Comicfestival München : Münchner Mischung - unsere Top 10 zum Comicfestival

Mehr als 100 Zeichner und Autoren, Dutzende Ausstellungen, Panels und Präsentationen – beim Comicfestival München gibt’s vom 4. bis 7. Juni mehr zu sehen, als man in vier Tagen schaffen kann. Hier die Top-10-Empfehlungen aus der Tagesspiegel-Comicredaktion.

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Alles so schön bunt hier: Das Plakat für das diesjährige Comicfestival München hat Rufus Dayglo gezeichnet.
Alles so schön bunt hier: Das Plakat für das diesjährige Comicfestival München hat Rufus Dayglo gezeichnet.Foto: Promo

10. Der neuen „Peanuts“-Macherin auf die Finger schauen
Die „Peanuts“ ohne Charles M. Schulz? Eigentlich ein Sakrileg. Charlie Brown und Co. sollen bitte so fortleben, wie ihr vor 15 Jahren gestorbener Erfinder sie schuf und nicht künstlich in die Gegenwart übertragen werden. Andererseits machen die US-Zeichnerin und Autorin Vicki Scott und ihre Kollegen keinen ganz schlechten Job mit ihren langen Peanuts-Erzählungen, die die Klassiker sensibel in die Gegenwart holen. Bücher wie „Auf zu den Sternen, Charlie Brown!“ haben das Zeug dazu, neue Generationen von Lesern zu begeistern - das kann nicht ganz verkehrt sein. Daher wird spannend zu sehen, was Vicki Scott auf dem Comicfestival zu ihrem Projekt zu erzählen hat, am 4. Juni um 14.30 Uhr spricht sie bei einer Podiumsveranstaltung darüber. Und wer von den Besuchern ein Händchen dafür hat, kann sich in einem Kurs mit Scott gleich als Peanuts-Zeichner von morgen ausprobieren.

9. Mit Tom Bunk und Gerhard Seyfried durch Raum und Zeit reisen
Sie kifften und sie zeichneten zusammen, hingen mit Gilbert Shelton und Wolfgang Neuss ab und waren vor allem zwei der kreativsten Köpfe der deutschen Comicszene der 1980er Jahre. In München begegnen sich Gerhard Seyfried und Tomas Bunk jetzt als in Ehren ergraute Veteranen, der eine als Jurypräsident des Festivals, der andere als designierter Empfänger eines Preises für sein Lebenswerk, der zudem auch noch ein so unterhaltsames wie erhellendes Buch mit seinen gezeichneten Erinnerungen ans Comiczeichnerdasein auf beiden Seiten des Atlantiks präsentiert: „Comixzeichner in Berlin / Ein Berliner in New York“. Es dürfte ein launiger Talk werden, wenn sie sich am 6. Juni um 15 Uhr gemeinsam auf der Bühne an die alten Zeiten erinnern – und dabei hoffentlich nicht ganz so zugenebelt und tiefenentspannt sind, wie es bei ihren früheren Treffen offenbar üblich war.  Bleibt nur zu hoffen, dass dieses und alle anderen Podiumsgespräche in diesem Jahr besser vorbereitet,  engagierter moderiert und mit Bildbeispielen anschaulicher illustriert werden, als das vor zwei Jahren in München bei einigen prominent besetzten, aber leider wenig inspiriert präsentierten Panels der Fall war. 

8. Polnische Comics entdecken
Kennen Sie einen polnischen Comic? Nein? Na eben: Dafür, dass es unser direktes Nachbarland ist, sind die Arbeiten polnischer Zeichner und Autoren bei uns schmählich unterrepräsentiert. Dabei gibt es dort viel Interessantes zu entdecken, wie man hin und wieder auf Festivals mit polnischer Beteiligung sehen kann – und die Zeitschrift „Strapazin“ hilft jetzt bei der Annäherung. Ihr neues Heft, das auf dem Comicfestival München mit einer Ausstellung gefeiert wird, stellt Arbeiten von zehn Zeichnern aus Polen vor. Wenn all das nur annähernd so spannend ist wie die jüngst beim „Fumetto“ ebenfalls mit einer feinen Ausstellung präsentierte vorige „Strapazin“-Ausgabe mit den Arbeiten russischer Künstler, die im Austausch mit Schweizer Kollegen entstanden, dann darf man sich auf ein paar tolle Entdeckungen gefasst machen.

