Comic-Heldinnen : Mit den Waffen der Frau

Mal feministische Ikone, mal Sexobjekt: Seit gut 70 Jahren behaupten sich Comic-Heldinnen wie Wonder Woman in der Männerwelt – mit ambivalentem Ergebnis.

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Kämpferin: Wonder Woman auf dem Cover der aktuellen Ausgabe der feministischen Zeitschrift "Ms.".
Kämpferin: Wonder Woman auf dem Cover der aktuellen Ausgabe der feministischen Zeitschrift "Ms.".Foto: Promo

Das aktuelle Titelbild der US-Zeitschrift „Ms. Magazine“ schmückt eine alte Bekannte: Mit wehendem Haar schwebt Wonder Woman den Leserinnen des feministischen Magazins entgegen. In der rechten Hand hält sie ihr goldenes Lasso, mit dem sie jeden Gegner zwingen kann, die Wahrheit zu sagen. Ihre Handgelenke zieren die silbernen Armreifen, die sie unverwundbar machen. Auf dem Kopf trägt sie ihren Stirnreif, den sie als Waffe einsetzen kann. Unter ihr eine Gruppe Frauen, die fordert, den „Krieg gegen die Frauen“ zu beenden. Das ist ein Schlagwort feministischer und den US-Demokraten nahe stehender Gruppen, um jene Initiativen der US-Republikaner bezüglich Geburtenkontrolle und Abtreibung zu beschrieben, die als frauenfeindlich gesehen werden.

Aber es könnte sich auch auf die Comicfigur auf dem Cover beziehen: Denn seit gut 70 Jahren kämpft sie in amerikanischen Comic-Heften, Zeichentrickfilmen und einer Fernsehserie gegen die Gewalt vor allem der Männer und für die Gleichberechtigung von Frauen, 1942 bekam sie eine eigene Heftserie. Die Figur, die laut ihrem Schöpfer William Moulton Marston „die Stärke Supermans und den Charme einer guten, schönen Frau“ vereinte, ist eine der ältesten aktiven Comic-Heldinnen. Sie verkörpert ein Genre, das bis heute von Widersprüchen geprägt ist.

Denn Wonder Woman trat von Anfang an nicht nur als Vorkämpferin für Gleichberechtigung und weibliches Selbstbewusstsein auf, sondern bot sich in ihrem knappen Kostüm und ihren von manchen Zeichnern grotesk übersteigerten weiblichen Rundungen auch als Projektionsfläche für männliche Lust- und Unterwerfungsfantasien an. Das verdankt sie nicht zuletzt den gerade in den frühen Jahrzehnten in zahlreichen Episoden lustvoll ausgeschmückten Fesselspielchen zwischen der Protagonistin und ihren Gegenspielern.

In dieser Ambivalenz zwischen Amazone und Sexobjekt steht Wonder Woman für zwei zentrale Trends bei den Comic-Heldinnen. Einerseits gibt es immer mehr starke, selbstbewusste und gelegentlich gar von Frauen erdachte und gezeichnete Figuren. Andererseits präsentieren sich manche Heldinnen von heute so freizügig, mit noch überdimensionierteren Körperproportionen und den Männern gegenüber unterlegen wie lange nicht. Das zeigen besonders deutlich die kürzlich neu gestarteten Heldenserien des DC-Verlages, in denen sich neben Wonder Woman, Batman und Superman auch andere Heldinnen austoben – und gegensätzliche Frauenbilder verkörpern.

Batwoman zum Beispiel, eine 1956 in der Batman-Serie eingeführte und Mitte der 80er Jahre komplett neu definierte Figur, lebt in einer lesbischen Beziehung, weiß sich in einer männlich geprägten Umwelt mehr als zu behaupten und erweist sich im schwarz-roten Kampfanzug als so kluge wie gnadenlose Kämpferin, die in der derzeit von dem Zeichner und Autor J. H. Williams III geprägten Serie ihre Gegenspieler alt aussehen lässt. Zwar trägt auch sie einen knappen, körperbetonten Anzug – aber der ähnelt eher den Kampfmonturen ihrer männlichen Wegbegleiter als der Reizwäsche, die bei den meisten anderen Comic-Heldinnen als Kostüm durchgeht.

Wer hat hier die Hosen an? In der aktuellen "Catwoman"-Serie von Judd Winick und Guillem March spielt auch Batman eine Rolle.
Wer hat hier die Hosen an? In der aktuellen "Catwoman"-Serie von Judd Winick und Guillem March spielt auch Batman eine Rolle.Illustration: March/Panini

Ganz anders Catwoman, eine 1940 eingeführte Figur, die im Kino von Michelle Pfeiffer, Halle Berry und zuletzt im Film „The Dark Knight Rises“ von Anne Hathaway verkörpert wurde. Die aktuelle „Catwoman“-Comicserie, deren erste Folgen jetzt auf Deutsch erschienen sind, präsentieren der Autor Judd Winick und der Zeichner Guillem March die Antiheldin als männliches Lust- und Unterwerfungsobjekt in Reinform: Das beginnt damit, dass die Figur in zahlreichen Szenen teilweise komplett nackt auftritt, ohne dass dies für die Handlung nötig wäre. Und es endet mit einigen äußerst brutalen Folter- und Prügelszenen, in denen die weibliche Hauptfigur und eine Freundin von den Autoren lustvoll als Opfer männlicher Gewaltexzesse präsentiert werden.

