Comic-Geschichte : Wahnsinn mit Methode

Al Capp war mit dem satirischen Strip „Li’l Abner“ zu seiner Zeit einer der populärsten amerikanischen Comiczeichner, John Steinbeck hielt ihn für einen der besten Autoren der Welt. Jetzt erinnert Verleger Denis Kitchen an den in Deutschland bis heute kaumbekannten Comic-Star.

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Comic-Schlaraffenland: Ein Strip von 1976.
Comic-Schlaraffenland: Ein Strip von 1976.Foto: Promo

Denis Kitchen ist so etwas wie eine lebende Legende. Neben den kürzlich auf dem Comicfestival in München ebenfalls anwesenden Underground-Comic-Pionieren Robert Crumb und Gilbert Shelton steht der Begründer der legendären Kitchen Sink Press für den logistischen Teil dieser Fraktion. Das heißt, er war und ist bis heute vornehmlich im Alternative-/Independent-Bereich der Comics als Verleger, Agent für Künstler, Ausstellungskurator und Autor tätig. Kitchen hat unter anderem namhafte Künstler wie Robert Crumb, Will Eisner, Harvey Kurtzman sowie Neil Gaiman und Alan Moore veröffentlicht, er kennt sich im Comicgeschäft, sei es nun Mainstream oder Underground, also bestens aus.

Nachdem Kitchen zwei Stunden zuvor im Bier- und Oktoberfestmuseum einen Vortrag über den von ihm mit initiierten CBLDF (Comic Book Legal Defense Fund)  gehalten hatte, welcher sich gegen Zensur engagiert, widmete er sich direkt daran anschließend im Jüdischen Museum dem amerikanischen Zeitungs-Comicstrip-Giganten Al Capp und dessen Hauptwerk „Li’l Abner“. Der Strip war eine vermeintliche Verspottung amerikanischer Hinterwäldler, tatsächlich aber eine auf ganz Amerika gemünzte und von 1934 bis 1977 laufende Satire. Über Capps Leben – er starb 1979 - und die dunklen Facetten der Persönlichkeit des politisch sehr einflussreichen Comicstrip-Künstlers hat Kitchen zusammen mit Will Eisner-Biograf Michael Schumacher ein kürzlich veröffentlichtes Buch verfasst, das schon durch sein schillerndes Sujet spannende Lektüre verspricht.  

Al Capp verfügte auf dem Höhepunkt seines Ruhmes über eine publizistische Omnipräsenz, die man sich heute nur noch schwer vorzustellen vermag. Er war auf den Titelblättern von „Life“, „Time“ und „Newsweek“ zu sehen, drei der auflagenstärksten Blätter der USA jener Tage. Comicschaffende, die dem Bekanntheitsgrad, den Capp in den USA innehatte, in Europa nahe kommen, wären laut Kitchen demnach Künstler wie Goscinny, Uderzo oder Hergé. Doch auch deren Berühmtheit übertraf Capp bei weitem, so fungierte er als Gastgeber von Talk-Shows im amerikanischen Fernsehen. Und Literaturnobelpreisträger John Steinbeck hielt Capp gar für einen der besten Autoren der Welt.      

Zu Beginn seines Lebens sah es allerdings nicht so aus, als ob der große Erfolg sein ständiger Begleiter werden würde. Doch der 1910 als Alfredo Gerald Capin zur Welt gekommene jüdische Junge osteuropäischer Provenienz aus armen Verhältnissen, sollte sich unter dem Pseudonym Al Capp zu einem der populärsten Comic-Strip-Künstler seiner Zeit entwickeln. Das war keine Selbstverständlichkeit: Zwar wurden die damaligen Schmuddelkinder des Mediums, die Comic-Hefte, vorwiegend von jüdischen Künstlern dominiert, beim angesehenen Zeitungs-Comicstrip war dieses aber nicht der Fall.

Amerikanisches Wunschbild: Ein Strip von 1960.
Amerikanisches Wunschbild: Ein Strip von 1960.Foto: Promo

Capin, der deshalb seinen Namen in Al Capp änderte, verlor im Alter von neun Jahren bei einem Unfall ein Bein. Die unzureichende Prothese, die in Folge der mangelnden Finanzkraft von Capps Familie diesen Verlust ersetzte, verursachte ihm stets Schmerzen und begleitete ihn bis zum Tod. Trotz seines späteren  Reichtums ließ er diese nie gegen ein komfortableres Modell austauschen - vielleicht nutzte er den Schmerz als eine Quelle des Ansporns, wie Denis Kitchen spekulierte.

