Comic-Klassiker : Tarzan in Schurz und Tusche

Der Held der Groschenromane ist zurück: Eine außergewöhnlich sorgfältige Neuauflage der Comicabenteuer des Urwald-Helden stellt alle bisherigen Ausgaben in den Schatten.

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Eskapistische Exotik: Diese Seite erschien im Juni 1932.
Eskapistische Exotik: Diese Seite erschien im Juni 1932.Foto: Bocola

Man kann sich Tarzan als glücklichen Menschen vorstellen, der trotz eines Daseins im Dauerstress – zu jeder Zeit drohen Gefahren aus allen Richtungen (hungrige Raubtiere, Naturgewalten, Kannibalen, habgierige Eindringlinge…) - im Einklang mit sich, der Natur und seinen haarigen Freunden lebt. Keine Verwundung, kein Schicksalsschlag noch die lockende Hingabebereitschaft einer schönen Frau können seine herkulischen Kräfte dauerhaft lähmen, die einem einzigen Ziel dienen: der unermüdlichen Selbstaufopferung für alles Hilfsbedürftige. Tarzan hat den Überblick über sein Reich und greift sofort ein, wo Missstände lauern. Er ist der Krisenmanager des Dschungels. Seit 100 Jahren.

Im amerikanischen Groschenheft „The All-Story“ wurde der Mythos um das von Affen großgezogene Urwaldkind 1912 zum ersten Mal erzählt, angelegt als Fortsetzungsgeschichte. Sein Schöpfer Edgar Rice Burroughs, bis dahin gescheitert in mehreren Berufen, ahnte noch nicht im Entferntesten, welch langlebiger Erfolg seiner Dschungelphantasie bevorstand. Das Pulp-Fiction-Greenhorn entwickelte sich im angelsächsischen Raum zum literarischen Phänomen, vergleichbar mit Karl May in Deutschland – nicht nur wegen seiner Popularität, auch wegen beider gemeinsamer Vorliebe für triviale Handlungsmuster. Burroughs Prinzip: Auf dem erzählerisch fruchtbaren Boden einer utopischen Dschungelwelt wird der Leser mittels spektakulärer Cliffhanger von einem haarsträubenden Abenteuer ins nächste gejagt.

Neben Tarzan schuf Burroughs weitere Klassiker des Fortsetzungsromans, darunter auch Science-Fiction-Stories wie die vergangenes Jahr als Kino-Verfilmung zu sehende Serie um „John Carter“. Kürzlich erschien eine Auswahl von drei Tarzanromanen in einer ansprechenden Schuber-Ausgabe und neuer Übersetzung beim Verlag Walde und Graf (darunter der erste Roman „Tarzan bei den Affen“ und „Tarzan und der Verrückte“, ein bislang unveröffentlichter Roman aus dem Nachlass von Burroughs um einen zwielichtigen Doppelgänger Tarzans), die mit einem kenntnisreichen und spitzfindigen Essay von Georg Seesslen abgerundet werden.

Nach der Buchausgabe von „Tarzan of the Apes“ 1914 folgte schon vier Jahre darauf die erste Verfilmung, deren Hauptdarsteller Elmo Lincoln mehr an einen Indianer als an das heute verbreitete Bild vom Affenmenschen erinnert. Auf die ersten Tarzan-Comics musste man noch eine Dekade warten.

Moderne Montage: Szene aus einem der ersten schwarz-weißen Comicstrips von Hal Foster.
Moderne Montage: Szene aus einem der ersten schwarz-weißen Comicstrips von Hal Foster.Foto: Bocola

Wiederauferstehung eines Mythos

„Tarzan … schlang das Fleisch roh hinunter. Dann wischte sich Lord Greystoke die fettigen Finger an den nackten Schenkeln ab und nahm die Verfolgung Kulongas wieder auf. Im fernen London ließ ein anderer Lord Greystoke, Tarzans Onkel, in seinem Club die Koteletts an die Küche zurückgehen, weil sie nicht genug gegart waren, und als er fertig war, trocknete er seine Hände mit einer schneeweißen Damastserviette!“ Diese Parallelmontage in Wort und Bildern ist ein Beispiel für die verblüffende Modernität mancher Tarzan-Passagen aus der ersten schwarz-weißen Comicstrip-Adaption von Hal Foster, dem späteren Schöpfer von Prinz Eisenherz.