„Comics sind immer ein Spiegel des Zeitgeistes“, sagt Steffen Volkmer, Redakteur und Sprecher des Panini-Verlages, bei dem die Heldenserien von US-Verlagen wie DC und Marvel auf Deutsch erscheinen. „Eine gewisse Optik ist durch die gesellschaftliche Normierung vorgegeben“, sagt er. „Dem sportlichen, modischen, gut aussehenden und intelligenten Frauentyp, den man auch in TV und Kino präsentiert bekommt, nimmt man die Heldin auch im Comic ab.“ Das sei aber „eine Zeitgeistsache und keine überzogene Sexualisierung“. (Das komplette Interview mit ihm steht hier.)

Dass Comic-Heldinnen nicht immer den vorherrschenden Rollenbildern entsprechen müssen, zeigt der neue Sammelband „Womanthology“, in dem rund 150 Zeichnerinnen und Autorinnen vor allem aus den USA eigene Heldinnengeschichten präsentieren. In kurzen, oft erfrischend unkonventionellen Episoden sieht man da Comicfiguren, die sich schon optisch von den überstilisierten und oft anatomisch völlig unmöglich gezeichneten Mainstream-Figuren unterscheiden: Es gibt kämpferische Rentnerinnen, Heldinnen mit Brille oder mit Übergewicht. Und ihre Superkräfte bestehen nicht nur darin, kräftige Kinnhaken austeilen oder fliegen zu können, sondern einen Hochschulabschluss zu schaffen, Nachbars Katze vom Baum zu holen oder bei einem mörderischen Roboterangriff einfach den Ausschalter der Killermaschine zu finden, anstatt gleich ein ganzes Viertel in Schutt und Asche zu legen.

„For Ladies only“: Zwei Covermotive der neuen Carlsen-Reihe.
„For Ladies only“: Zwei Covermotive der neuen Carlsen-Reihe.Foto: Carlsen

Dass Verlage versuchen, das Spektrum weiblicher Comicfiguren zu erweitern, hat auch wirtschaftliche Gründe. Das Gros der westlichen Comicleser ist, mit Ausnahme japanischer Mangas, heutzutage männlich. Um das andere Geschlecht als Kundinnen zu gewinnen, hat jetzt der durch Klassiker wie „Tim und Struppi“ bekannte Carlsen-Verlag ein Experiment gestartet. Unter dem Label „For Ladies only“ sind gerade die ersten drei Comicbände erschienen, die sich speziell an Leserinnen richten. Das Ergebnis ist allerdings widersprüchlich. Die Erzählung „Paris“ des belgischen Zeichners Maarten Vande Wiele präsentiert Frauen mit Vorliebe nackt, bei Schönheitsoperationen oder beim Sex sowie an ihrer Modelkarriere arbeitend. Die Episodensammlung „Ich wär' so gerne Ethnologin“ der Comicbloggerin Margaux Motin ist in der Fixierung der egozentrischen Hauptfigur auf Mode, Shoppen, Beziehungen so frauenbewegt wie die TV-Serie „Sex and the City“. Und beim Magersuchtdrama „Luft und Liebe“ des Autors Hubert und der Künstlerin Marie Caillou bleibt angesichts der Schilderung der Lebenswege eines jungen Mannes und einer jungen Frau unklar, was daran „For Ladies only“ sein soll.

Spiel mit Geschlechter- und anderen Klischees: Aisha Franz' Heldin Brigitte.
Spiel mit Geschlechter- und anderen Klischees: Aisha Franz' Heldin Brigitte.Foto: Reprodukt

Die originellste Comic-Heldin lässt sich derzeit abseits des Mainstreams entdecken: Die Berliner Autorin Aisha Franz jagt in ihrer schlicht gezeichneten aber unterhaltsam erzählten Agentengeschichte „Brigitte und der Perlenhort“ eine Geheimagentin durch ein Abenteuer à la James Bond. Dabei unterläuft Franz charmant die Geschlechterklischees, in denen die meisten anderen Comic-Heldinnen bis heute gefangen scheinen. Sie hat allerdings auch einen Vorteil, der es ihr und ihren Lesern leicht macht, eingefahrene Rollenbilder nicht zu ernst zu nehmen: Brigitte ist eine Hündin.

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