Comicforschung : Achtung, Geschlechtergrenze!

Kaum eine andere Kunstform reproduziert stereotype Männer- und Frauenbilder so stark wie der Comic. Jetzt gibt es ein Onlineseminar zum Thema - und Sarah Burrini persifliert die Rollenklischees auf ihre Weise.

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Rollenspiele: Superman und Wonder Woman auf einem "Justice League"-Cover.
Rollenspiele: Superman und Wonder Woman auf einem "Justice League"-Cover.Zeichnung: Jim Lee/DC

Eine Frau stürzt von einem Hochhaus, schreit im freien Fall um Hilfe, nur um am Ende sicher in den starken Armen eines Mannes zu laden. Und wird sie gekidnappt, kann nur ein Mann sie aus den Fängen des Bösewichts befreien. Die Frau - unfähig sich selbst zu helfen - heißt Lois Lane, der Mann Superman. Auf den Seiten der gleichnamigen Comic-Hefte werden vorherrschende Geschlechterrollen - schwache Frau, starker Mann - seit 1938 jeden Monat aufs Neue bestätigt.

Mit Ausnahme von Computerspielen greift kein anderes populäres Medium so beharrlich auf genderspezifische Stereotypen zurück wie der Comic. Die Geschlechtergrenzen zeichnen sich nur zu deutlich auf dem hautengen Spandex der Superhelden ab. Die Muskeln der Supermänner versinnbildlichen ihre physischen Kräfte - bis hin zu extremen Formen wie dem Hulk. Bei den weiblichen Figuren im Comic werden körperliche Ausformungen an anderer Stelle hervorgehoben. Trotz ihrer übernatürlichen Stärke weisen die vornehmlich sichtbaren Extremitäten von Wonder Woman auf andere Attribute hin. So unterstreichen die gemalten Kurven explizite Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit.

Gender 101

Wie sind solche Stereotypen entstanden und warum werden sie im Comic von Generation zu Generation weitergetragen? Diese Fragen versucht die amerikanische Dozentin Christina Blanch in einem sechswöchiges Seminar mit dem Titel „Gender Through Comic Books“ zu beantworten. Als kleine Einstimmung auf ihren Kurs hat sie alle „Superman’s Girlfriend Lois Lane“-Comics gelesen. Seit dem zweiten April lädt die Doktorandin zu einem SuperMOOC (Super Massive Open Online Course) ein, das Video dazu gibt es unter diesem Link.

Während das Präfix „Super“ mehr Zierde ist, sind die anderen Adjektive ganz bewusst gewählt, denn das Online-Seminar soll nicht nur ihren Studenten von der Ball State University, sondern allen Interessierten die Teilnahme und Diskussion über Comics ermöglichen. Zu den besprochenen Primärtexten zählen sowohl Comics, die klassische Geschlechterrollen bestätigen, als auch Comics, die andere Formen präsentieren. Laut Blanch, transportiert keiner der aufgeführten Comics eine rein patriarchale Botschaft; alle spiegeln nur einen Teil der Gesellschaft, in der wir Leben wieder. Diesen gilt es zu entschlüsseln: Während in „Strangers in Paradise“ alternative Lebensentwürfe zwischen Mann und Frau vorgestellt werden, zeigt „Y the Last Man“ eine postapokalyptische Welt, in der mit Ausnahme des Helden nur Frauen überlebt haben. Letzteren Comic bezeichnet Blanch als „gender textbook“ , da darin viele Geschlechterrollen gleichzeitig verhandelt werden. Doch die ausgewählten Comics sollen nicht alle direkt auf das Thema verweisen. Ein Comic kann viele Informationen über Geschlechterrollen enthalten, obwohl er die Differenz von Mann und Frau überhaupt nicht thematisiert.

