Comic-Markt : Egmont fährt Graphic-Novel-Programm herunter

Verkäufe des ambitionierten Labels blieben bei vielen Titeln hinter Erwartungen zurück. Comic-Stipendium für Nachwuchs-Autoren wird eingestellt.

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Die letzte ihrer Art. Sarah Barczyk gewann mit „Nenn mich Kai“ das Egmont-Comic-Stipendium. Jetzt wird es eingestellt.
Die letzte ihrer Art. Sarah Barczyk gewann mit „Nenn mich Kai“ das Egmont-Comic-Stipendium. Jetzt wird es eingestellt.Foto: Egmont

Der Egmont-Ehapa-Verlag fährt sein vor drei Jahren mit großen Erwartungen gestartetes Graphic-Novel-Programm herunter. Damit wollte der unter anderem für Comic-Klassiker wie „Asterix“ und „Lucky Luke“ sowie Disney-Figuren wie Donald Duck und Micky Maus bekannte Verlag längere Comicerzählungen in Buchform als Marktsegment etablieren, wie es auch andere Verlage seit ein paar Jahren mit Blick auf den Buchhandel tun. Nun wird das Projekt massiv zurückgefahren.

„Auch wenn wir mit der Entwicklung einzelner Graphic-Novel-Titel zufrieden sind, sieht das Gesamtbild für das Imprint wirtschaftlich gesehen eher bescheiden aus, weswegen wir einen Haltepunkt gesetzt haben“, teilte Alexandra Germann, Publishing Director in der Egmont-Geschäftsführung, dem Tagesspiegel auf Anfrage mit. Der Verlag habe sich „bei Egmont Graphic Novel derzeit eine langsamere Taktung verordnet, um uns die nächsten Schritte in diesem Bereich genau zu überlegen.“ Komplett eingestellt ist das Label aber nicht.

In den vergangenen drei Jahren sind unter dem Namen „Egmont Graphic Novel“ zahlreiche anspruchsvolle, lange Comicerzählungen aus ausländischer und zum Teil auch deutscher Produktion veröffentlicht worden, darunter "Votes for Women: Der Marsch der Suffragetten" über die Vorkämpferinnen für ein allgemeines Frauenwahlrecht, der Tschernobyl-Comic "Rückkehr ins Niemandsland" oder der Transgender-Comic "Nenn mich Kai". Auch Klassiker wie Will Eisners „Ich bin Fagin“ , eine Agatha-Christie-Biografie in Comicform, Rob Davis' vielgelobte Don-Quixote-Adaption, die in Jemen spielende Erzählung „Intisars Auto“, Dylan Horrocks' „Der König des Mars“ und „Hotel Hades“ von Max-und-Moritz-Gewinnerin Katharina Greve waren unter den Titeln. Viele der Veröffentlichungen blieben allerdings hinter den wirtschaftlichen Erwartungen des Verlages zurück.

Weniger verkauft als erhofft: Szenen aus  "Der Marsch der Suffragetten".
Weniger verkauft als erhofft: Szenen aus "Der Marsch der Suffragetten".Foto: Egmont

„Es war uns immer klar, dass wir nicht jeden Monat einen Bestseller veröffentlichen würden“, sagt Jonas Blaumann, Programmleiter bei Egmont für das Graphic-Novel-Programm, auf Anfrage. „Jedoch hätten mindestens zwei Bücher pro Jahr Verkaufszahlen von 5.000 bis 10.000 Stück erreichen müssen.“ Das habe man in drei Jahren nur mit zwei Büchern geschafft, weshalb die Mischkalkulation des Programms insgesamt nicht aufgehe. Die beiden bestverkauften Titel sind demnach die Literaturadaption „Moby Dick“ und „Die Ignoranten“, Étienne  Davodeaus Erzählung über den anregenden Austausch zwischen einem Weinbauern und einem Comiczeichner. Weit unter den Erwartungen blieben hingegen Titel wie „Sailor Twain“ oder „Love in Vain“, die in ihren Herkunftsländern sehr hohe Verkaufszahlen erzielt hätten.

