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Comics in Leipzig : Zwischen Frühstück und Gänsebraten

Am Donnerstag startet die Leipziger Buchmesse inklusive der Manga-Comic-Con. Abseits der Großveranstaltung gibt es mit dem Millionaires Club eine Alternative dazu. Ein Ausblick

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Barbapapa ist der neue Normcore - Bild von Yan Cong .
Barbapapa ist der neue Normcore - Bild von Yan Cong .Foto: Yan Cong

Der Direktor der Leipziger Buchmesse, Oliver Zille, äußerte sich zur vierten Auflage der im Rahmen der literarischen Großveranstaltung stattfindenden Manga-Comic-Con positiv: „Beide Messen bedingen einander so sehr, dass man das nicht ohne Weiteres trennen könnte.“ Da ist man weiter als das Frankfurter Pendant, dessen Comic-Aktivitäten unter keinem Sublabel mehr stattfinden und mehr oder weniger in Form von Satellitenveranstaltungen ausgelagert wurden.

Manga wird in Leipzig groß und an erster Stelle geschrieben, und der alles überstrahlende Stargast dürfte in diesem Jahr der Erfinder von „Assassination Classroom“, Yusei Matsui, sein, der immerhin dreimal das Wort „Ass“ im Titel seines Bestsellers unterbringen konnte. Inga Steinmetz und Martina Peters sind vor Ort, für die Pflege einheimischer Talente, die sich dem Manga deutscher Prägung widmen, ist somit gesorgt. Olivia Vieweg braucht diese Labels längst nicht mehr, ist jedoch ebenfalls im Getümmel anzutreffen.

 Afghanisches Cosplay

 Weitere deutsche Teilnehmer sind Michael Vogt, der viel im Bereich Science-Fiction-Comic macht, darunter „Perry Rhodan“ und aktuell „Mark Brandis“. Sein mit Olaf Brill entstandenes Werk „Ein seltsamer Tag“ ist jedenfalls einen Blick wert. Fürs politische Bewusstsein und die scheinbar unverzichtbare Relevanz, ohne die viele German Graphic Novels nicht auskommen, sorgen Nils Oskamp mit „Drei Steine“ und vielleicht der Afghanistan-Heimkehrer Arne Jysch mit „Der nasse Fisch“. Nicht fehlen darf natürlich der Flix. Bitte nicht irrtümlich zu „Keine Ahnung, wo wir hier gerade sind“ gehen, der Veranstalter ist nämlich FlixBus.

Die bringen Sie eh nicht nach Übersee. Brauchen Sie aber nicht hin, denn Mike Deodato („Wonder Woman“ etc.) und Scott Koblish („Deadpool“) festigen die deutsch-amerikanische Freundschaft; vielleicht ohne Handschlag, aber gewiss mit Signatur. Roger Langridge ( unter anderem „Popeye“ und „Fred The Clown“sowie „Doctor Who“) ist zwar eigentlich Neuseeländer mit Wohnsitz in England, aber was ist in Zeiten von Brexit und Kontinentaldrift schon gewiss? Zur Not geht aber immer ein Foto mit Bunny, dem MMC-Maskottchen.

Und lästern Sie nicht über Cosplay, das ist groß in Leipzig. Bedenken Sie zudem das Recht der Cosplayer an eigenem Bild und Körper und dass die leider nicht in Leipzig weilende Noelle Stevenson sich ursprünglich als Cosplayerin ihr Know-How erarbeitet hat.

Gastland ist übrigens Litauen, im offiziellen Programm ist aus comicspezifischer Sicht leider dazu wenig auszumachen. Unter dem Titel „Junge litauische Grafikkunst auf der Neuen Messe“ gibt es lediglich eine Veranstaltung mit comicrelevantem Inhalt aus der Baltik-Republik.

 Wenn Letten retten

 Vielleicht aber werden Sie in dieser Hinsicht bei der parallel zur Buchmesse laufenden Veranstaltung Millionaires Club fündig, und zwar am Stand von kuš!-Comics. Das rührige lettische Verlagshaus präsentierte in seinen š!-Anthologien immer mal wieder Beiträge von Künstlern aus dem Nachbarland; unter anderem in š! Nr. 14 ein anthropomorphes Fitness-Szenario von Luka Va und in der 17. Ausgabe Akvilė Misevičiūtė stilistisch hübsch naiv anmutende Darstellung von Liebe in allen Dingen. Als Akvile Magicdust ist die Litauerin zudem bei Vice zu finden. Die achte Ausgabe der Reihe Mini-kuš! mit dem Titel „The Flame“ stammt ebenfalls von Misevičiūtė.

