Comic-Eklat an Uni Duisburg-Essen : Ausstellung nach Protest von Muslimen abgebrochen

An der Universität Duisburg-Essen ist ein hitziger Streit um eine Ausstellung von Comic-Plakaten entbrannt - nach Protesten von Muslimen wurde sie vorzeitig geschlossen. Das könnte jetzt auch ein juristisches Nachspiel haben.

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Nicht für jeden nachvollziehbar: Worte und Bilder ergeben bei Craig Thompsons „Habibi“ eine künstlerische Einheit.
Nicht für jeden nachvollziehbar: Worte und Bilder ergeben bei Craig Thompsons „Habibi“ eine künstlerische Einheit.Foto: Reprodukt

Auslöser war ein Plakat mit Motiven aus der Graphic Novel „Habibi“ des US-Autoren Craig Thompson das eine Sexszene und daneben die Aufschrift „Allah“ zeigt. Dies verletze die religiösen Gefühle der Muslime, beklagten muslimische Studierende. Das Plakat war offenbar im Rahmen eines Seminars als Collage mit Bildmaterial aus Craig Thompsons Comic-Erzählung erstellt worden. Dieses wurde nach Angaben von Thompsons deutschem Verlag, Reprodukt, ohne Wissen oder Zustimmung des Autors aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und zu einer neuen Aussage verbunden. Gegen eine Frau, die das Plakat eigenmächtig entfernte und als anstößig empfundene Stellen mit einem Messer ausschnitt, wurde jetzt Strafanzeige gestellt. Der Essener Rechtsanwalt Marc Grünebaum hat gegen die namentlich nicht bekannte Studentin Strafanzeige erstattet, meldet jetzt die „WAZ“. Es handele sich „um einen Angriff auf die Meinungs- und Kunstfreiheit durch eine religiöse Eiferin“, und damit „um die Verletzung bedeutender verfassungsrechtlicher Schutzgüter - umso mehr als dieses an einer an einer öffentlich-rechtlichen Hochschule erfolgte“, so Grünebaum in seinem Schreiben an die Staatsanwaltschaft. Zudem liege eine Sachbeschädigung vor. Unser Autor Thomas Hummitzsch kommentiert die Kontroverse.

Die Debatte, die aktuell um ein Plakat mit einer von Studenten erstellten Collage aus Motiven des Comickünstlers Craig Thompson an der Uni Duisburg-Essen geführt wird, ist absurd. Da wird einem, der sich wie kaum ein anderer seiner Zunft für Kinder im Nahen und Mittleren Osten engagiert und sich mit einem 700-seitigem Werk vor der Hochkultur des arabischen Raumes verbeugt, Islamfeindlichkeit unterstellt, weil er in seinem Werk Habibi nicht das auslässt, was es auch zu kritisieren gibt. Da wird eine ganze Ausstellung geschlossen, weil sich einige Studierende an einem Plakat stoßen und sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sehen. Der Freiheit der Kunst - an der sich bis heute übrigens niemand gestoßen hatte, wenngleich Thompsons Werk bereits im Herbst vor zwei Jahren erschienen ist - steht einmal mehr dem Vorwurf von Rassismus und Blasphemie gegenüber.

Thompsons Werk rechtfertigt diesen Vorwurf in keiner Weise. Wer den Comic gelesen hat, kann über die Proteste und den vorauseilenden Gehorsam der Universität nur den Kopf schütteln, denn in Thompsons 700-seitigem Werk geht es nicht um Islamkritik, sondern um Ausbeutung und Unterwerfung am Beispiel einer jungen Muslima.

Wohl jeder hat von den Märchen aus Tausendundeiner Nacht schon gehört. Auch wer nicht darin gelesen hat, hat doch eine Vorstellung davon, wovon sie erzählen und vor allem, wie sie erzählen. Sie entführen uns in ferne Welten und orientalische Königshäuser, rufen Bilder von prunkvollen Palästen und fruchtbaren Oasen wach, lassen an menschliche Schicksale und gesellschaftliche Katastrophen denken und lösen Erinnerungen an die Mythen und Sagen des Orients aus. Die Märchen aus Tausendundeiner Nacht hat sich der Amerikaner Craig Thompson für sein monumentales Werk Habibi zum Vorbild genommen.