„Als 2013 das Label Egmont Graphic Novel gestartet wurde, gab es natürlich sowohl verlegerische als auch wirtschaftliche Ziele“, sagt Programmleiter Blaumann. „Nach drei Jahren ist es verständlich, dass man sich anschaut, wie alles gelaufen ist und Strategien entsprechend anpasst.“ Da vor allem die wirtschaftlichen Ziele nicht erreicht worden seien, analysiere man derzeit, „weshalb wir nicht dort sind wo wir hinwollten“. Eine komplette Einstellung des Labels sei das aber nicht. „Das Label Egmont Graphic Novel wird weiterhin bestehen, mit einer wie wir finden sehr schönen Backlist und dem einen oder anderen besonderen Buch in der Zukunft.“

Auf Eis gelegt. So sah das Logo der Reihe aus - wie es mit ihr weitergeht, ist offen.
Auf Eis gelegt. So sah das Logo der Reihe aus - wie es mit ihr weitergeht, ist offen.Foto: Egmont

Hintergrund dieser Entwicklung sind auch aktuelle Umstrukturierungen im Verlag, der bislang mit Köln und Berlin auf zwei Standorte aufgeteilt war: Zu Wochenbeginn wurde eine Bündelung der Egmont-Verlagsaktivitäten und eine weitere Verlagerung vom bisherigen Standort Köln nach Berlin verkündet. „Die aktuellen Entwicklungen mit der Betriebsverlagerung nach Berlin führen nun außerdem dazu, dass die Prioritäten verschoben werden müssen“, sagt Blaumann.

Komplett beendet wurde zudem die Nachwuchsförderung durch das Egmont-Comic-Stipendium, das bisher zwei Mal vergeben worden war - und in dessen Jury der Autor dieses Artikels Mitglied war. Das Förderprogramm war mit 5000 Euro dotiert gewesen, beide bisherigen Siegertitel wurden unter dem Graphic-Novel-Label bei Egmont veröffentlicht. „Das Comic Stipendium wurde bereits vor der Entscheidung über eine Programmreduzierung ausgesetzt“, sagt Programmleiter Blaumann. „Im Endeffekt konnten wir mit unseren Ressourcen und Kapazitäten den Aufwand nicht mehr stemmen bzw. haben uns entschieden, die Mittel in andere Maßnahmen zu stecken.“ Grundsätzlich finde man es im Verlag „sehr schade, dass wir diese Möglichkeit zur Findung und Förderung von Nachwuchskünstlern nicht mehr haben“. Die erste Gewinnerin des Stipendiums war Olivia Vieweg mit ihrem später bei Egmont auch im Graphic-Novel-Programm veröffentlichten Comic  "Antoinette kehrt zurück", ihr folgte Sarah Barczyk mit „Nenn mich Kai“ - die letzte Preisträgerin des Stipendiums.

Gefragt, wie sich die jüngst verkündete Bündelung der Egmont-Verlagsaktivitäten und die Aufgabe des Standortes Köln konkret auf die Bereiche Comic/Manga auswirken werde und welche Veränderungen die Leser von Egmont-Comics und Manga zu spüren bekommen, antwortet Blaumann: „Für uns Verlagsmitarbeiter werden die Veränderungen durch den Ortswechsel natürlich sehr groß sein.“ Aber sowohl für die Manga- als auch die Comic-Leser ändere sich „eigentlich nichts“. Und wenn überhaupt, „dann in positiver Art und Weise, da die Bündelung der Redaktionen und anderer Abteilungen an einem Ort Verbesserungen in der Zusammenarbeit und Synergien bedeutet.“ Er glaube stark daran, „dass wir uns dadurch für die Zukunft sehr gut aufstellen“.

Und Alexandra Germann verweist darauf, dass zumindest eine weitere Veröffentlichung einer langen Comicerzählung in Buchform schon feststeht: „Eine besondere Graphic Novel erscheint im Januar 2017: Wir freuen uns sehr darauf mit "Der Krieg der Welten" von Thilo Krapp eine fantastische Adaption des Klassikers zu veröffentlichen“, sagt sie.

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