Zuerst veröffentlicht in einem englischen Magazin Ende 1928, am 7. Januar 1929 dann in 13 Tageszeitungen der USA, handelte es sich weniger um einen Comic als um eine illustrierte Zusammenfassung des ersten Tarzan-Romans. Trotz der Popularität der Figur wurde der Strip zunächst von vielen Zeitungsverlegern abgelehnt, da man mit realistisch gezeichneten Bilderfolgen bislang keine Erfahrungen hatte - zu sehr verband man mit den Comics ausschließlich lustige Streifen. Dieser selten komplett abgedruckte Strip erzählt die Herkunftsgeschichte Tarzans und wird nun zusammen mit den ersten beiden Jahrgängen der (stets farbigen) Sonntagsseiten (1931/32) vom Bonner Bocola Verlag selbst restauriert, neu übersetzt und vollständig herausgeben. Ins Auge stechen vor allem die Detailtreue der Zeichnungen und die Farbbrillanz der Sonntagsseiten, die in dieser Qualität wohl seit ihrer Erstveröffentlichung nicht mehr zu sehen waren.

Vor einigen Jahren war der Bocola-Verlag bereits mit seiner sorgfältigen Gesamtausgabe der „Prinz Eisenherz“-Sonntagsseiten aufgefallen, für die jedes einzelne Panel einer Restaurierung unterzogen wurde, um dem Originalzustand so nahe wie möglich zu kommen. Dabei kamen verschwundene Konturen und brillante, stimmungsvolle Farben zum Vorschein, die alle bisherigen Ausgaben in den Schatten stellten. Mit derselben Sorgfalt restauriert der Verlag nun die farbigen Tarzan-Strips. Die ersten Sonntagsseiten (ab März 1931) aber gestaltete nicht Hal Foster (der Werbegrafiker hatte den ersten Tarzanstrip als einen Auftrag wie jeder andere erledigt und zunächst wenig Interesse an einer  Comiczeichnerkarriere), sondern Rex Maxon, ein Zeichner, den heute nur noch Insider kennen. Maxon kann zeichnerisch (vor allem in der anatomischen Darstellung) nicht mit Foster mithalten: Tarzans Lianenschwünge wirken ungelenk, seine Muskulatur unnatürlich, wie aufgepumpt. Trotzdem gelingen auch Maxon spannende Sequenzen und einige prächtige Naturdarstellungen von impressionistischer Farbigkeit.

Edgar Rice Burroughs beäugte die Comicadaption seines Bestsellers argwöhnisch und nörgelte beharrlich an Maxons Seiten herum. Da dieser außerdem den Tarzan-Tagesstrip zeichnete und mit beiden Aufgaben heillos überfordert war, übernahm im Oktober 1931, nach 29 Wochen, Burroughs´ Wunschkandidat Hal Foster den Sonntagsstrip. Nun erst fand der Comic zu seinem eigenen Stil. Der Großteil des vorliegenden Bandes wird so von Fosters meisterlicher Hand dominiert, doch macht es auch Spaß, die beiden Zeichner zu vergleichen.

Band 1 bildet den Auftakt zu einer zehnbändigen Edition im Überformat, welches  dem ursprünglichen Zeitungsformat sehr nahe kommt. Eine lückenlose Edition der Jahrgänge von 1931-50 ist das Ziel, die auch die herausragenden Arbeiten von Burne Hogarth enthalten wird (er löste Foster 1937 ab, nachdem dieser sich seiner eigenen Idee „Prinz Eisenherz“ zuwendete). Eine vergleichbare Edition mit restaurierten Originalen der Tarzanstrips sucht man selbst im Ursprungsland USA vergeblich.

Tarzan, der erste Comic-Held in naturalistischem Stil

Tarzan ist als Comic-Held von unschätzbarer Bedeutung, gilt doch das Erscheinen seines ersten Strips um die Jahreswende 1928/29 als Zäsur in der Comicgeschichte. Der getuschte „Ape Man“ war ein Novum, denn bis dato waren sämtliche Comicstrips – von wenigen Vorläufern wie dem Fliegercomic „Tailspin Tommy“ (1928) abgesehen – „Funnies“, lustige Fortsetzungsabenteuer oder Gag-Strips mit karikiert gezeichneten menschlichen oder tierischen Charakteren, über deren liebenswerte Marotten sich der amerikanische Zeitungsleser in der Büropause amüsierte. Mit „Tarzan“ (und dem kurioserweise am selben Tag erscheinenden ersten Science-Fiction-Abenteuer-Strip „Buck Rogers“) nahm er erstmals teil an realistisch gezeichneten Abenteuerhandlungen, die sich durch Spannung und Action auszeichneten, durch Romantik und Gewalt (Tarzans Opfer lassen sich kaum zählen).