Die Lehrjahre im Zeitungs-Comicstrip erlebte er ab 1933, zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, bei Ham Fisher, dem Autoren und Zeichner von „Joe Palooka“.  Für ihn übernahm der junge Capp Assistenztätigkeiten wie zum Beispiel das Ausführen von Hintergründen, für die Fisher nicht die Zeit erübrigen konnte oder wollte. Als Capp begann, einen eigenen Strip aufzuziehen, beschuldigte ihn Fisher des Diebstahls an seinem geistigen Eigentum. So gingen beide im Unfrieden auseinander und legten damit ein Fundament für einen lebenslangen Zwist, der nicht nur über Anspielungen auf den jeweils anderen in den Strips der beiden Künstler äußerst boshaft ausgetragen wurde. Verleumdungen und andere unschöne Praktiken bestimmten von nun an das Verhältnis von Capp und Fisher. Nach dem Rauswurf aus der von ihm mitbegründeten National Cartoonists’ Society auf Grund falscher Anschuldigungen gegenüber Capp und der gleichzeitig stattfindenden Zerstörung seines Hauses durch ein Unwetter nahm Fisher sich1955 das Leben.   

Capps Persönlichkeit stellt Kitchen als sehr ambivalent dar: Obwohl er früher als unerwähnter Zulieferer für Ham Fishers Strip-Produktion schlecht bezahlt worden war, zeigte er sich gegenüber seinen Assistenten, darunter der später weltberühmte Zeichner Frank Frazetta,  zumindest in finanzieller Hinsicht großzügig. Capp widmete sich in seinem Studio vorwiegend dem Plotentwurf, den Bleistiftzeichnungen und der Darstellung der Gesichter.

Sein häufiges Engagement für andere war natürlich meist auf clevere Art und Weise mit der positiven Inszenierung der eigenen Person verknüpft, denn das Spielen auf der Klaviatur öffentlicher Wahrnehmung zu seinen eigenen Gunsten beherrschte Al Capp  meisterhaft. Besonders selbstreferentiell kulminierte dies in durch die von ihm zu Werbezwecken zur Verfügung gestellten Figuren aus „Li’l Abner“, die sich für Organisationen wie die National Amputation Foundation oder die Disabled American Veterans engagierten. Jedoch waren Aktionen wie der Abwurf der von ihm erdachten und mit Süßigkeiten gefüllten Shmoo-Figuren zu Zeiten der Berlin-Blockade trotz aller Public Relation hilfreich und willkommen. Dass er dafür das amerikanische Militär einzuspannen vermochte, unterstreicht die gesellschaftliche Ausnahmestellung, die Capp innehatte. Dies demonstriert auch die prominente Besetzung einer Jury mit Frank Sinatra, Boris Karloff und Salvador Dali anlässlich eines Wettbewerbs für die Leser von „Li’l Abner“.

Ein weiterer Aspekt seines Charakters zeigte sich in seinem Verhältnis zu Frauen. Capp war das genaue Gegenteil seines besten Freundes und Kollegen Milton Caniff („Terry and the Pirates“, „Steve Canyon“), der ein Saubermann-Image hatte. Wohl war Capp verheiratet, doch in seiner Ehe mit Catherine Cameron schien er nicht die Befriedigung zu finden, die er brauchte. Es kam immer wieder zu Affären, zum Beispiel mit populären Filmstars, die sich in späteren Jahren zu Belästigungen bis hin zur Erpressung und Nötigung junger Frauen auswuchsen - so berichtet Goldie Hawn in ihrer Biografie über einen ähnlichen Versuch von unerwünschter Annäherung durch Capp. Den dann 1971 gegen ihn erhobenen Vorwurf des sexuellen Missbrauchs konnte dieser auch auf Grund seiner gesellschaftlichen Reputation abmildern, sodass er an Stelle von Inhaftierung mit einer Geldstrafe davonkam.

Positivere Auswirkung für Frauen hatte da der Capps Strip entstammende Sadie-Hawkins-Day, eine Einrichtung, die es alleinstehenden Frauen einmal im Jahr, am 15. November, ermöglichte, Junggesellen hinterher zu jagen und diese bei erfolgreichem Einfangen zu ehelichen. Der Brauch wurde in der Realität von Studenten einiger amerikanischer Universitäten übernommen – zu einer Zeit, als es gesellschaftlich als verpönt galt, dass eine Frau einem Mann gegenüber Avancen machte.    

Popstar: Al Capp auf einem "Time"-Cover von 1950.
Popstar: Al Capp auf einem "Time"-Cover von 1950.Foto: Promo

Capp, der auf Grund derartiger Inhalte zeitlebens eher als ein Vertreter liberaler Positionen gegolten hatte, vollzog  später politisch einen Wechsel in das Lager der Konservativen und war mit Leuten wie Spiro Agnew und Richard Nixon befreundet. Er legte sich mit John Lennon und Yoko Ono an und die Darstellungen von gegen den Vietnam-Krieg protestierenden Studenten in seinem Strip fielen wenig schmeichelhaft aus. Für Denis Kitchen, dessen Wurzeln in der Underground-Comic-Szene und der Protestbewegung liegen, war dies ein Moment, in dem er große Schwierigkeiten sowohl mit der Person des Künstlers und mit dem von ihm geschätzten Strip bekam.