7. Neue deutsche Mangaka kennenlernen
Ich gestehe: In Sachen deutsche Manga habe ich Nachholbedarf. Lange Zeit schien ein Großteil der heimischen Produktion stilistisch und inhaltlich fast ausschließlich auf Leserinnen im Teenager-Alter ausgerichtet, sodass ich meine Manga-Lektüre lange Zeit auf japanische Importware beschränkte. Aber in den vergangenen Jahren hat sich hier auch bei uns einiges getan. Als ich neulich zum Beispiel die ersten Folgen von Martina Peters‘ Mystery-Thriller-Reihe „Tempest Curse“  in die Hände bekam, war ich davon sehr angetan. Ihre Geschichte von der Jagd nach einem maskierten Killer ist zeichnerisch und erzählerisch so komplex angelegt, dass sie auch Leser jenseits der eingeschworenen Germanga-Fankreise etwas zu bieten hat. Peters ist auf dem Comicfestival eine Ausstellung gewidmet, außerdem wird sie Zeichenkurse geben und am 6. Juni um 13 Uhr mit Multitalent David Füleki bei einem Podiumsgespräch über den Stand der deutschen Mangaproduktion sprechen.

6. Eine lebende Legende treffen
Ist schon beeindruckend, wie vielfältig der gebürtige Berliner Klaus Voormann in der Popgeschichte seine Spuren hinterlassen hat: Als Beatmusiker, Beatles-Freund und Designer des legendären „Revolver“-Covers sowie rund 100 weiterer Alben-Hüllen, und später dann als Produzent von Trio und anderen deutschen Bands, um nur ein paar Stationen zu nennen. Einen Comic hat er zwar meines Wissens (noch) nicht gezeichnet, aber da das Comicfestival eine Ausstellung zum Thema „Die Beatles im Comic“ hat und Voormann ohnehin in der Münchener Region wohnt, lag es offenbar nahe, ihn dazuzuholen. Am 5. Juni um 17 Uhr wird er über sein bewegtes Künstlerleben sprechen, natürlich auch über die Beatles, und laut Programm auch ein bisschen darüber, wieweit die zahlreichen Comics über die Band der Realität nahekommen. Vielleicht erfahren wir dann auch, was Paul McCartney meinte, als er über Voormann sagte: „Er ist ein wunderbarer Mensch, ein verrückter Hund, ein leidenschaftlicher Kunst- und Musikliebhaber, ein prächtiger Vater und Ehemann, ein enger Freund und ein totales Arschloch.“  Klingt spannend – und auch hier kann man nur hoffen, dass die Veranstalter anders als bei einigen prominenten Talks des vergangenen Festivals dem ganzen einen angemessenen Rahmen und eine professionelle Moderation gönnen.

5. Neue Indie-Comics entdecken
Ein besonderer Reiz von Comicfestivals wie diesem besteht für mich darin, dass hier neben den großen Szene-Namen immer auch viele bislang weniger bekannte Zeichner und Autoren ihre Arbeiten vorstellen, oft selbstverlegt und in kleinster Auflage. Beim Comicsalon Erlangen war im vergangenen Jahr zu sehen, dass es hier gerade mal wieder einen erfreulichen Boom gibt. In München stehen auf meiner Vorfreude-Liste unter anderem der nunmehr zehnten (und beim Festival von einer Ausstellung begleitete) Band der immer für tolle Entdeckungen guten Indie-Anthologie „Jazam“, in dem sich Beiträge von Dutzenden von Zeichnern finden, sowie das Buch „Bongoland: Kohäsion“ von Jeff Chi, der im Netz schon viele begeisterte Kommentare provoziert hat. Aber vor allem bin ich eben auf die Arbeiten von Zeichnern und Autoren gespannt, von deren Existenz ich bislang noch gar nichts weiß. Dafür ist dann übrigens auch die Verleihung des Icom-Preises für die besten Independent-Comics am 5. Juni um 20 Uhr ein wichtiger Termin. Einziger Wermutstropfen: Nachdem es vor zwei Jahren beim Münchener Festival böses Blut gab, weil viele Independent-Zeichner sich bei der räumlichen Zweiteilung des Festival-Areals in die Schmuddelecke abgeschoben fühlten, fehlen diesmal einige wichtige Akteure. Andere hingegen kommen jetzt erst recht, um ihre Stellung zu behaupten. Ich hoffe  sehr, dass am neuen, nicht mehr zweigeteilten Festivalort, der Alten Kongresshalle neben der Oktoberfestwiese, jetzt jeder zu seinem Recht kommt, sodass der Eklat von 2013 nur eine ärgerliche Erinnerung bleibt.

4. Barbara Yelins Zeichnungen bewundern
Auch wenn ich die Bücher von Barbara Yelin sehr schätze Originale von ihr zu sehen, ist noch mal etwas ganz anderes. Ihre Bleistiftzeichnungen sind so fein abgestuft und vielschichtig, dass das auch der beste Buchdruck nur ansatzweise wiedergeben kann, wie ich bei früheren Ausstellungen mit ihren Arbeiten gesehen habe. In München sind Originale aus „Irmina“ zu sehen, von unserer Tagesspiegel-Jury zum besten Comic des vergangenen Jahres gekürt. Außerdem spricht sie am 6. Juni um 11 Uhr mit einer anderen von mir hochgeschätzten Zeichnerin über ihre Arbeit, nämlich mit der Britin Posy Simmonds („Gemma Bovery“, „Tamara Drewe“) – alleine für diesen Programmpunkt und den folgenden wäre ich bereit, die Reise nach München auf mich zu nehmen.