Haarige Gesellen: Eine Szene aus dem September 1931, gezeichnet von Rex Maxon.
Haarige Gesellen: Eine Szene aus dem September 1931, gezeichnet von Rex Maxon.Foto: Bocola

Wie aus dem Nichts eroberte also dieser naturalistisch gezeichnete Übermensch die Comics und erweiterte so deren Möglichkeiten um die Genres Action, Abenteuer und Fantasy. Zahlreiche realistische Comic-Helden folgten seinem Modell und eroberten in den kommenden Monaten die amerikanischen Zeitungen, als Konkurrenz zu den Funnies: „Flash Gordon“, „Dick Tracy“, „Terry and the Pirates“, „Jungle Jim“, „The Phantom“ und viele andere. Mit Tarzans Erscheinen wurde auch – inhaltlich wie zeichentechnisch - der Nährboden für die ab 1938 auftauchenden und sich schnell vermehrenden Superhelden gesät.

Die 1931 eingeführten, leuchtend farbigen „Sunday-Pages“ Tarzans bedienten - in Zeiten der schwersten wirtschaftlichen Depression als Folge der Weltwirtschaftskrise 1929 – die Sehnsucht der um ihr tägliches Auskommen kämpfenden Großstädter Amerikas nach einer utopischen Naturwelt. Eskapistische Exotik statt grauer Betontristesse – darin liegt wohl ein Grund des Erfolgs der Strips in den 30er Jahren.

Hal Foster entwickelte in den Sunday Pages um Tarzan seinen eigenen, unverwechselbaren illustrativen Zeichenstil um einen idealisierten Helden, den er später mit „Prinz Eisenherz“ fortführte. Zwar ist Fosters Erzählstil nicht jedermanns Sache, da er auf Sprechblasen komplett verzichtet und stattdessen erzählenden Text in den oberen oder unteren Rand der Panels setzt. Den Lesefluss bremst dieses Stilmittel jedoch nicht, die Texte sind pointiert und sprachlich einheitlich, was sicher auch an der gelungenen Übersetzung von Barbara Propach liegt. Fosters früh ausgeprägte grafische Meisterschaft und Eleganz sind in der vorliegenden Druckqualität und der stimmig restaurierten Originalkolorierung ein optischer Genuss. Die folgenden Ausgaben werden zeigen, ob sein Nachfolger Burne Hogarth, der „Michelangelo des Comic“, für den Tarzan-Strip wirklich noch eine Steigerung bedeutet, was oft behauptet wird.

Können die alten Tarzan-Strips heutige Leser noch begeistern?

Auch inhaltlich halten die frühen Tarzan-Strips Überraschungen bereit. Abgesehen von Burroughsschen Eigenheiten, die schon den damaligen Wissensstand über die Flora und Fauna Afrikas zugunsten einer möglichst spektakulären Storyführung außer Acht lassen, wirken Tarzans Abenteuer aus heutiger Sicht zwar ein wenig naiv, entfalten aber auch gerade dadurch ihren spezifischen Charme, wenn er etwa zu den Tieren in deren eigener Sprache spricht oder gemeinsam mit „seiner“ Affenhorde nach siegreichen Kämpfen den wilden „Dum-Dum-Tanz“ aufführt.

Zwischen Urzeit, Mittelalter und Fantasy: Eine Seite von 1932.
Zwischen Urzeit, Mittelalter und Fantasy: Eine Seite von 1932.Foto: Bocola

Tarzans Erlebnisse beschränken sich nicht auf afrikanische Küstengebiete, Dschungel und Wüste, er begegnet auch Wikingern, gerät in entlegene, fremde Länder, besiegt Piraten, Wüstenkrieger und Dinosaurier oder entdeckt Landstriche, wo noch Dynastien der Antike herrschen. Kurze Zeit später muss sich der „Ape Man“ dann wieder den Bedrohungen der Moderne entgegenstemmen und den Dschungel und seine Bewohner gegen moderne Flugzeuge einer feindlichen Armee verteidigen.

