Comic-Bestenliste : Die Jury hat gewählt: Das sind die besten Comics 2015

Die besten Comics des Jahres: Die Tagesspiegel-Jury kürt eine kanadische Coming-of-Age-Erzählung und zehn weitere herausragende Werke.

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Die Top-11: So sieht die Punkteverteilung der Tagesspiegel-Jury aus - zum Vergrößern auf das Lupensymbol klicken.
Die Top-11: So sieht die Punkteverteilung der Tagesspiegel-Jury aus - zum Vergrößern auf das Lupensymbol klicken.Grafik: Fabian Bartel

In Nordamerika haben sie bislang mehr als 20 Auszeichnungen bekommen, nun kommt eine weitere Ehrung für die kanadischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki hinzu: Ihr Buch „Ein Sommer am See“ wurde von der Tagesspiegel-Jury zum besten Comic des Jahres 2015 gewählt. „Selten hat es ein Comic geschafft, mich so leicht in die Welt seiner Figuren hineinzuziehen“, urteilt Jurymitglied Sarah Burrini. Die in Köln lebende Comiczeichnerin („Das Leben ist kein Ponyhof“) ist vor allem von der „beeindruckenden Unaufgesetztheit“ der Erzählung angetan, die von zwei Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden handelt.

Zum inzwischen vierten Mal hatte der Tagesspiegel eine Fachjury eingeladen, die besten Titel der vergangenen zwölf Monate zu ermitteln - parallel zu unserer Leserumfrage, deren Ergebnisse in Kürze veröffentlicht werden. Diesmal bestand die Jury mit Ausnahme des Tagesspiegel-Vertreters ausschließlich aus Comicschaffenden und Fachhändlern. Aus den jeweils fünf Favoriten der neun Jurymitglieder (deren Begründungen unter www.tagesspiegel.de/comics zu lesen sind) ergab sich eine Shortlist mit elf Titeln, über die abschließend abgestimmt wurde – siehe Tabelle unten.

Die autobiografische Erzählung „Der Araber von morgen – Eine Kindheit im Nahen Osten“ des Franzosen Riad Sattouf landete auf dem zweiten Platz. „Bisher musste man sich ohne Fremdsprachenkenntnisse die Geschichten aus den Bildern seiner französischen Alben zusammendichten, nun endlich sieht man, dass diese Geschichten wirklich so gut erzählt sind, wie man immer schon ahnte“, findet der auch für den Tagesspiegel arbeitende Zeichner Mawil („Kinderland“).

Den dritten Platz teilen sich drei Titel. In ihrem Buch „Können wir nicht über was anderes reden?“ berichtet die US-Comicautorin Roz Chast von ihren Erfahrungen mit dem Altern und Sterben ihrer über 90-jährigen Eltern. „Mal ist es unfassbar komisch, bei der nächsten Seite bleibt einem das Lachen im Hals stecken, oft alles gleichzeitig“, lobt Jurymitglied Barbara Yelin, in München lebende Autorin des Vorjahressiegers „Irmina“.


Die humorvoll-philosophische Episodensammlung „Das Nichts und Gott“ des Berliner Zeichners Aike Arndt bekam in der Endwertung die gleiche Punktzahl. „Urkomisch, hinreißend gezeichnet und herrlich verspielt“, lobt die Comicautorin Daniela Schreiter („Schattenspringer“).

Bereits zum zweiten Mal in der Tagesspiegel-Bestenliste vertreten ist die vierbändige Erzählung „Blast“ des Franzosen Manu Larcenet, die die Lebensgeschichte eines verwahrlosten Mannes unter Mordverdacht erzählt. Band eins war der Siegertitel der Jury Ende 2012, in diesem Jahr wurde das Finale veröffentlicht. „Einer der besten Comics aller Zeiten“, urteilt Jurymitglied Micha Wießler vom Berliner Comicladen Modern Graphics.

Auf dem vierten Platz landete eine Superheldengeschichte der etwas anderen Art: „Ms. Marvel“ von Willow Wilson und Adrian Alphona, deren Hauptfigur die muslimische Teenagerin Kamala Khan ist. „Frei von heroischem Pathos und mit einer Haltung, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, bietet ,Ms. Marvel‘ leichtfüßige Unterhaltung auf hohem Niveau“, schreibt Jurorin Sarah Burrini.

Die wortlose Erzählung „Richtung“ des Franzosen Marc-Antoine Mathieu handelt von einem namenlosen Protagonisten, der sich in einer kargen Landschaft wiederfindet, in der nur Pfeile ihm den Weg weisen. „Eine poetische Reise, die in einer Art surrealen Traum eingebettet ist“, urteilt Jurorin Daniela Schreiber.

Auf dem sechsten Platz landete die Erzählung „Q-R-T: Der neue Nachbar“ des Kölner Zeichners Ferdinand Lutz, die Geschichte eines kleinen Außerirdischen, der auf der Erde landet und unsere Welt mit Kinderaugen sieht. „Flink, witzig und sehr clever draufloserzählt“, findet Mawil. „Viel zu schade, dieses Buch nur den Gören zu überlassen!“

Lesen und lesen lassen. Bei der Vielzahl der neuen Comics fällt mitunter die Auswahl schwer. Die Tagesspiegel-Kür soll bei der Orientierung helfen.
Lesen und lesen lassen. Bei der Vielzahl der neuen Comics fällt mitunter die Auswahl schwer. Die Tagesspiegel-Kür soll bei der...Foto: Jens Kalaene/dpa

Der erste Band der Manga-Erzählung „Wet Moon“ von Atsushi Kaneko kam auf Platz sieben. Vor dem Hintergrund des Wettlaufs um die erste Mondlandung zwischen den USA und der Sowjetunion in den sechziger Jahren wird eine komplexe Geschichte erzählt, die Krimielemente mit Surrealem verbindet. Dabei zieht der Autor diverse Register des grafischen Erzählens, wie Jurymitglied Frank Wochatz vom Berliner Comicladen Comics & Graphics lobt. Für Comic-Einsteiger sei die auf drei Bände angelegte Reihe allerdings weniger zu empfehlen. „Dafür ist die Geschichte zu sperrig angelegt – auf ,Wet Moon‘ muss man sich einlassen.“

„Niemand zeichnet besser Comics als sie“, befindet Jurymitglied Michel Decomain, in Berlin lebender Manga-Autor („Demon King Camio“), über die Mangazeichnerin Kaoru Mori und ihr in der zentralasiatischen Steppe im 19. Jahrhundert angesiedeltes Familiendrama „Young Bride’s Story“, das auf Platz acht landete.

Die zweibändige Episodensammlung „Hexe Total“ aus der Feder des neuseeländischen Comiczeichners Simon Hanselmann beeindruckte die Jury vor allem durch ihren vielschichtigen Witz. Die Reihe, die auf Platz neun landete, ist für Jurorin Gesine Claus vom Hamburger Comicladen Strips & Stories „einer der cleversten und traurigsten Comics dieses Jahres“.

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