Thompson ist vor allem für seinen vielfach preisgekrönten Comic Blankets bekannt, in dem er von den Entsagungen aufgrund seiner christlich geprägten Jugend im Mittleren Westen Amerikas erzählt. Danach war es still geworden um den Zeichner aus Portland. Sechs Jahre lang hat er sich ganz auf seinen neuesten Geniestreich konzentriert, der am 20. September zeitgleich in den USA und in Deutschland erscheint. Das Ergebnis dieses Schaffensprozesses ist atemberaubend.

Zwei Sklavenkinder, vom Schicksal getrennt

Habibi erzählt die Geschichte von Dodola und Zam, zwei Sklavenkindern, die das Schicksal über viele Umwege miteinander verbindet. Dodola wird bereits als Kind aus ihrem Elternhaus an einen Kalligraphen verkauft, lernt dort Lesen und Schreiben und muss als Kinderbraut für Liebesdienste zur Verfügung stehen. Nach einigen Jahren wird sie von Räubern aus dem Haus entführt. In deren Gefangenschaft kümmert sie sich um den kleinen Zam und flieht nach einigem Zögern mit ihm in die Wüste. In einem Meer aus Sand haben sich die Kinder in ein verwehtes Schiffswrack zurückgezogen. Sie überleben nur, weil Dodola heimlich ihren Körper im Tausch gegen Nahrungsmittel an die Männer der vorbeiziehenden Karawanen verkauft.

Frau als Ware: Eine Seite aus dem Buch.
Frau als Ware: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Reprodukt

Eines Tages kommt Dodola nicht von der Karawane zurück. Erneut wird sie verschleppt und in den Palast des Sultans gebracht, wo sie diesem als Haremsdame zur Verfügung stehen muss. Zam seinerseits muss nach Dodolas plötzlichem Verschwinden die Wüste verlassen. In der Stadt des Sultans versucht er vergeblich, als Tagelöhner durchzukommen. Verzweifelt schließt er sich einer Gruppe Eunuchen an und lässt sich selbst entmannen. Als Eunuch bekommt er Zutritt in den Palast des Sultans und in den Harem. So begegnen sich Dodola und Zam nach Jahren wieder, beide von den leidvollen Jahren der Trennung gezeichnet. Sie planen gemeinsam das Unmögliche und wollen aus dem Sultanspalast ausbrechen. Wer Märchen kennt, weiß wie das ausgeht.

Man könnte das alles auch auf 150 bis 200 Seiten erzählen und damit den Umfang eines durchschnittlichen Comic-Romans erreichen. Thompsons Werk jedoch umfasst sage und schreibe 665 Seiten – und keine einzige Seite, kein Panel, je nicht einmal ein Strich sind zuviel. Craig Thompson erweist sich in Habibi als grandioser Erzähler und leidenschaftlicher Zeichner. Mit Bild und Text eröffnet er ständig neue Ebenen der Erzählung. Er verbindet das Schicksal der Erzählung um Zam und Dodola mit den religiösen Überlieferungen aus dem Koran und der Bibel und lässt die verzaubernden Mythen aus Tausendundeiner Nacht mit einfließen. Auf diese Weise bringt er seinen Lesern die arabische Philosophie und Kultur nahe, führt sie an die gemeinsamen mythologischen Wurzeln der abrahamitischen Religionen Christentum und Islam heran und unterweist sie quasi nebenbei in der Kunst der Kalligrafie und Verzierung. Habibi ist daher auch eine Hommage an die tiefgründige arabische Hochkultur.

