Comics in Ägypten : Kreativität im Schatten der Panzer

Little Nemo in Kairo: Kürzlich fand die „Erste Ägyptische Comic-Woche“ statt, organisiert vom Goethe-Institut und anderen Organisationen. Ein wichtiger Teil des Festivals war ein Workshop - unsere Autorin war dabei.

Anette Selg
Zeichen an der Wand: Ein Graffito der Künstlerinnengruppe Women on Walls.
Zeichen an der Wand: Ein Graffito der Künstlerinnengruppe Women on Walls.Foto: Women on Walls

Der Tahrir-Platz in Kairo ist nur noch ein Kreisverkehr, mit einer kleinen begrünten Verkehrsinsel in der Mitte. Daneben, auf der großen Freifläche zwischen Tahrir und dem ägyptischen Museum, wird gebaut. Werden Fundamente gegossen, Rasenflächen angelegt, wird in absolut untypisch ägyptischer Geschwindigkeit ein riesiges Parkhaus angelegt. Und auch die U-Bahn-Station am Tahrir ist seit Monaten geschlossen. Demonstrieren kann hier niemand mehr. Verboten ist es im heutigen Ägypten, unter dem Ex-General und amtierenden Präsidenten Sisi, ohnehin.

Überall Soldaten mit Maschinengewehren

Drei Jahre nach der Revolution sind auch die vielen Graffiti an den Brücken, Straßen, Häuserfassaden fast alle verschwunden, sind mit breiten Pinselstrichen übertüncht oder gleich großflächig übermalt worden. „Ganzeer“, der berühmteste ägyptische Graffiti-Künstler, lebt mittlerweile in Brooklyn-New York. Im Mai 2014 wurde er im Staatsfernsehen mit seinem richtigen Namen „geoutet“. Übergroße Nähe zur Muslimbruderschaft wurde ihm außerdem vorgehalten. Ein surrealer Vorwurf, der unter Sisi immer wieder zur Verhaftung von Regimekritikern und Aktivisten führt.

Im Herbst 2011 gab es schon einmal einen Comic-Workshop des Goethe-Instituts  Kairo, damals zum Thema „Revolutions Comix“ . Mehr als ein halbes Jahr war vergangen seit den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz und dem darauf folgenden Sturz des damaligen Präsidenten Hosni Mubaraks, nach 30 Jahren Diktatur.

Alltag in Panels: Eine Comicseite aus dem Workshop von Mai Koraiem.
Alltag in Panels: Eine Comicseite aus dem Workshop von Mai Koraiem.Foto: Anette Selg

Damals war der Workshop-Raum auf der Dachterrasse des Goethe-Instituts, nur zwei Straßen vom Tahrir entfernt, eine Insel, auf der die Zeichnerinnen und Zeichner seit Monaten einmal wieder innehalten und Luft holen konnten, von ihren Erlebnissen berichten und sich austauschen konnten. Fast alle hatten die historischen Frühjahrstage in Kairo verbracht, hatten sich früher oder später den Protesten auf dem Tahrir angeschlossen.

Einer der Workshop-Teilnehmer war Magdy el Shafee, Ägyptens berühmtester Comic-Zeichner und Autor der ersten und von Staats wegen noch immer verbotenen Graphic Novel „Metro“. Magdy el Shafee erzählte von der Menschenschlange, die er und viele andere Demonstranten damals um das ägyptische Museum herum gebildet hatten, um Plünderern den Zugang zu den Schätzen zu verwehren. Mona Ahmed, eine junge Zeichnerin aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Kairo – in Hosen und ohne Kopftuch – berichtete, wie sie sich damals auf dem Tahrir zum ersten Mal in ihrem Leben mit Muslimbrüdern unterhalten hatte. Achtungsvoll und von Angesicht zu Angesicht.

Frust und Willkür, Korruption und Hoffnungslosigkeit: Eine Seite aus „Metro“ von Magdy al-Shafee.
Frust und Willkür, Korruption und Hoffnungslosigkeit: Eine Seite aus „Metro“ von Magdy al-Shafee.Foto: Edition Moderne

Jetzt hängen im Bazar im alten Kairo Monate nach den Wahlen noch immer Sisi-Poster zwischen den Auslagen. In Kairo Downtown fallen die parkenden Panzer ins Auge, auf denen Soldaten mit Maschinengewehren stehen. Das Militär ist überall präsent. Und im diesjährigen Comic-Workshop – im Rahmen der „First Egypt Comix Week“, organisiert vom Goethe-Institut Kairo, dem Institut Français und mehreren ägyptischen NGOs – geht es überhaupt nicht mehr um Politik.