3. Die Avantgarde der britischen Comicszene persönlich kennenlernen
Wenn es um das Anlocken namhafter Gäste aus dem Ausland geht, muss man den Organisatoren des Festivals ein gutes Händchen bescheinigen. Diesmal ist Großbritannien das Gastland, und die Gästeliste von der Insel ist in der Tat beeindruckend. Besonders freue ich mich neben der oben erwähnten Posy Simmonds auf Eddie Campbell („From Hell“), Dave McKean („Arkham Asylum“) und Bryan Talbot („Grandville“)  – die kann man unter anderem bei einem  gemeinsamen Panel am 5. Juni  kennenlernen. Außerdem sprechen Talbot und seine Frau Mary (die den von ihrem Mann illustrierten und sehr lesenswerten autobiografischen Comic „Dotter of Her Father's Eyes“ verfasst hat) bei einer weiteren Podiumsveranstaltung am 7. Juni mit dem britischen Comic-Impresario Paul Gravett über ihre Arbeit.

2. Reinhard Kleist bei der Arbeit über die Schulter schauen
Als ich vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal den Berliner Zeichner Reinhard Kleist zum Interview traf, schwärmte er mir vom Zeichenstil eines oben genannten Künstlers vor, den ich damals nur ansatzweise kannte: Dave McKean. Der hatte ihn in seinen frühen Arbeiten stark beeinflusst, auch wenn sich Kleist danach zeichnerisch in eine andere Richtung entwickelte und seinen Kunsthochschul-Stil durch eine klarere, reduzierte Bildsprache ersetzte – zum Glück, wie ich finde. Jetzt sitzen Kleist und McKean am 6. Juni um 17 Uhr gemeinsam auf einem Podium und sprechen über ihre Arbeit – das dürfte spannend werden. Zudem gibt Kleist in einer Ausstellung Einblicke in seinen Arbeitsprozess, zeigt Skizzen und Originale und erstmals auch Bilder aus seinem nächsten Comicprojekt, der Biografie des Musikers Nick Cave.

1. Peng!
Preisverleihungs-Galas bei Comicfestivals sind ja oft eine zähe Angelegenheit. Nichtsdestotrotz sind es die Ergebnisse dieser Prämierungen, die in der Öffentlichkeit besonders viel Aufmerksamkeit bekommen – und den Gelegenheits-Comiclesern wertvolle Empfehlungen geben, welche Werke sich besonders lohnen. Dieses Jahr fällt eine Vorhersage der Gewinner des in München verliehenen Peng!-Preises allerdings extrem schwer, denn unter den Nominierungen findet sich viel Hochkarätiges. Meine Tipps: Die spektakuläre Serie „Das Upgrade“ von Ulf S. Graupner und Sascha Wüstefeld (Neuauflage bei Cross Cult) wird bester deutschsprachiger Comic, die humorvoll-politische Autobiografie „Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf wird bester europäischer Comic, das Konzept-Kunstwerk „Hier“ von Richard McGuire wird bester nordamerikanischer Comic, der Preis für die beste Comic-Sekundärliteratur geht an den hervorragend recherchierten und schön aufgemachten Ausstellungskatalog „Going West – der Blick des Comics Richtung Westen“ von Alexander Braun, Die „Little-Nemo“-Gesamtausgabe im Beinahe-Zeitungsformat wird beste Neuveröffentlichung eines Klassikers, das herrlich überdrehte aber trotzdem nicht zu klamaukige  „Guardians oft he Galaxy“ wird beste Comicverfilmung und Daniel Lieskes nicht nur visuell beeindruckendes Fantasy-Abenteuer„Wormworld Saga“ wird bester Online-Comic.  Wer für den diesjährigen Preis noch nominiert wurde, lässt sich hier nachlesen. Der aufregendste Programmpunkt dieser Gala am letzten Festivalabend ist für mich allerdings die Kür der besten Comicberichterstattung – in der Kategorie ist nämlich auch dieses Jahr wieder der Tagesspiegel nominiert. Beim vergangenen Mal ging die Ehrung allerdings an die Kollegen des Fachmagazins „Die Sprechblase“. Also Daumen drücken, bitte!

Hinweis: Das komplette Programm des Comicfestivals München können Sie unter diesem Link lesen und herunterladen.

 

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