Comics an der Charité : Zwischen Leiden und Lachen

An der Charité sind in einer Ausstellung Comics zum Kranksein zu sehen: Es geht ums Burnout, das Wickeln und Füttern alter Angehöriger - oder den künstlichen Darmausgang als kleines Teufelchen.

von
Überarbeitet. Thema des Comics von Christoph Geiger ist das Burn-out.
Überarbeitet. Thema des Comics von Christoph Geiger ist das Burn-out.Foto: promo

Wer die ständige Sammlung im Medizinhistorischen Museum der Charité besucht, muss hart im Nehmen sein. Von Nierensteinen über verstopfte Herzkranzgefäße bis zum Wasserkopf werden authentische Feucht- und Trockenpräparate gezeigt. Sie hinterlassen so starke Eindrücke, dass Heranwachsende unter 16 Jahren sie allenfalls in Begleitung eines Erwachsenen betrachten dürfen. Ab heute sind zwischen den Vitrinen im Rahmen einer „Interventions-Ausstellung“ für einige Monate aber auch Seiten aus Comics und Graphic Novels zu sehen. Und die erwecken zumindest auf den ersten Blick meist einen bunteren und kindgerechteren Eindruck.

Doch das Genre ist, so improvisiert und unfertig die Zeichnungen auch teilweise wirken mögen, längst erwachsen geworden. Es schöpft aus dem vollen Leben. Die aktuelle Ausstellung widmet sich dem höchst ernsthaften Thema „SICK! Kranksein im Comic“.

Den nüchternen Präparaten der Sammlung werde damit bewusst ein „anderes Narrativ“ gegenübergestellt, sagt Museumsdirektor Thomas Schnalke. Es sind subjektive, durch die höchst individuelle Bildsprache sehr einprägsame Kranken- und Angehörigengeschichten, die Kuratorin Uta Kornmeier als „größtenteils autobiografisch“ bezeichnet.

"Schlacht mit dem Morbus Crohn"

So erzählt der Australier Safdar Ahmed in Wort und – teils anatomisch genauem – Bild von seiner chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. In seiner „Schlacht mit dem Morbus Crohn“ ist der künstliche Darmausgang ein kleines fieses Teufelchen, das dem Erkrankten vorhersagt, er werde nie mehr eine Beziehung zu einer Frau beginnen können. Er, der teuflische Gegner, werde ihn im entscheidenden Moment mit Geräuschen und Ausscheidungen blamieren.

Andere Geschichten widmen sich dem Wickeln und Füttern von alten Angehörigen und dem unerfüllten Kinderwunsch, der zur Auseinandersetzung mit Vorstellungen von „vollständiger Weiblichkeit“ zwingt. Christoph Geiger erzählt in „Work to do“ von einem Mann mit Burnout, der aus den Mauern einer in pausenlosem Einsatz gebauten Konstruktion allein nicht mehr herausfindet. „Help me get out!“

Ein Forschungsbereich "PathoGraphics"

Zwischen Präparaten, die Auswirkungen von Herzinfarkten und Thrombosen demonstrieren, versucht in den todtraurigen Zeichnungen der Portugiesinnen Ana Monteiro und Maria Ricardo eine junge Frau Hilfe im Kampf gegen ihre Depression zu bekommen. An der Wand ausgestellt ist jeweils nur eine vergrößerte Seite. Wen die ganze berührende Geschichte der traurigen jungen Frau interessiert, der kann sich aber in ein ausgelegtes Heft vertiefen.

„Comics bringen mit den Mitteln der Verdichtung und Zuspitzung etwas auf den Punkt, wofür literarische Texte mehr Zeit brauchen“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Irmela Krüger-Fürhoff, Leiterin des Forschungsprojekts „PathoGraphics“. Es wird von der Einstein-Stiftung gefördert und ist an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule der FU angesiedelt. Die Comics, die jetzt im Medizinhistorischen Museum zu sehen sind, wurden aus Einsendungen eines Wettbewerbs ausgewählt, den das Forschungsprojekt initiiert hatte. Noch bis Sonntag läuft zudem an der FU eine internationale Konferenz zu Geschichten von Krankheit und Behinderung in Literatur und Comic.

Informationen zum Museum, zur Ausstellung und zu den Öffnungszeiten unter: www.bmm-charite.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben