Comics über Flucht und Migration : Ein gutes Herz alleine reicht nicht

Flucht und Migration sind als Comicthema populär. Überzeugen können aber nicht alle Werke.

Thomas Greven
Alphabet des Ankommens. Eine Seite aus dem Beitrag von Ahmed Mohammed Omer (Text) und Alice Socal (Zeichnungen).
Alphabet des Ankommens. Eine Seite aus dem Beitrag von Ahmed Mohammed Omer (Text) und Alice Socal (Zeichnungen).Foto: Alphabet des Ankommens

Vier neue Bände mit comic-journalistischen Arbeiten zu Flüchtlingen aus Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten haben wichtige Gemeinsamkeiten. Erstens hinken sie der Debatte deutlich hinterher, was wohl den langen Produktionszeiten geschuldet ist. Sie konzentrieren sich auf die Schicksale der Flüchtlinge und anderer Immigranten sowie auf die Situation der Helfer. Inzwischen ist aber klar, dass die rein humanitäre Perspektive nicht ausreicht, um der Komplexität der Flüchtlingsfrage gerecht zu werden; die Herausforderungen sind politisch, sozial, ökonomisch und kulturell und haben nicht nur die deutsche Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Diese schwierigen Debatten kommen hier fast nur denunziatorisch vor: Wer nationale Grenzen schützen will, gerät schnell unter Generalverdacht, ein schlechter Mensch zu sein.

Zum anderen sind die Arbeiten auch Ausdruck einer Krise des Comic-Journalismus. Es überwiegt das rein Dokumentarische, die Illustration von zu viel Text. Es gibt keine narrative Dynamik, keine Identifikationsfiguren und insgesamt werden die ästhetischen Möglichkeiten des Comics zu wenig genutzt.

„Dem Krieg entronnen“

Olivier Kugler hat im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen (MSF) vier Jahre lang in verschiedenen Ländern syrische Flüchtlinge porträtiert. Er verwendet für sein Buch „Dem Krieg entronnen“ einen Wimmelbild-Stil, der Ordnungszahlen und Pfeile nutzt, damit der Leser sich zurechtfindet. Die Reportagen sind atmosphärisch eindrucksvoll.

Das Cover von "Dem Krieg entronnen".
Das Cover von "Dem Krieg entronnen".Foto: Edition Moderne

Aber so dramatisch die Schicksale der Porträtierten sind, auf lange Strecke tragen sie nicht. Auch wenn Kugler versucht, durch Farbwechsel und quer angeordnete Elemente die Aufmerksamkeit des Lesers zu halten, verwischen die Eindrücke durch zwangsläufige Wiederholungen. Trotz von MSF beigesteuerten Texten entsteht kein schlüssiges Gesamtbild des Konfliktes.

„Liebe deinen Nächsten“

Dies gilt auch für die Reportage einer Rettungsmission auf einem Schiff der Organisation SOS Méditerranée im Mittelmeer. In epischer Breite lassen uns Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel an ihrem Einsatz teilhaben, sie stellen uns en détail die ganze Besatzung vor und nach einer Rettungsaktion auch einige der Flüchtlinge. Allerdings ist „Liebe deinen Nächsten“ vor allem eine schlichte Aneinanderreihung von Eins-zu-eins-Illustrationen von dokumentarischem Text.

Das Cover von "Liebe Deinen Nächsten".
Das Cover von "Liebe Deinen Nächsten".Foto: Splitter

Der schwierigen Frage, ob durch die Rettungsaktionen nicht auch Fehlanreize für Menschen entstehen, die in Europa keine Bleibeperspektive haben, stellen sie sich indessen nicht, genauso wenig wie der Frage, welche Folgen die Migration für die aufnehmenden Länder hat – ob „Chance oder Bedrohung“, alles sei nur eine „Frage der Perspektive“. In dieser Wunschwirklichkeit kommen Konkurrenz und Konflikt selbstredend nicht vor.

„Der Riss“

Ganz so ärgerlich ist der im Comic-Stil gehaltene foto-journalistische Band „Der Riss“ von Carlos Spottorno und Guillermo Abril nicht. Es gibt keine Dialoge, sondern mit Fotos illustrierte Texte. Atmosphärisch ist das gelungen, zumal die beiden an entlegene Orte reisen und interessante Zugänge erhalten. Es geht ihnen um „Risse“ an Europas Grenzen und in Europa.

Das Cover von "Der Riss".
Das Cover von "Der Riss".Foto: Avant

Zwischen Melilla, der spanischen Exklave in Marokko, und Lappland entsteht allerdings der Eindruck eines comic-journalistischen Flucht- und Grenz- Tourismus. Obwohl der Fokus nicht auf individuellen Geschichten liegt, ist die Diskussion der Gesamtsituation unterkomplex. Schwierigen Fragen bezüglich Integration, „brain drain“ und Fehlanreizen behandeln die Autoren nicht. Immerhin zitieren sie einen Polizisten, der selbst Flüchtling war: „Wir haben ein gutes Herz, aber das reicht nicht.“

„Alphabet des Ankommens“

Das Erfreulichste zum Schluss: Im „Alphabet des Ankommens“, einem online veröffentlichten Projekt des Deutschen Comicvereins mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung, kooperieren Künstler und Journalisten mit Flucht- und Migrationshintergrund mit deutschen Künstlern und Journalisten. Die kurzen Geschichten, die demnächst als Buch veröffentlicht werden, haben eine große stilistische und inhaltliche Bandbreite und sind vor allem dann gelungen, wenn eine narrative Dynamik entsteht, die aus einer individuellen oder kollektiven Erfahrung eine Geschichte macht, an der man gerne dranbleiben würde.

My Body, my Right: Eine Seite aus dem Beitrag von Asma Al Abidi (Text) und Ilki Kocer (Zeichnungen).
My Body, my Right: Eine Seite aus dem Beitrag von Asma Al Abidi (Text) und Ilki Kocer (Zeichnungen).Foto: Alphabet des Ankommens

Auch hier ist das nicht bei allen Beiträgen der Fall, aber das Gelingen hat wohl etwas damit zu tun, dass der Blick in die Zukunft gerichtet ist: auf das Ankommen, was meist mit Hoffnung auf ein besseres Leben zu tun hat, trotz aller Mühen, Enttäuschungen und Hürden.

Olivier Kugler: Dem Krieg entronnen. Edition Moderne, 80 Seiten, 24,80 Euro
Gaby von Borstel, Peter Eickmeyer: Liebe deinen Nächsten. Splitter, 128 Seiten, 24,80 Euro
Guillermo Abril, Carlos Spottorno: Der Riss. Avant, 184 Seiten, 32 Euro
www.alphabetdesankommens.de. Bislang nur online, als Buch ab Dezember bei der Bundeszentrale für politische Bildung (4,50 €)

Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin.

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