Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis für Comics : In Ketten durch Sprechblasen tanzen

Zum ersten Mal wird in diesem Jahr mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis die Übertragung eines Comics mit einer hoch dotierten Auszeichnung geehrt. Im Interview erklärt Helga Pfetsch vom Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen die Hintergründe.

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Vorher-Nachher: Eine Passage aus Frederik Peeters' "Blaue Pillen", übersetzt von Kai Wilksen und gelettert von Dirk Rehm.
Vorher-Nachher: Eine Passage aus Frederik Peeters' "Blaue Pillen", übersetzt von Kai Wilksen und gelettert von Dirk Rehm.Foto: Reprodukt

"Der Übersetzer wird zum Chamäleon, das sich die Sprache, den Geist, na ja, die Welt des jeweiligen Comics möglichst genau anzuverwandeln versucht." So hat es der 2011 verstorbene Comic-Übersetzer Kai Wilksen mal in einem Artikel über seine Arbeit auf der Webseite des Reprodukt-Verlages ausgedrückt, von der auch das Bild zur Illustration dieses Beitrags stammt.

In diesem Jahr ist zum ersten Mal der Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis für einen Comic ausgeschrieben worden, wie der Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen mitteilt. Prämiert werden soll "die herausragende Übersetzung eines Comics / einer Graphic Novel ins Deutsche". Berücksichtigt werden Übersetzungen, die nach dem 1.Januar 2012 in einem deutschsprachigen Verlag erschienen und lieferbar sind. Der mit 12.000 Euro dotierte Übersetzerpreis wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg finanziert. In der Jury sind neben Übersetzern wie Dorothea Trottenberg und Prof. Dr. Nathalie Mälzer auch Journalisten wie Thomas Hummitzsch und Lars von Törne vom Tagesspiegel vertreten. Bewerbungen werden ab sofort bis zum 20. März von Verlagen und Übersetzern entgegengenommen - mehr dazu hier. Im Tagesspiegel-Interview erklärt Helga Pfetsch, Präsidentin des Freundeskreises zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen, die Hintergründe der Ausschreibung.

Helga Pfetsch.
Helga Pfetsch.Foto: Privat

Den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis haben in den vergangenen Jahren Übersetzer bekommen, die Vladimir Nabokov, Oscar Wilde oder Umberto Eco ins Deutsche übertragen haben - wie kommt es dass der Preis jetzt erstmals für eine Comic-Übersetzung ausgeschrieben wird?
Das Besondere am Wielandpreis ist, dass er jedes Mal für ein anderes Genre vergeben wird. Bisher waren das die klassischen Genres Essay, Lyrik, Bühnenstück, aber auch Sachbuch, Jugendbuch, Kriminalroman oder Phantastischer Roman. Entscheidend ist, dass bei unserem Preis die  Übersetzung im Fokus steht, nicht der Autor. Jedes  Genre stellt ganz besondere Herausforderungen an den Übersetzer, und für diese schöpferische Leistung möchten wir mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit wecken. Und wir möchten die Urheber dieser schöpferischen Leistung ins Rampenlicht holen. In Comics und Graphic Novel-Büchern ist es für den Leser oft besonders schwierig, den Namen des Übersetzers oder der Übersetzerin überhaupt zu finden!

Was macht eine gute Übersetzung aus - und was sind die Besonderheiten einer guten Comicübersetzung?
Die beste Übersetzung in jedem Genre ist diejenige, die beim deutschen Leser genau die Wirkung entfaltet, die der Originaltext auf seine Leser hat. Dazu gehört inhaltliche Genauigkeit genau so wie der richtige Sprachstil und der treffende Tonfall. Herüberkommen muss auch die Haltung, aus der gesprochen, beschrieben und beobachtet wird. Das alles gilt auch für die Übersetzung von Comic und Graphic Novel, wobei hier noch die Beschränkung auf einen fest definierten Platz - die Sprechblase - hinzukommt. "In Ketten tanzen", das gilt für die Comic-Übersetzung ganz besonders.

"Eine Sprache ganz verstehen heißt, das Volk ganz kennen, das sie spricht", hat Georg Christoph Lichtenberg mal festgestellt - wie sehr sollte ein guter Comicübersetzer auch ein passionierter Comicleser sein?
Um es nüchtern zu sagen:  Die Passion ist keine Voraussetzung für eine gute Übersetzung; Professionalität ist vermutlich auch ohne sie denkbar. Allerdings, ohne in die Sprache, die Kultur und das Genre richtig eingetaucht zu sein, ist Übersetzen kaum möglich. Und meine Vermutung zu den Kolleginnen und Kollegen, die Comics übersetzen: hinter einer solchen Tätigkeit, die mit vergleichsweise wenig Geld honoriert wird, steckt mit Sicherheit ein hohes Maß an Begeisterung und Faszination am Gegenstand!

In Deutschland ist ja vor allem Erika Fuchs als Comicübersetzerin bekannt, da sie die Donald-Duck-Comics von Carl Barks mit Elementen aus der Literatur und Formulierungen aus der Bildungsbürger-Sprache angereichert hat - in wieweit ist eine gute Übersetzung auch eine eigene literarische Leistung des Übersetzers?
Bewunderung zollen wir der Grande Dame des Comicübersetzens ja auch vor allem für ihre gelungene Verdeutschung der englischen BAM! CRASH! WHOMP! - Geräusche.  Die Eigenleistung des Übersetzers besteht genau darin: die Möglichkeiten des Deutschen auszukosten, um mit sprachlichen Mitteln die Wirkungen des Originals zu erzielen, auf welcher Ebene auch immer: der literarischen, der dramatischen, der lyrischen oder der umgangssprachlichen.

In Paris sind kürzlich mehrere Autoren und Zeichner der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" ermordet worden - sie starben, weil ihr Humor und ihre Satire offensichtlich von den Tätern und deren Hintermännern als Angriff auf ihre eigene Religion oder ihr Weltbild verstanden wurden - wo sehen Sie die Grenzen dessen, was zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen übersetzbar ist?
Humor und Satire sind typischerweise besonders schwer zu übersetzen, da sie so oft mit der Bandbreite der Wortbedeutung spielen. Eins zu eins funktioniert das fast nie. Je kürzer die Pointe, desto größer die Herausforderung, alles an Bedeutung hineinzulegen, was mitschwingt. Bei der grafischen Literatur kommt noch die Frage hinzu, was vermittelt das Bild, was muss der Text leisten? Weltbilder, Philosophien, Wertegebäude müssen praktisch in der Nussschale von einer Kultur in die andere getragen werden.

Bleibt es bei einer einmaligen Fokussierung des Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis auf die Kunstform Comic, oder sind auch in den Folgejahren Würdigungen von grafischer Literatur denkbar?
Der Christoph-Martin-Wieland-Preis wird weiterhin dem Wechsel der Genres verpflichtet bleiben. Der Freundeskreis Literaturübersetzer, der diesen Preis vergibt, schreibt allerdings auch Arbeitsstipendien für Übersetzerinnen und Übersetzer aus. Ein neues Stipendium für die Übersetzung auf dem Gebiet von Comic/Graphic Novel zu stiften, ist ein Ziel über dessen Verwirklichung wir angeregt nachdenken.

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