzenhaften Bleistiftzeichnungen gehalten. Es gibt keine Panelgrenzen, keine Sprechblasen, nur Zeichnungen und die Tagebucheinträge als Prosatexte.

Doch „Kimi he“ läuft nie Gefahr, sich selbst auf den Status illustrierter Prosa zu reduzieren. Texte und Zeichnungen basieren gleichermaßen auf den teils in Skizzenform verfassten originalen Tagebucheinträgen. Beide tragen ebenso starkes emotionales Gewicht, alternieren in ihrem Anteil an der Ausdruckskraft, begünstigen sich gegenseitig, oder treten auch mal für einige Seiten vollkommen hinter das andere zurück. Als Symbiose aus Bild und Text sieht „Kimi he“ zwar keineswegs aus wie ein typischer Manga, oder Comic allgemein, ist aber dennoch ungemein effektiv.

Stilmix: Das Cover des Buches.
Stilmix: Das Cover des Buches.Foto: Carlsen

Vorbild für die Gestaltung war tatsächlich ein französischer Comic, Bastien Vivès´ „In meinen Augen“. Ironischerweise entdeckte Plaka erst während des Manga-Studiums in Japan ihre Liebe zu den bandes dessinées, auch wenn sie bereits in ihren vorherigen Manga-Arbeiten westliche und östliche Einflüsse mischte. Aber natürlich kommen in „Kimi he“ auch die erzählerischen Kompetenzen ihrer Manga-Arbeiten vollends zum Tragen: Die emotionale Ausdrucksstärke ist teils von überwältigender Intensität. Wie viel der Geschichte rein in unscheinbaren Gesten und Blicken erzählt wird, auf die Plaka immer wieder die gesamte visuelle Gestaltung reduziert, ist wirklich beeindruckend. In diesen kleinen Details zeigt sich die wahre Reife, zu der die Autorin in ihrer rund zehnjährigen Schaffenszeit bisher gelangt ist. Und wie bei vielen der durchweg noch jungen kreativen Kräfte der deutschsprachigen Manga-Szene darf man gespannt sein, was da alles noch kommen mag.

Christina Plaka: Kimi he – Worte an dich. Carlsen Verlag 2013. 168 Seiten. 12,90 Euro.

„Yonen Buzz“ und „Kimi he – Worte an dich“ sind beide für den diesjährigen PENG!-Preis des Comicfestival München in der Kategorie Bester Manga aus Deutschland nominiert.

Unser Autor Michel Decomain studiert Filmwissenschaft und Japanstudien in Berlin. Er schreibt und schrieb unter anderem für die MANGASZENE und COMICGATE, ist Mitherausgeber der Doujinshi-Anthologie BAITO OH!, betreut als Redakteur diverse Comic-Projekte für den Comic-Culture-Verlag und gibt gelegentlich Workshops zu «Storytelling und Manga». Gegenwärtig arbeitet er als Szenarist an mehreren Comic-und Manga-Projekten.

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