Superwoman an der Wand

Dass die Revolution gescheitert, die aktuelle politische Lage nicht besser als unter Mubarak ist, darüber muss fast nicht mehr gesprochen werden. Stattdessen handeln die Comics der Teilnehmer von Alltagsproblemen, erzählen persönliche Geschichten, aber auch vollkommen apokalyptische Szenarien. Eine Woche lang wird mit den deutschen und französischen Workshop-Leitern Marc-Antoine Mathieu und Troub’s sowie Barbara Yelin, Isabel Kreitz und Markus Huber sehr ernsthaft an mitgebrachten und neuen Geschichten gearbeitet. Einige der Zeichner entwerfen direkt auf dem Grafiktablett. Daneben koloriert eine Zeichnerin ihre Geschichte mit Aquarellfarben, eine rote Plastiktasse mit Wasser steht vor ihr auf dem Tisch.

Es geht um die Narration im Comic, um den Einsatz von Farbe in den Arbeiten, um Fragen zu Material, zum Bild- und Raumaufbau. Markus Huber, Professor für Illustration in Kiel, wirft immer wieder Bilder an die Wand: Phantastische Geschichten wie den Seeräuber-Comic von Rita Mercedes („Les Incrustacés“, 2013 bei L’Association erschienen); aus den 80er Jahren Dominique Goblet; Ausschnitte aus den „Corto Maltese“-Comics des italienischen Zeichners Hugo Pratt; die absurden Comic-Geschichten „Little Nemo in Slumberland“ vom Anfang des 20. Jahrhundert, als diese Comics seitenfüllend in den amerikanischen Sunday Papers gedruckt wurden.

Später berichtet eine der Teilnehmerinnen, die als freiberufliche Grafikerin, Illustratorin, Comic-Zeichnerin lebt, von ihrer Zeichnerinnengruppe „Women On Walls“. Zuletzt haben die Frauen in Heliopolis, einem wohlhabenden Stadtteil in der Nähe des Flughafens Kairo eine riesige Superwoman auf eine Wand gebracht, in Schablonentechnik. Fast eine Woche hat das Bild überlebt. Magdy el Shafee, der während der Workshop-Tage ebenfalls im Goethe-Institut vorbeischaut, erzählt von neu gegründeten Räumen für Kunst, Musik, für Workshops in Kairo und Alexandria, aber auch an kleineren Orten überall in Ägypten.

„Wir können nur hoffen, dass es weitergeht“

Und als wir am Abend, vorbei an rot und grün illuminierten, üppig verzierten Moscheen, Wohnhäusern und Minaretten, im ältesten Teil Kairos ein höhlenartiges Restaurant betreten, ist die hintere Hälfte des Raums voll mit Menschen, die auf Bodenkissen sitzen, an kleinen Tischen. Auf einer improvisierten Bühne vor der Wand stehen junge Ägypter, die Lieder vortragen, Gedichte rezitieren,  aus eigenen Texten vortragen. Westlich gekleidete Jungs, Mädchen mit und ohne Kopftuch, die alle sehr selbstbewusst und überzeugend auftreten. „Slam Poetry“ auf ägyptisch!

Kopftuch oder nicht? Eine von Barbara Yelins Alltagsbeobachtungen, die bei Ihrem Besuch 2011 entstanden.
Kopftuch oder nicht? Eine von Barbara Yelins Alltagsbeobachtungen, die bei Ihrem Besuch 2011 entstanden.Illustration: Barbara Yelin

„Kaffee und Kunst“ heiße das Ganze, erzählt uns später der Organisator. Seit sechs Monaten findet die Veranstaltung alle vier Wochen statt, an wechselnden Orten, und es darf mitmachen, wer will. Das Publikum hört stundenlang zu, klatscht, singt mit, flüstert, eine Mischung aus Volksfest und Schulaufführung. Ich muss an Abier Megahed denken, die gute Seele des Goethe-Instituts Kairo, mit der ich mich am Nachmittag lange unterhalten habe. „Wir können nur hoffen, dass es weitergeht“, sagte sie. „Ihr könnt jammern und verzweifeln. Aber wir können uns das gar nicht leisten. Wir können nur hoffen!“

Bei der abschließenden Diskussion der „First Egypt Comix Week“, bei der alle Workshop-Leiter noch einmal auf dem Podium versammelt sind, wollen die Teilnehmer und Besucher von den Franzosen und Deutschen wissen, wie sie die Comic-Szene in Ägypten voranbringen können. „Tell your own stories“ rät Barbara Yelin, „Surprise yourself, always“ meint Marc-Antoine Mathieu – und Isabel Kreitz erzählt, dass sie die Situation in Ägypten an die deutsche Comic-Szene in den 80ern erinnere. Kaum Verlagsstrukturen, aber viele engagierte Zeichnerinnen und Zeichner. Ihr Ratschlag: Arbeitet einfach immer weiter und, vor allem, bringt Eure Comics unter die Leute. Das kann im Internet sein oder auch in kopierten Kleinstauflagen oder Fanzines, die ihr an eure Freunde, an eure Leser verteilt. Macht einfach immer weiter!

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