Der Frühling kann kommen: Patrick Kyle's Fliederflitter-Cover für kuš! Nr. 17.
Der Frühling kann kommen: Patrick Kyle's Fliederflitter-Cover für kuš! Nr. 17.Foto: kuš!

Ein weiterer Tipp: Lina Itagaki, Ihre Serie von Postkarten mit Frauen in oder auf U-Booten ist ein Blickfang ganz eigener Art und bietet einen geschlechtsrelevanten Subtext; das sich nun aufdrängende unterirdische Wortspiel bleibt Ihnen jedoch gnädigerweise erspart. Die populärste litauische Webcomickerin ist laut kuš!-Mitherausgeber David Schilter Miglė Anušauskaitė, ihr Blog heißt „I Have No Teeth“. Weitere Informationen zu litauischen Comics finden Sie auf den Seiten Kitokia Grafika, Medus und beim Goethe-Institut.

In dem bereits erwähnten kuš! Nr. 17 verbirgt sich hinter einem in pink- und fliederfarbenen Tönen schwelgenden Titelbild von Patrick Kyle dessen Story „Please Love Me“ mit den der Liebe innewohnenden Selbstzweifeln spielt. Der Kanadier ist einer der Gäste beim Millionaires Club, welcher sich den künstlerisch wagemutigen und eher unkommerziellen Spielarten des Mediums widmet. Die sich selbstironisch als vermögende Oberschicht inszenierende Veranstaltergruppe um unter anderem Anna Haifisch und James Turek versucht jedes Jahr einen etwas anderen Blick auf die Möglichkeiten einer nicht nur in Deutschland ein Schattendasein führenden Kunstform zu bieten.

 Voulez-vous coucher avec moi

 Daher kam man nicht umhin, den bekennenden Justin-Bieber-Fan Gina Wynbrandt einzuladen, die mit ihren Comics „Big Pussy“ und „Someone Please Have Sex With Me“ sowie mit denkwürdigen Social-Media-Auftritten, bei denen sie schon mal ihr unverlangt zugesandte Dick Pics postet, die Rolle von im Internet auftretenden Frauen und Comicautorinnen im Allgemeinen komplett auf den Kopf stellt. Angebote der US-Amerikanerin zum Geschlechtsverkehr von ihrer Seite aus sind nicht unüblich und so sehen auch ihre Comics aus: geil, gnadenlos und stets von sympathischer Selbstbestimmtheit.

Big Gina, big pussy - der Titel ist umfassendes Programm.
Big Gina, big pussy - der Titel ist umfassendes Programm.Foto: Gina Wynbrandt

Es gibt überdies Gäste aus China, einer davon ist Yan Cong. Der Mann hat bereits mehrfach in ORANG veröffentlicht und ist versiert im Einsatz verschiedenster Materialien. So gibt es unter anderem Panels aus Stoff von ihm zu bestaunen. Seine Stilistik bewegt sich irgendwo zwischen Aisha Franz, Barbapapa und der naiven Malerei eines Jörn Meyer, welcher ab 1974 HÖRZU-Titelbilder gestaltete. Um die Ecke gedachter Normcore kommt jetzt also aus China.

Sie können sich beim Millionaires Club allerdings alternativ eine schnieke Tätowierung zulegen und dann nie wieder nach Hause zurückkehren. Oder sich mit der selbstgebauten Tätowiermaschine im Knast ein kleines Zubrot verdienen – die Möglichkeiten erscheinen ähnlich vielfältig wie die Angebote im Bereich Comic in Leipzig vom 23. bis 26. März.

 Das Programm des Manga-Comic-Con im Rahmen der Leipziger Buchmesse findet sich hier, inklusive herunterladbarer PDF-Version und Apps.

Laufend aktualisierte Neuigkeiten zum Millionaires Club gibt es hier und auf Twitter.

 

 

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