Comic-Fabel „Affendämmerung“ : Prophet der Affen

In der Tradition von Äsop und Orwell: Jean-Paul Krassinskys „Affendämmerung“ ist eine religionskritische Fabel, die auch künstlerisch beeindruckt.

Christian Endres
Pfiffige Religionskritik: Eine Seite aus „Affendämmerung“.
Pfiffige Religionskritik: Eine Seite aus „Affendämmerung“.Foto: Schreiber & Leser

In seinem Comic-Roman „Affendämmerung“, der jetzt auf Deutsch im Verlag Schreiber & Leser erschienen ist, widmet sich der französische Autor und Zeichner Jean-Paul Krassinsky einem Stamm rotgesichtiger Schneemakaken in den verschneiten Bergen Japans. Seine sprechenden Affen sind tierisch menschlich in ihrer Bereitschaft zur Manipulation und zur Intrige, aber immer noch animalisch wild. Die Hackordnung, die über den Anspruch auf die heiße Quelle und das heißeste Weibchen entscheidet, ist das Wichtigste für die Affen – bis eines Tages eine Raumkapsel in ihrem Territorium abstürzt. Dieser entsteigt ein Rhesusaffe, der fortan das Wort eines neuen Gottes predigt.

1949 schoss die Nasa den ersten Rhesusaffen ins All

Der Name dieses Propheten? Rhesus, und ein Schimpanse ist, wer Böses dabei denkt. Die Lehren des Diou, die Rhesus sich zu seinem persönlichen Vorteil aus den Fingern saugt, wirbeln das Sozialgefüge der Makaken komplett durcheinander. Was sich nie ändert, ist ihre Natur, und so dauert es nicht lange, bis der Schnee zwischen Gebeten, Eiferern, Extremisten und Propheten mit mehr Affenblut getränkt ist denn je.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Schreiber & Leser

Jean-Paul Krassinsky wurde 1972 in Bayern geboren, wuchs jedoch in Paris auf, wo er bis heute lebt. Er studierte Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaft, arbeitete als Storyboardkünstler und Illustrator in der Werbung und veröffentlicht seit 2000 Comics.

Dass Krassinsky mit „Affendämmerung“ der großen Tradition satirisch-kritischer Fabeln zwischen Äsop und Orwell folgt, ist kaum zu übersehen. Obendrein wird hier die Tierfantasie mit der Geschichte der Raumfahrt verknüpft: 1949 schoss die Nasa den ersten Rhesusaffen ins All, dem viele Primaten folgten, bevor die Hündin Laika im Rahmen der russischen Sputnik-2-Mission 1957 als erstes Lebewesen die Erde umrundete.

Wenn man sich die Probleme unserer Welt ansieht, scheint es für pfiffige Religionskritik wie in „Affendämmerung“ zu spät. Doch Krassinsky überzeugt auch aus comic-handwerklicher Sicht. Seine Protagonisten sind als Figuren so effektive Persönlichkeiten wie viele der größten Disney-Archetypen, und seine Bilder wunderschön. Die cartoonhaften Affen im Vordergrund harmonieren mit prächtigen Aquarell-Landschaften, die sich oft in der dunstigen Ferne der Berge verlieren. Durch den allgegenwärtigen Schnee wird Farbe ein mächtiges Gestaltungselement. Krassinsky und seine affige Glaubensgemeinschaft werden die Welt nicht retten, aber Comic-Jüngern viel Freude bereiten.

Jean-Paul Krassinsky: Affendämmerung, Schreiber & Leser, 296 Seiten, 29,80 Euro

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