Comic-Performance : Magie der Mangas

Von Astro Boy bis Fukushima: Mit einer Tanztheaterinszenierung ehrt Sidi Larbi Cherkaoui den japanischen Comic-Pionier Osamu Tezuka beim Festival Movimentos in Wolfsburg.

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Kalligraphie und Kampfkunst. Die Japan-Hommage „Tezuka“.
Kalligraphie und Kampfkunst. Die Japan-Hommage „Tezuka“.Foto: dapd

Bewegung wird zur Schrift, Schrift wird zum Tanz. Sidi Larbi Cherkaoui ist ein Choreograf der Hände, so schreibt er seine Stücke in den Raum, und tatsächlich sitzt hier ein japanischer Kalligraf auf der Bühne und geht seiner stillen, schwungvollen Beschäftigung nach. Die Vorstellung beginnt damit, dass ein Tänzer ein Buch zwischen den Zehen hält und liest: Er rollt vorwärts, rückwärts, seitwärts, vollführt die tollsten Kunststücke – ein bisschen Zirkus ist bei Sidi Larbi Cherkaoui immer dabei –, ohne dass die Füße je das Buch fallen lassen.

„Tezuka“ ist eine vielschichtige Inszenierung und Installation. Uraufgeführt im letzten Herbst in London, jetzt beim Movimentos Festival im Wolfsburger Kraftwerk zu erleben. In Berlin hat Cherkaoui viele Fans. „D’avant“ war das Lieblingsstück des großen Theatermannes Ivan Nagel, der am heutigen Freitag in Berlin zu Grabe getragen wird. „Tezuka“ nun erzählt vom anonymen, tausendfachen Schrecken, es reflektiert die japanische Erdbebenkatastrophe, die vor einem Jahr die Inseln verheerte. Cherkaoui war zu dieser Zeit mit seiner Truppe in Tokio, um das Stück um den Manga-Meister Osamu Tezuka (1928-1989) vorzubereiten, den er seit seiner Jugend verehrt.

So wird „Tezuka“ zu einer Lektion in japanischer Geschichte. Die Performer erinnern an den amerikanischen Atombombenangriff 1945 – und wie sich aus realen Katastrophenszenarien die populäre Kultur der Manga-Stories entwickelt hat. Zeichnen, Zeichen setzen: Bald fließen Mangas über die zarten Bühnenvorhänge. Man liest, liest weiter, die Tänzer verschieben Bilder und Seiten mit ihren Händen, wie auf einem riesigen iPad. Natürlich sind es Projektionen, denen die Tänzer in ihren Bewegungen folgen. So geht es auch beim Schreiben: Ist zuerst der Gedanke da oder findet und formt die schreibende Hand den Text? Oder ist es ein Vorgang?

Cherkaoui und seine Künstler aus Europa und Japan gehen manchmal arg didaktisch vor. Das Publikum soll etwas begreifen über Manga-Kunst und das moderne, alte Japan. Und dann: Action. Ein Tänzer tritt auf als Astro-Boy, eine der berühmten Figuren von Tezuka; halb Kind, halb Superwesen mit roten Moon Boots, erschütternd in seiner kraftstrotzenden Naivität, ja Treuherzigkeit. Er scheint geradewegs aus den sich aufblätternden Bilderseiten herausgefallen zu sein. Kampfszenen und lyrische Trios wechseln einander ab, und immer schreibt es sich weiter, dieses bei aller Schwere schwebende Stück.

Es ist keine Absage an die Tänzer oder die manchmal etwas flimmernde, nervös herumzappende Choreografie, wenn man sagt: Die Livemusik ist so schön, dass man die Augen schließen und den Mangas vor dem inneren Auge zuschauen möchte. Es sind drei Musiker mit so vielen Instrumenten, einer schwebenden Geige und einer Donnertrommel. Aber die Stimme der Sängerin Tsubasa Hori ist das schönste aller Instrumente. Sie tastet, sie streicht, sie träumt, und wenn es einen Trost gibt in den schlimmsten Nöten, in tödlichen Wolken und Fluten, dann hier. Das bleibt, wie meist bei Sidi Larbi Cherkaoui, der stärkste Impuls: die Sehnsucht nach Empathie.

„Tezuka“ noch einmal am 20. und 21. April. Kraftwerk in der Autostadt, Wolfsburg. Infos: www.movimentos.de

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