Was aber machte „Li’l Abner“ zu einem derartigen Erfolg? Das Portrait der Bewohner von Dogpatch, denen trotz leichter Hinterwäldlermentalität eine in gewisser Weise dem Schauplatz geschuldete Bauernschläue nicht abgesprochen werden kann, zeichnet ein Bild von Amerika, wie es sich selbst gern sieht - insbesondere in der Gestalt der titelgebenden und kraftstrotzenden, aber nicht überintellektualisierten Hauptfigur.

Die Zeichnungen Capps, karikierend mit Klischees von Hässlichkeit und Schönheit, und gerade bei weiblichen Figuren wie Abners späterer Ehefrau Daisy Mae mit chauvinistischen Ressentiments spielend, sind, was die Darstellung des Handlungspersonals angeht, recht ausdrucksstark und einprägsam. Die Gestaltung der Hintergründe fällt jedoch eher karg aus, denn vieles kommuniziert Capp anhand der Mimik der Figuren, deren Ausgestaltung ja stets in seiner Hand lag. Die dabei durch einen über die Jahrzehnte perfektionierten Strich erreichte Leichtigkeit beflügelt den satirischen Charakter der Geschichten zusätzlich. Und trotz deren galoppierender Absurdität lässt sich hinter dem Wahnsinn immer eine Methode erkennen, nämlich die Veranschaulichung der Konsequenzen, die entstehen können, wenn man das Land der unbegrenzten Möglichkeiten als allzu sprichwörtliches Versuchslabor für Ideen aller Couleur auffasst.

So ist der Shmoo, ein gutmütiges Wesen, das voller Freude stirbt um als Nahrung zu dienen, wenn ein Mensch Hunger leidet, ein Paradebeispiel für ein konsequent zu Ende gedachtes Schlaraffenland. Mittels des Shmoo konnte Capp Moral und Ethik anhand dessen selbstloser Hingabe und dem Ausnutzen derselben durchdeklinieren. Die Regierung möchte diese soziale Anomalie mit Hilfe Li’l Abners denn auch lieber ausgerottet sehen, da sie massive Implikationen für die Lebensmittelproduktion der Vereinigten Staaten befürchtet. Die inhaltliche Bandbreite des Strips war eine der Ursachen für dessen überwältigenden Erfolg, und in seinen besten Zeiten wurde „Li’l Abner“ landesweit in allen großen Zeitungen veröffentlicht. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, und es gab einen Dogpatch-Vergnügungspark. Ein recht erfolgreiches und von Capp auf den Weg gebrachtes Merchandising existierte obendrein, besonders der Shmoo faszinierte die Abnehmer der Capp’schen Fanprodukte.

Eine Faszination, der sich Denis Kitchen ebenfalls nicht zu entziehen vermochte, dies veranschaulichte er durch ein Bild seiner umfangreichen Sammlung von Shmoo-Memorabilia.

In Deutschland dagegen konnte sich „Li’l Abner“ nie etablieren. Versuche des Carlsen Verlags, der  innerhalb verschiedener Ausgaben seiner Reihe „Comics – Weltbekannte Zeichenserien“ (1971 – 1975, darunter die berühmten Shmoo-Folgen im fünften Band der Reihe) Episoden daraus veröffentlichte und nach deren Einstellung 1975 den ersten Band seiner Reihe „Spezial-Comics“ der Serie von Al Capp widmete, scheiterten. Dieses lag an deren spezifisch amerikanischer Thematik, ein Schicksal, welches „Li’l Abner“ mit Garry B. Trudeaus Zeitungsstrip „Doonesbury“ teilt (in Deutschland brachte es Trudeaus Politsatire gerade mal auf zwei Ausgaben), und an der Schwierigkeit einer adäquaten Übersetzung des Hillbilly-Slangs.

Der einzige in Deutschland erschienene „Li’l Abner“-Band war übrigens „Ich liebe ehmt Knie“ betitelt, zu einer Zeit, als Comics noch unter dem Generalverdacht von Verdummung ihrer Leserschaft standen. Darin vorkommende Satzgebilde wie „Du wills Schweinschön heiratn??? Mann, Fremda! Soll ich dich nich lieba erschiessn?“ hätten selbst toleranteste Verteidiger vermeintlich trivialer Inhalte von ihrem Vorhaben abgebracht.

Weitere Berichte vom Comicfestival München lesen Sie unter diesem Link.

 

   

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