Comic-Sekundärliteratur : Auf den zweiten Blick

Das Angebot an deutschsprachiger Comic-Fachliteratur ist so umfangreich wie nie zuvor. Ein Überblick über aktuelle Bücher und Magazine - für Einsteiger, Fortgeschrittene, Feinschmecker und Akademiker.

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Fesselnde Lektüre: Nachdem Comics inzwischen ihr Schmuddel-Image weitgehend verloren haben, wächst auch die Sekundärliteratur. Dieses Bild von 1954 stammt aus dem Buch "75 Years of Marvel Comics".
Fesselnde Lektüre: Nachdem Comics inzwischen ihr Schmuddel-Image weitgehend verloren haben, wächst auch die Sekundärliteratur....Foto: Ivan Briggs/Taschen

Sie untersuchen die intertextuelle Verweisstruktur bei den „Watchmen“, präsentieren historische Zeitungsstrips oder führen den Einfluss der Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs auf die deutsche Sprache vor Augen: So viele Fachbücher und Magazine zum Thema Comics wie in den vergangenen Jahren gab es wohl nie zuvor. Das wachsende Renommee der Kunstform bei erwachsenen Lesern, im Feuilleton und in der Wissenschaft hat zu einem Boom der Sekundärliteratur geführt, der neben Comicnationen wie den USA und Frankreich jetzt auch in Deutschland zu spüren ist - wir stellen einige der wichtigsten aktuellen Titel vor.

FÜR EINSTEIGER
Einen klar strukturierten Überblick bietet das Buch „Der Comic – Geschichte, Stile Künstler“ (Reclam, 292 S., 22,95 €) von Klaus Schikowski. Die chronologisch und geografisch geordnete Einführung des Comic-Programmleiters beim Carlsen-Verlag, der in der Vergangenheit auch für den Tagesspiegel geschrieben hat, dürfte vor allem Lesern helfen, die sich bislang nur sporadisch mit der Kunstform beschäftigt haben. Für fortgeschrittene Leser bietet das Buch wenig Überraschendes, allerdings enthält es neben sachlichen Beschreibungen der wichtigsten Entwicklungen der vergangenen 100 Jahre auch manch klugen Gedanken zum ambivalenten Ruf der Kunstform und zu ihrer Zukunftsperspektive zwischen Tradition und Innovation.

(Ver)führer: Zwei der besprochenen Titel aus dem vergangenen Jahr.
(Ver)führer: Zwei der besprochenen Titel aus dem vergangenen Jahr.Foto: Promo

Subjektiver, allerdings auch unstrukturierter präsentiert der Literaturkritiker Frank Schäfer in „Blam! Blam! Blam!“ (Verlag Andreas Reiffer, 126 S., 9,90 €) die für ihn wichtigsten Autoren und Zeichner der jüngeren Geschichte. Der Untertitel „Ein Comicverführer“ wird allerdings nur zum Teil erfüllt: Zwar macht der auch als Musikjournalist tätige Autor mit seinen persönlichen Einschätzungen Lust auf den einen oder anderen Titel – aber vieles bleibt zu assoziativ, sprunghaft und unzusammenhängend und wirkt dadurch eher abschreckend als verführend.

Eine enzyklopädische Einführung bietet „1001 Comics, die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist“ (Edition Olms, 960 S., 29,95 €), herausgegeben vom britischen Fachjournalisten Paul Gravett mit Unterstützung des deutschen Fachjournalisten Andreas C. Knigge. Das Buch eignet sich als Nachschlagewerk wie zum sporadischen Blättern – und kann auch professionellere Leser noch überraschen.

FÜR FORTGESCHRITTENE
Einen verlässlichen Überblick über aktuelle Trends vermittelt seit 15 Jahren das „Comic!-Jahrbuch“, dessen aktuelle Ausgabe gerade erschienen ist (264 S., 15,25 €). Herausgegeben wird es von der Zeichner- und Autorenvereinigung Icom. Die Analysen, Interviews, Porträts und Marktbetrachtungen sind im Gegensatz zu früher inzwischen größtenteils auch für Nicht-Insider zugänglich.

Die Szene im Blick: Das Comic!-Jahrbuch erscheint seit 15 Jahren, das aktuelle Cover hat Harald Juch gezeichnet.
Die Szene im Blick: Das Comic!-Jahrbuch erscheint seit 15 Jahren, das aktuelle Cover hat Harald Juch gezeichnet.Foto: Icom

Einen ganzen Bauchladen an regelmäßig aktualisierter Sekundärliteratur bieten die Fachautoren Volker Hamann und Mathias Hofmann. Ihr jährlicher „Comic-Report“ (180 S., 14,95 €) versammelt Essays, Besprechungen und Analysen und wird von der informativen Website www.comic-report.de begleitet. Im Stil einer Illustrierten kommt das ebenfalls von dem Duo verantwortete Magazin „Alfonz“ daher, das vor allem Künstlerporträts und Rezensionen bietet. Auch hier hat sich die Redaktion vom anfangs arg auf Insider ausgerichteten Präsentationsstil langsam verabschiedet und  bietet neben meist gut lesbaren Texten auch einen klar strukturierten Rezensionsteil, dessen Kurzbewertungen beim schnellen Überblick helfen. Tiefergehende Analysen findet man im Fachmagazin „Reddition“. Als vierte Publikation ist kürzlich „Camp“ hinzugekommen, ein hochwertig gedrucktes Magazin mit Fokus auf illustrierter Pulp- und Retro-Literatur. Mehr über alle Titel hier: www.reddition.de.

