Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2013 - Frauke Pfeiffers Favoriten

Welches sind die besten Comics des zu Ende gehenden Jahres? Das wollen wir von unseren Lesern und von Comic-Kritikern wissen. Heute: Frauke Pfeiffer (Comicgate).

Frauke Pfeiffer
Liebe in den Zeiten intergalaktischer Kriege: Eine Seite aus dem ersten Sammelband.
Liebe in den Zeiten intergalaktischer Kriege: Eine Seite aus dem ersten Sammelband.Foto: Cross Cult

In den vergangenen Wochen haben wir unsere Leser gefragt, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren. Parallel dazu war wie bereits im vergangenen Jahr wieder eine Fachjury gefragt. Sie besteht aus Anne Delseit (AnimaniA, Comix), Lutz Göllner (zitty), Volker Hamann (Reddition), Matthias Hofmann (Alfonz), Martin Jurgeit (Comix), Stefan Pannor (Spiegel Online), Frauke Pfeiffer (Comicgate), Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tagesspiegel).

Jedes Jurymitglied war aufgefordert, unter den im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen Titeln seine fünf Favoriten zu nennen und die Auswahl kurz zu begründen. Daraus ergab sich eine Shortlist, über die die Jury jetzt endgültig abgestimmt hat. Das Ergebnis wurde am Donnerstag im Tagesspiegel veröffentlicht.

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Frauke Pfeiffer aus der Chefredaktion des Fachmagazins Comicgate.

Platz 5
„Die Schönheit des Scheiterns“ von Andreas Eikenroth (Edition 52)
Der Gießener Andreas Eikenroth ist seit vielen Jahren Teil der deutschsprachigen Comic-Independentszene. Bei Edition 52 erschien dieses Jahr seine halbbiografische Erzählung über Paul, der zwischen Jobroutine und Bandproben, Kumpels und Verknalltsein seinen Weg zu gehen versucht. Paul ist mürrisch, die Stadt wirkt kalt, die später Angebetete verwirrt ihn zunächst mit „Kunststudiergedöns“. So wie Paul mit der Zeit auftaut, so wächst auch beim Lesen die Sympathie für ihn. Dieser Comic biedert sich nicht an – er möchte entdeckt werden. Durch seine kleinen Anekdoten und Seitenhiebe umgarnt er einen trotzdem mit jeder Menge Charme.

Platz 4
„Eremit“ von Marijpol (Avant-Verlag)
Schon ihr Debüt „Trommelfels“ mochte ich sehr, und während dessen Handlung noch greifbar war, entwickelt Marijpol für ihre zweite Veröffentlichung eine ganz eigene Welt, die sich bezüglich Anatomie und physiologischer Vorgänge einige Freiheiten genommen hat. In „Eremit“ gibt es nur noch wenige Kinder. Diese werden von den vielen alten Menschen wie rohe Eier behandelt und sind dementsprechend kreuzunglücklich in ihren goldenen Verliesen. Der titelgebende Eremit ist vor diesen Umständen geflohen, kann sich aber schlussendlich doch nicht komplett diesen Vorgängen entziehen. Marijpols Vision einer Zukunft, in der sich ein selbstbestimmter Tod mit exotischer Todesart buchen lässt wie heutzutage eine Luxusreise, drängt sich nicht auf, lässt einen aber gerade wegen der dargestellten Selbstverständlichkeit schaudern.

Platz 3
„Billy Bat“ von Naoki Urasawa und Takashi Nagasaki (Carlsen Manga)
Alles fängt so harmlos an: Kevin Yamagata, Amerikaner mit japanischen Wurzeln, ist Ende der 1940er Jahre mit seinem fledermausähnlichen Detektiv „Bat Boy“ ein in Amerika recht bekannter Comiczeichner. Als er erfährt, dass Graffiti in Japan gesehen wurden, die seinem Titelheld sehr ähnlich sehen, begibt er sich aus Angst vor Plagiatsvorwürfen auf Spurensuche. Was als harmlose Forschungsreise gedacht war, entwickelt sich immer mehr zu einem gefährlichen Unterfangen, das nach jeder Ecke eine neue Untiefe bereithält. Dabei werden auch diverse historische Ereignisse in die Hintergrundgeschichte mit eingeflochten. Wer sich auf „Billy Bat“ einlässt, muss nicht nur wegen der raffiniert verwobenen Erzählung Zeit mitbringen: die zum Teil wunderschön detaillierten Zeichnungen lassen sich nicht einfach so weiterblättern. Aktuell sind auf Deutsch sechs Bände erschienen, weitere sind in Vorbereitung.

Frauke Pfeiffer.
Frauke Pfeiffer.Foto: Privat

Platz 2
„Wie ein leeres Blatt“ von Boulet und Pénélope Bagieu (Carlsen)
Da sitzt man auf einer Parkbank und weiß nichts mehr. Weder kennt man den eigenen Namen noch den Beruf, die Wohnung oder was man überhaupt auf dieser Bank zu suchen hat. Mit dieser Situation eröffnet „Wie ein leeres Blatt“ seine Erzählung einer jungen Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat und nun versucht, den entscheidenden Hinweis zu finden, um sich wieder an alles erinnern zu können. Schritt für Schritt baut sie ein Puzzle ihres alten Ichs zusammen, und der Leser begleitet sie dabei. Die Spurensuche fühlt sich dabei erstaunlich echt an, und in vielen Situationen konnte ich mir vorstellen, genauso zu handeln. Dabei ist die Geschichte lockerleicht gezeichnet und geschrieben und an einigen Stellen zum Brüllen komisch. Einmal angefangen, kommt man nur schwer wieder davon los.

Platz 1
„Saga“ von Brian K. Vaughan und Fiona Staples (Cross Cult)
Nachdem mir gestattet wurde, in meine Top 5 eine Comicserie aufzunehmen, an deren deutscher Version ich mitarbeite, landet sie direkt auf dem Spitzenplatz meiner persönlichen Lieblingsliste deutschsprachiger Comics 2013. Brian K. Vaughan ist mit „Y: The Last Man“, „Ex Machina” und “Die Löwen von Bagdad” einer meiner Lieblingsautoren, und „Saga“ verstärkt diese Begeisterung noch. Mit einer abgedrehten Romeo-und-Julia-Geschichte lässt er seiner Ideen völlig freien Lauf, die von Fiona Staples äußerst ansprechend umgesetzt werden. Sein Fantasie-Universum schmückt er unter anderem mit einem Krieg zwischen zwei Völkern, Auftragskillern, kopulierenden Roboter-Adligen und lebendigen Baum-Raumschiffen aus. Und auf seine Paradedisziplinen – lebensnahe Dialoge und gutes Timing – kann man getrost wieder bauen. „Saga“ ist Unterhaltung pur; wie eine Lok, die mit voller Kraft nach vorne drückt und von der man sich nur allzu gerne mitziehen lässt.

Am 19. Dezember geben wir die Gewinner der Jury-Auswahl bekannt.  Und eine aktualisierte Auswahl der Favoriten unserer Leser gibt es hier.

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