Comic-Biografie : Der Crumbathon

1344 Seiten umfassen die ersten sechs Bände der Skizzenbücher von Comic-Pionier Robert Crumb, die jetzt erschienen sind. Wer sie liest, „lernt so ziemlich jede dunkle Ecke meiner Seele kennen“, verspricht der Zeichner – ein Selbstversuch.

Thomas Hummitzsch
Obsessiv: Crumb in einem Selbstporträt aus den 80er Jahren.
Obsessiv: Crumb in einem Selbstporträt aus den 80er Jahren.Foto: Taschen

Seit Wochen steht ein Paket neben meinem Schreibtisch, etwa 30 Zentimeter hoch und 20 Zentimeter breit. Darin ein kleiner Schatz: Die Skizzenbücher von keinem Geringerem als Robert Crumb, dem Godfather der Underground-Comix. Zugegeben, es ist „nur“ eine Best-Of-Auswahl aus seinen Skizzenbüchern, aber die erste Kassette mit insgesamt 1.344 Seiten Crumb-Stoff reicht immerhin zurück bis ins Jahr 1982. Zum Verständnis der Zählung im weiteren Verlauf sei angemerkt, dass zunächst die Kassette mit den Bänden 7 bis 12 mit Zeichnungen aus dem Zeitraum von 1982 bis 2011 erschienen ist. Die gesammelten Bände 1 bis 6 mit den Skizzen der Jahre 1964 bis 1981 werden erst im Laufe dieses Jahres veröffentlicht.

Diese geballte Ladung sexualisierter, kontrastreicher, kantiger, fleischiger, surrealer, queerer, schroffer, ausdrucksstarker, hemmungsloser und oftmals nicht jugendfreier Zeichnungen hat mich in gleichem Maße magisch angezogen wie respektvoll auf Distanz gehalten. Mehrere Male habe ich das Paket auf den Tisch gehoben, neugierig-ehrfurchtsvoll nach den Bänden gegriffen und sie dann nach wenigen Minuten doch wieder weggestellt – stets von verschiedenen Fragen bewegt: Wie begutachtet man ein solches Werk? Stück für Stück oder am Stück? Beginnt man in der Vergangenheit und liest sich staunend der Gegenwart entgegen oder macht man es genau umgekehrt? Sucht man den Bezug zum Gesamtwerk oder löst man sich davon? Hält man nach den nie veröffentlichten Figuren und Geschichten Ausschau oder sucht man nach den Anfängen der typischen Crumb-Charaktere und -Stories? Versucht man Themenkreise zu finden oder lässt man sich einfach auf das zeichnerische Chaos dieses kongenialen Comicstars, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, ein?

Nach einigem Hin und Her habe ich mich für die Verrücktheit entschieden, die 1.344 Seiten bzw. gebundenen 20,5 Zentimeter Crumb-Skizzen als Kompaktwerk anzugehen, mich darin gezielt von 1982 Richtung Gegenwart treiben zu lassen, die Augen offen zu halten nach bekannten und unbekannten Figuren und Ideen (es ist ja nicht so, als würde Crumbs Oeuvre nicht genügend bieten) und mich auf das Chaos namens Crumberland einzulassen. Diese Bezeichnung für den von Robert Crumb erfundenen Kosmos erscheint mir am passendsten, wenngleich der Meister selbst seinen zeichnerischen Kosmos „Crumbland“ nannte. Crumberland aber erinnert mich zugleich an Winsor McCays Comicklassiker „Little Nemo in Slumberland“, in dem Kindheitsträume und Fantasien eine ebenso große Rolle spielen, wie in Crumbs Universum. Nur dass Crumbs Fantasien nicht die von kleinen, sondern eher die von großen Jungs sind.

Es sei vorab bemerkt, dass sich dieses Experiment nicht nur als ein bildtextueller Marathon sondern auch als eine Herausforderung für Ausdauer und Auffassungsvermögen eines aufmerksamen Geistes erweisen sollte, an dessen Ende zwar kein Delirium, aber doch ein erschöpft-euphorischer Zustand der Versuchsperson stand.

„Wer sich durch die Hunderte von Seiten auf Gedeih und Verderb durchgewühlt hat, lernt so ziemlich jede dunkle Ecke meiner Seele kennen“, erklärte Crumb im Magazin des Taschen-Verlags vor dem Erscheinen seiner Skizzenbücher. Ich bin gespannt. Auf geht’s.

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