Comicszene : Die Manga-Rebellen

Die deutsche Szene ist produktiver denn je - junge Talente setzen verstärkt auf Eigeninitiative. Das hat einiges mit dem Versagen der großen Verlage zu tun.

Michel Decomain
Überflieger. „High Angle“ von Nana Kyere ist derzeit unter den selbst verlegten deutschen Mangas besonders populär.
Überflieger. „High Angle“ von Nana Kyere ist derzeit unter den selbst verlegten deutschen Mangas besonders populär.Foto: Promo

Auf den Höhenflug folgte die Ernüchterung. Nach dem großen Erfolg japanischer Manga in Deutschland ab Ende der 1990er Jahre war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch heimische Zeichnerinnen und Zeichner an diese Comic-Erzählform wagten. Die großen Manga-Verlage waren in Aufbruchsstimmung und ließen Anfang der 2000er Jahre die ersten deutschsprachigen Mangaka auf den Markt los. Beflügelt durch anfängliche Hits folgten viele weitere Projekte, meist rekrutiert aus Zeichenwettbewerben.

Nachwuchsförderung der Verlage? Fehlanzeige

Doch schon wenige Jahre später kippte die Stimmung. Die Verkaufszahlen der Eigenproduktionen sanken, ebenso deren Ansehen in der Szene. Vielen der oft im Teenageralter debütierenden Autorinnen und Autoren fehlte die technische und erzählerische Reife für längere Geschichten, und die auf Lizenzverwertung spezialisierten Redaktionen konnten die bitter nötige Betreuungsarbeit nicht leisten. Umso schwerer hatten es diese frühen Werke, sich gegen die professionelle Elite importierter japanischer Hitserien zu behaupten. Die Verlagsleitungen konnten und wollten sich keine langfristige Förderung leisten. Bevor die jungen Talente überhaupt ihre Fähigkeiten entfalten konnten, fanden viele hoffnungsvolle Karrieren ein Ende.

Die Nachwuchsförderung der Verlage ist heute quasi nicht mehr existent. Die drei Großverlage für Manga-Eigenproduktionen – Carlsen, Egmont und Tokyopop – bringen es zusammen auf jährlich weniger als zehn Neuerscheinungen. Auch spezialisierte Kleinverlage stagnieren in ihrem Output, da die finanzielle Vergütung der extrem arbeitsintensiven Manga-Produktion hier noch schlechter ist als bei den Großverlagen.

Und dennoch ist die überwiegend weibliche deutsche Mangaka-Szene derzeit so vital und produktiv wie nie. Der Grund dafür sind Doujinshi – nicht professionell verlegte, aber oft durchaus professionell umgesetzte Manga, von denen Tausende als Webcomics auf Plattformen wie Animexx erscheinen, ein zunehmender Teil aber auch in Eigeninitiative gedruckt und verkauft wird. Doujinshi sind in Japan ein umsatzstarker Markt. Über spezialisierte Veranstaltungen wie den „Comiket“ werden jährlich Millionen von Heften verkauft. Sie werden geduldet, auch wenn es sich in der Regel um Fan-Adaptionen bekannter Verlagstitel handelt. Solche Fan-Doujinshi gibt es auch in Deutschland, aber hier sind der Großteil Originalgeschichten, die sich aufgrund der prekären Lage auf dem Verlagsmarkt nicht anders umsetzen lassen.

Mit Siebenmeilenstiefeln in die Zukunft

Die Szene ist eng vernetzt. Einige organisieren sich in Zirkeln und geben umfangreiche Doujinshi-Anthologien heraus. Diese Zirkel sind für den Nachwuchs besonders wichtig, da sie auch Redaktionsarbeit übernehmen und in Druckvorbereitung, Grafik und Lettering einführen. Andere arbeiten allein an eigenen Serien. Der Doujinshi-Vertrieb erfolgt hauptsächlich über soziale Netzwerke wie Facebook oder tumblr sowie über die Doujinshi- Märkte größerer Conventions wie der Connichi in Kassel oder der Leipziger Buchmesse, die dieses Jahr unter dem Namen „Manga Comic Con“ Mitte März eine ganze Halle hauptsächlich für Manga zur Verfügung stellt. Das neue Konzept wurde in der Szene sehr gut aufgenommen. Diverse neue Anthologien haben sich neben etablierten Titeln wie „A Story To Tell“, „VERnarrt“ oder der vom Manga-Club der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Berlin herausgegebenen „Baito Oh!“ bereits angekündigt, dazu Dutzende neue selbst verlegte Hefte und Bücher.

Populäre Autorinnen wie Nana Kyere verkaufen von ihren Titeln wie „High Angle“ höhere dreistellige Auflagen, ohne sich die Einnahmen mit Verlagen oder Vertrieben teilen zu müssen. Die lukrativen Aussichten der Selbstvermarktung ziehen auch Verlags-Mangaka an. Der deutsche Manga-Nachwuchs hat sich also zunehmend von den Verlagen emanzipiert. Dabei erreicht er ein hochprofessionelles Niveau, aus dessen Pool sich die Verlage nur bedienen müssten. Doch deren Mühlen mahlen langsam, während die Doujinshi-Szene mit Siebenmeilenstiefeln in die Zukunft sprintet.

Unser Autor Michel Decomain ist Redakteur im Comic-Culture-Verlag und bei der Doujinshi-Anthologie „Baito Oh!“. Er bildet mit Marika Herzog das Mangaka-Duo Chasm, dessen Buch „Demon Lord Camio“ im März bei Egmont Manga erscheint.

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Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf der Comicseite des gedruckten Tagesspiegels vom 31. Januar 2014. Die Formulierungen "Das hat einiges mit dem Versagen der großen Verlage zu tun" und "Nachwuchsförderung der Verlage? Fehlanzeige" sind Ergänzungen der Redaktion und wurden nicht in Absprache mit dem Autor eingefügt. Der Autor möchte sich von diesen Formulierungen ausdrücklich distanzieren.

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