Viel mehr als nur die Summe seiner Teile

Insbesondere in diesen Teilen der Erzählung wird deutlich, dass der Comic als Schrift und Bild verbindendes Medium etwas zusammenführt, was ursprünglich eine Einheit bildete. Denn die Kalligrafie ist ebenso wie die ägyptischen Hieroglyphenmalerei oder die Kodexe der Azteken in erster Linie ein Bildwerk. Diese Schriften sind ebenso Kunst wie sie Text sind und bilden eine unzertrennliche Einheit. Diese Einheit prägt auch das Medium Comic. Erst im perfekten Zusammenspiel, wenn Text und Bild harmonieren, entfaltet der Comic seine besondere Faszination. Er erhält dann seine besondere Wirkung, die weit über die Möglichkeiten seine einzelnen Bestandteile hinausgeht. Craig Thompson demonstriert dies in seinem neuerlichen Schwergewicht und beweist seine vollkommenen zeichnerischen Fähigkeiten. Die bis ins kleinste Detail getreuen Ausführungen seiner Tuschezeichnungen, die sorgsam handgeletterten Sprechblasen (in der deutschen Übersetzung durch Michael Hau erfolgt), sein Gefühl für die ideale Komposition von Text und Bild sowie den Bildausschnitt und nicht zuletzt die Wahl des Erzählstils bilden in Habibi ein harmonisches Gefüge.

Die sich über mehrere Seiten hinziehenden Ausflüge in die Traditionen und Mythen der Schriften sind aber nicht einfach nur Ausschmückungen der Erzählung. Es sind Fluchten aus der grausamen Realität, die Dodola und Zam umgibt. Es sind deutende Tagträume voller Hoffnung und Sinnsuche, die es ihnen ermöglichen sollen, die bittere Wirklichkeit für einen Moment zu vergessen oder ihr zumindest irgendeinen Sinn zu geben. Einen Sinn, der sie am Leben hält.

Zwischen Mittelalter und Moderne

Nach seinem religionskritischen Comic „Blankets“ scheint Thompsons Umgang mit Religion hier versöhnlicher. Dies liegt sicherlich daran, dass die Vorarbeiten zu Habibi unter dem Eindruck des Islamhasses in den USA nach den Anschlägen des 11. September 2001 standen. Die gemeinsame Herkunft von Christentum und Islam zu zeigen, ist Thompsons künstlerische Antwort auf die anti-islamische Stimmung in der amerikanischen Gesellschaft. Zugleich scheut er jedoch nicht die Kritik an den monotheistischen Religionen. Er zeigt, was die Menschheit aus den religiösen Überlieferungen des Alten Testaments und des Koran gemacht hat. Seine radikale Kritik der Unterdrückung und Ausbeutung der Frau und der Unterwerfung der Schwächeren zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk.

Episch: Das Buch, hier das Covermotiv, umfasst 672 Seiten.
Episch: Das Buch, hier das Covermotiv, umfasst 672 Seiten.Foto: Reprodukt

An diesem Punkt hört Habibi auf, Märchen zu sein. Die Erzählung um Dodola und Zam wird zum kritischen Kommentar der gesellschaftlichen Realitäten im arabischen Raum. Möglich ist dies, weil sich Thompson der absoluten Fiktionalisierung bedient, die Märchen bieten. Entgegen kommt ihm dabei der Umstand, dass es zuweilen scheint, als sei der Orient aus der Zeit gefallen. Beim Lesen übersieht man schnell die Anzeichen dafür, dass in der Welt, wie sie Thompson hier entwirft, die Moderne bereits Einzug erhalten hat. Zwar fallen das Meer von Müll auf der Coverinnenseite oder das Motorrad zu Beginn der Erzählung auf, aber ihre Präsenz verschwindet hinter der altertümlichen Kulisse der Erzählung. Erst am Ende des Buches, nachdem Dodola und Zam aus dem Harem geflohen sind und die unmenschliche Welt der allgegenwärtigen Unterdrückung und Ausbeutung hinter sich gelassen haben, ergreift die Moderne Besitz von der Erzählung und rückt in den Vordergrund. Als würde Craig Thompson seinen Lesern sagen wollen, dass Moderne erst dann möglich ist, wenn man dieser mittelalterlichen Welt entkommen und sie überwinden kann.

Teile des Textes sind erstmalig am 19.09.2011 auf Tagesspiegel.de erschienen. Ein Tagesspiegel-Interview mit Craig Thompson über sein Buch und die islamische Welt finden Sie hier.

Craig Thompson: Habibi. Reprodukt 2011, Gebundene Ausgabe, 672 Seiten , EUR 39,00

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