Die Fach-Website comicgate.de veröffentlicht seit 2006 einmal im Jahr ebenfalls ein Printmagazin zu wechselnden Themen. Aktuell geht es um das Thema „Farbe“ (136 S., 7,50 €) – anschaulich, gut lesbar und unterhaltsam aufbereitet.

Der jüngste Zugang bei den Fach-Websites ist www.dreimalalles.info, auf der der einstige Reprodukt-Verlagsmitarbeiter Christian Maiwald die derzeit umfassendste Sammlung an Szene-News mit fundierten Einschätzungen versieht.

FÜR FEINSCHMECKER
Der Kunsthistoriker Alexander Braun hat in den vergangenen Jahren mehrere opulente Kataloge zu Comic-Klassikern vorgelegt, zuletzt das Buch zur Wanderausstellung „Going West! Der Blick des Comics gen Westen“ (432 S., 49 €, erhältlich in der Ausstellung – derzeit in Troisdorf, danach Dortmund, Hannover, Saarbrücken), das die Exponate der Schau im geschichtlichen Kontext erklärt - mehr über das Buch und die Ausstellung in Kürze auf den Tagesspiegel-Comicseiten.

Moderne Klassiker: Der Taschen-Verlag feiert den Marvel-Verlag mit einem opulenten Coffeetable-Buch.
Moderne Klassiker: Der Taschen-Verlag feiert den Marvel-Verlag mit einem opulenten Coffeetable-Buch.Foto: Taschen

Ein Fest fürs Auge sind auch die Bücher des Taschen-Verlages zur Geschichte der US-Verlage DC und Marvel, wenngleich es hier inhaltlich weniger in die Tiefe geht, da es sich eher um illustrierte Firmenchroniken handelt. So beeindruckt auch das kürzlich veröffentlichte Coffeetable-Buch „75 Jahre Marvel. Von den Anfängen bis ins dritte Jahrtausend“ (712 S., 150 €)vor allem durch ihre großformatigen Reproduktionen. Der Texte dazu ist allerdings deutlich weniger inspiriert als die Arbeiten von Alexander Braun und kaum mehr als eine Nacherzählung der Verlagsgeschichte von den Anfängen in den 1930er Jahren bis zur heutigen Ära der Superheldenverfilmungen, aufgeschrieben vom einstigen Marvel-Chefredakteur Roy Thomas. Das ist fundiert, aber es liest sich wie eine Firmenchronik, die ein Unternehmensarchivar zum Betriebsjubiläum verfasst hat. Deutlich spannender sind da Chroniken wie das Buch „Marvel Comics: The Untold Story“ des US-Journalisten Sean Howe – bislang allerdings nur auf Englisch erhältlich.

FÜR AKADEMIKER 
Immer öfter erscheinen in wissenschaftlichen Verlagen Dissertationen und Sammelbände zu Comicthemen, so bei Springer oder Peter Lang. Als besonders verlässliche Größe hat sich der inzwischen in Berlin ansässige Chr.-A.-Bachmann-Verlag (www.christian-bachmann.de) etabliert. Dort erscheinen Sammelbände der Deutschen Gesellschaft für Comicforschung, dazu Monografien über Webcomics, die Komik im Werk des Zeichners Marc-Antoine Mathieu oder den Batman-Mythos. Das geht einher mit einer deutlichen Zunahme an Comic-Fachtagungen in letzter Zeit, wie Verleger Bachmann sagt. „Dabei verengen sich inzwischen auch die Blickwinkel: die Nationalphilologien und Spezialdisziplinen haben den Comic für sich entdeckt und suchen Zugänge dazu.“

Comics als Wissenschaft: Eine Auswahl der Titel auf der Website des Bachmann-Verlages.
Comics als Wissenschaft: Eine Auswahl der Titel auf der Website des Bachmann-Verlages.Foto: Promo

In den kommenden Jahren werde das zu einer weiteren Zunahme von Tagungsbänden führen. „Dabei hat sich das Feld inzwischen so ausdifferenziert, dass nicht alles, was in Spezialwissenschaften an Erkenntnissen produziert wird, auch von allen Comicforschern wahrgenommen wird.“ Gleichzeitig zeigen sich Comicthemen inzwischen auch bei Tagungen, die nicht explizit dem Comic gewidmet sind, sagt Bachmann. „Das ist mindestens genauso signifikant, denn es zeigt, dass man nicht mehr zwingend in einer Nische landet, wenn man sich mit Comics beschäftigt.“ Einen ständig aktualisierten Überblick über die Fachliteratur gibt die Gesellschaft für Comicforschung: www.comicgesellschaft.de.

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