Es zählt nur das pure Abenteuer. Hal Foster kümmerten die Widersprüche wenig. Obwohl eigens angestellte Szenaristen für die Stories verantwortlich waren, nahm Foster auch inhaltlich Einfluss auf die Geschichten und lebte schon mit dem Dschungelfürsten seine Prinz-Eisenherz-Fantasien aus, die zwischen Urzeit, Mittelalter und Fantasy schwankten. Hier und da sind kleine Perlen trivialer Erzählkunst zu entdecken, wenn etwa die archaische Dschungelwelt mit der Zivilisation kontrastiert wird. So bewegt sich Tarzan in manchen Episoden als „Lord Greystoke“ incognito durch europäische Großstädte, muss aber auch dort stets zu lebensrettenden Maßnahmen bereit sein, wenn er etwa bei einem Zirkusbesuch eine Dompteurin davor bewahrt, von einem Löwen zerfleischt zu werden. Nach bestandenem Kampf mit dem Tier verwandelt sich Tarzan wieder in dem Affenmenschen zurück und stößt den „Siegesschrei des Affenbullen“ aus, um dann vor dem schockierten Zirkuspublikum ins Freie zu flüchten und auf einen Baum zu klettern. Die tiefe Verbundenheit mit der Wildnis verliert der Affenmensch auch in der Fremde nie.

Animalisch: Szene aus einem Strip von 1932.
Animalisch: Szene aus einem Strip von 1932.Foto: Bocola

Erwähnte Dompteurin wird übrigens zur geheimnisvollen Heldin einiger Fortsetzungsfolgen. Durch den Löwenbiss entstellt, wird sie zur „Frau mit der Maske“ und später zur Göttin eines wilden Eingeborenenstammes. Immer wieder tauchen so in Hal Fosters Strips aufregende Frauenfiguren auf, die, abgesehen von Tarzans großer Liebe Jane, durchaus selbstbewusst und emanzipiert auftreten. Tarzan widersteht allerdings jeglichen Annäherungsversuchen der betörend schön gezeichneten Frauen.

Zwar wurde und wird Edgar Rice Burroughs bis heute die Verwendung rassistischer Klischees aus dem Geiste des Kolonialismus vorgeworfen, so gehören wilde Stämme schwarzer Krieger wie Menschen fressende Kannibalen zum erzählerischen Repertoire. Doch fällt meines Erachtens in den Sonntagsstrips die Gewichtung von Gut und Böse recht ausgewogen aus, denn die skrupellosesten Schurken sind zumeist Weiße. Die verschiedenen Tierrassen wiederum sind meist triebgesteuert und ambivalent dargestellt. Einerseits sind sie von Natur aus wild und gefährlich, sodass Tarzan regelmäßig Kämpfe um Leben und Tod mit ihnen ausfechten muss. Auf der anderen Seite treten etwa die „großen Affen“ wiederholt als Retter in der Not auf, wenn Tarzan selbst in ernsthafte Gefahr gerät. Dadurch entsteht ein launenhaftes Bild vom Dschungel, das jederzeit neue Überraschungen bringen kann.

Es lohnt sich, die frühen „Tarzan“-Strips in diesem Auftakt zu einer überzeugenden Gesamtausgabe neu zu lesen, scheint hier das Medium Comic doch dem Stoff angemessener zu sein als die meisten Verfilmungen. Und vielleicht lässt sich so die eigene Sehnsucht nach dem „reinen Abenteuer“ wiederentdecken.

Vorbildlich: Die Neuauflage - hier das Cover des ersten Bandes - stellt qualitativ alle bisherigen Ausgaben in den Schatten.
Vorbildlich: Die Neuauflage - hier das Cover des ersten Bandes - stellt qualitativ alle bisherigen Ausgaben in den Schatten.Foto: Bocola

Hal Foster & Rex Maxon: Tarzan Sonntagsseiten Band 1, 1931 - 1932 (Originalseiten 1-94), großformatiger (26,3 x 35,4 cm) Hardcover-Band, 144 Seiten, Bocola Verlag, erstmals in der restaurierten ursprünglichen Farbversion der US-Sonntagsseiten. Übersetzung: Barbara Propach; ergänzt durch 2 einleitende Essays, 29,90 Euro.

Edgar Rice Burroughs: Tarzan – Drei Abenteurromane (im Schuber: "Tarzan bei den Affen", 288 Seiten, übersetzt von Ruprecht Wilnow; "Tarzan und die Schiffbrüchigen", 128 Seiten, übersetzt von Marion Hertle; "Tarzan und der Verrückte", 208 Seiten, übersetzt von Stephan Pörtner). Mit einem Essay von Georg Seeßlen. Walde+Graf Verlag, Zürich 2012, 26,95 Euro

Veranstaltungshinweis: Unser Autor Ralph Trommer ist freier Autor und Dozent. An der VHS Berlin-Pankow beginnt am 28.02. 2013 sein Seminar „Comics und Graphic Novels- ein faszinierendes Medium“. Näheres unter diesem Link.

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