Comic-Thriller „No Borders“ : Heroische Hacker

Der Comic-Thriller „No Borders“ erzählt von einer totalitären Zukunft, die beängstigend nah an unserer Realität ist.

Lara Keilbart
Grenzenlose Überwachung: Eine Seite aus "No Borders."
Grenzenlose Überwachung: Eine Seite aus "No Borders."Foto: Epsilon

Auf den ersten Blick erscheint Jill Edwards nicht wie eine Heldin. Die junge Frau wird von Albträumen geplagt, und wenn sie ihre Tabletten nicht nimmt, dann bekommt sie Angstzustände. Tagsüber arbeitet sie als Angestellte im IT-Bereich der NSA, befolgt Befehle und lässt sich von ihrem Chef schikanieren. Doch dann geschieht während ihrer Suche nach einem angeblichen Sicherheitsleck etwas Unglaubliches: Sie bekommt einen elektrischen Schlag und reist in die Vergangenheit, und noch dazu nach China. Ab diesem Zeitpunkt wird es für Jill als auch für die Leser des von Michael Barck geschriebenen und von Thekla Maria Barck alias TeMeL gezeichneten Comic-Thrillers „No Borders“ kompliziert.

Denn die Vergangenheit der Hauptfigur ist unsere Gegenwart, 2016. Und als Jill auch noch in die Arme des seltsamen Hackers Ho Zhing stolpert ist sie völlig überfordert. Ho behauptet aus der Zukunft zu kommen, einer Zeit, die auch für Jill in der Zukunft liegt. Jill stammt aus 2023 kurz bevor ein Terroranschlag weitreichende Überwachungsmaßnahmen und Zensur auslöst. Ho hingegen kommt aus dem Jahr 2040, in dem diese Maßnahmen zu einem totalitären Staat gewachsen sind. Ho will das verhindern und Jill überzeugen, sich ihm und der Widerstandsgruppe „No Borders“ anzuschließen.

Jill Edwards ist keine Superheldin. Aber genau das macht sie für die Leserschaft so zugänglich. Ihre Argumente sind die, die immer wieder in Diskussionen um Überwachung und innere Sicherheit fallen. „Ich habe doch nichts zu verbergen“, „Das dient unserer Sicherheit“ oder „Ich kann doch als Einzelne nichts ausrichten“. Der Comic entkräftet diese Aussagen Schritt für Schritt, ohne mahnenden Zeigefinger, und zeigt, wohin der immer stärkerer werdende staatliche Zugriff in die Privatsphäre führen kann.

Zwischen „Matrix“ und „1984“

Das wird erzählt in starken Bildern. Die zumeist engen, schmalen oder kleinen Panels vermitteln beim Lesen ein Gefühl der Einengung. Die Charaktere können sich aufgrund der Überwachung nicht frei bewegen und das Gefühl überträgt sich auf die Leser. Auch die immer wieder verwendeten extremen Close-up-Perspektiven erzeugen eine Unmittelbarkeit und rücken Leser und Figuren näher zusammen. Bei psychisch belastenden oder emotionalen Momenten bricht die Panelstruktur auf und wird beispielsweise zerrissen oder schräg gedreht.

Temels Zeichenstil – eine Mischung aus Aquarell, Tusche und digitalen Elementen – stellt eine Mischung aus westlichem und asiatischem Stil dar. Man merkt den Einfluss von Mangas, gerade in emotionalen Szenen, aber in der Figurenkonzeption springen einem sofort "Elfquest" von den Pinis in den Kopf. Zusammen mit einer Portion frankobelgischem Strich erschafft TeMel einen ganz eigenen, unverkennbaren Stil.

Futuristische Freiheitskämpferin: Die Hauptfigur auf dem Buchcover.
Futuristische Freiheitskämpferin: Die Hauptfigur auf dem Buchcover.Foto: Epsilon

Durch die satte Kolorierung werden weitere Akzente gesetzt. Bunte Farben dominieren (nicht nur bei den Haarfarben) Vordergrund und Hintergrund, aber auch hier wird auf die Situationen reagiert. Bei Rückblicken und Traumsequenzen ändert sich das Farbschema und passend zur trostlosen, pessimistischen Zukunftsvision gibt es in diesen Szenen kaum bunte Farben.

TeMel und Michael Barck kreieren auf diese Weise eine Welt, die irgendwo zwischen „Matrix“ und „1984“ liegt, aber dennoch beängstigend nah an unserer Realität. Jill Edwards zeigt uns: Es braucht nicht viel, um etwas zu verändern. Das macht sie zur Heldin.

Michael Barck und TeMeL: No Borders, Epsilon-Verlag, 160 Seiten, 15 Euro

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