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Schicksalsgefährten. Die "Y"-Hauptfiguren Yorick Brown und Agentin 355.Illustration: Guerra/Panini

Neben der Lektüre der Primärtexte ist Interaktion im Online-Seminar ausdrücklich erwünscht. Mit Brian K. Vaughan („Y the Last Man“) und Terry Moore („Strangers in Paradise“) kommen zwei männliche Autoren zu Wort, die sich sehr differenziert mit Geschlechterrollen auseinandersetzen. Aber auch weibliche Comickünstler sind auf Blanchs Liste vertreten: Gail Simone („Batgirl“), Kelly Sue DeConnick („Captain Marvel“) und Marvel-Herausgeberin Sana Amanat. Es geht Blanch in ihrem Seminar nicht um die Gleichberechtigung der Frau, sondern um die allgemeine Analyse von Geschlechterrollen. Die Dozentin möchte bei ihren Studenten das Bewusstsein für Geschlechterrollen schärfen, da sie jeden Tag mit ihren konfrontiert werden, sich dessen aber nicht immer bewusst sind.

Ein ambitioniertes Projekt, mit dem Blanch in die Fußstapfen von Wissenschaftlern wie Trina Robbins und Mel Gibson tritt, die vor ihr mit dem Finger auf seit Jahrzehnten verkrustete Geschlechterklischees deuten.

Das Leben ist ein Genderhof

Auch Sarah Burrini hält den Kurs für eine sinnvolle Idee, obwohl sie glaubt, dass sich die Geschlechterdifferenzen im Comic nicht allein durch ein Seminar erläutern lassen. Bekannt geworden ist die deutsche Zeichnerin durch ihren Webcomic „Das Leben ist kein Ponyhof“. Sie kennt die gängigen Klischees: Wie die meisten deutschen Comicleser ist Burrini über „Asterix“, „Lucky Luke“ und das „Lustige Taschenbuch“ auf den Geschmack gekommen. Die Helden dieser Geschichten sind allesamt Männer. Auf der Suche nach weiblichen Vorbildern gelangte Burrini zum amerikanischen Superheldencomic „X-Men“. Neben vielen X-Männern tauchen hier auch starke X-Frauen auf, doch zeichnen sich selbige oft nur durch ihre figurbetonten Kostüme aus. Als positives Rollenmodell für Frauen nennt Burrini hingegen Roger Leloups frankobelgische Comicserie „Yoko Tsuno“. Die Japanerin geizt zwar auch nicht mit ihren weiblichen Reizen, doch beweist sie auch ihre Expertise in Elektrotechnik und Kampfkunst. Zwei Felder, die sonst nur männlichen Figuren vorbehalten sind.

Heldin des Alltags: Eine Szene aus „Das Leben ist kein Ponyhof“.
Heldin des Alltags: Eine Szene aus „Das Leben ist kein Ponyhof“.Foto: Sarah Burrini

In ihren eigenen Comic Strips spielt Burrini mit den Klischees, setzt ihre Protagonistin mit einem Glas Nutella vor den Fernseher oder die Videospielkonsole. Sie ignoriert übliche Geschlechterrollen, definiert die Grenzen neu. Selbst ein enges Superheldinnenkostüm streift Burrini ihrem Alter Ego in der aktuellen Storyline über - und setzt sich selbstironisch mit der infantilen Verkleidung auseinander.

Burrinis Meinung nach werden die Differenzen zwischen den Geschlechtern von Comicschaffenden und Lesern ohnehin schon sehr bewusst verhandelt. Das beste Beispiel für diese Form der Interaktion seien die Onlinekommentare zu „Das Leben ist kein Ponyhof“ und die sich daraus entfaltenden Diskussionen.

So unterschiedlich die Ansätze von Blanch und Burrini sein mögen, so haben sie doch etwas gemein: die Partizipation. Da der Comic ein populäres Medium ist, trägt die Teilnahme des Lesers aktiv zur Veränderung der Inhalte bei. Dabei ist es letztlich egal, ob Leser ihren Beitrag in Form eines Kommentars zu einem Webcomic liefern oder als Kursteilnehmer im Onlineseminar. Denn so fix die geschlechterspezifischen Stereotypen im Comic erscheinen mögen, sind sie heutzutage nicht mehr. Ein Publikum, das sich mit diesen Themen auseinandersetzt, verhandelt die Grenzen zwischen den Geschlechtern stets neu.

Wenn Superman also das nächste mal vom Hochhaus fällt, kann es gut sein, dass seine Freundin Lois Lane ihn auffängt.

Der Onlinekurs “Gender through Comic Books” läuft seit dem 2. April 2013.

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