„Der Bildhauer“ von Scott McCloud : Die Kunst des Scheiterns

Selten wurde ein Comic mit so viel Spannung erwartet wie Scott McClouds Graphic Novel „Der Bildhauer“. Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen, der Autor stellt es in Berlin und Leipzig persönlich vor.

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Die Geister, die er rief. Eine Szene aus "Der Bildhauer".
Die Geister, die er rief. Eine Szene aus "Der Bildhauer".Foto: Carlsen

Scott McCloud hat für „Der Bildhauer“, seine erste lange Comicerzählung in mehr als 20 Jahren, vom Besten gelernt: von sich selbst. Seine drei Sachcomics zu Theorie, Methodik und Zukunft des Mediums ragten heraus aus dem knappen Kanon der Comicwissenschaft. Weil sie selbst Comics sind, vermitteln sie die Wirkungsweisen der Kunstform unmittelbar einleuchtend und ungeahnt launig. Ihnen verdankt der in Kalifornien lebende Autor und Zeichner seine Berühmtheit – auch, wenn seine Serie „Zot!“ und seine Superheldenparodie „Destroy“ einst diverse Auszeichnungen einheimsten.

Nun liegt also McClouds erste nicht zuvor als Serie veröffentlichte Comic-Langerzählung in deutscher Übersetzung vor: „Der Bildhauer“ ist ein auf gut 500 Seiten ausgetragener Pakt mit dem Teufel, der Mystery in ein Boy-meets-Girl-Schema bringt, Blicke in sensible Künstlerseelen und kulturindustrielle Abgründe riskiert, den Wert von Kunst und Liebe verhandelt sowie Mut zum Kalauer beweist. Wenn sich solch ein Unterfangen nicht in seinen Ambitionen verheddert, dann stolziert es auf dem schmalen Grat zwischen Begabung, Kühnheit und Manie. „Der Bildhauer“ ist überambitioniert. Und wandelt auf diesem Grat dennoch mit Stolz.

Irgendwann helfen auch keine formalen Tricks mehr

Dem 54-Jährigen gelingt trotz der Fülle seiner Einflussvielfalt leichtfüßig, was er in „Comics richtig lesen“ erklärt und in „Comics machen“ propagiert hat. Dabei erschafft er eine von klaren Linien umrissene und seiner Bewunderung für Manga Ausdruck verleihende Erzählung, die man sich in ihrem mäandernden Ideenreichtum nur schwer außerhalb des Mediums Comic vorstellen kann.

Der titelgebende Bildhauer hört auf den Allerweltsnamen David Smith und wird nur ungern mit seinem berühmten Namensvetter, dem 1965 gestorbenen US-Bildhauer, verwechselt. Da erscheint dem vom Schicksal Gebeutelten der Tod – und bietet einen Pakt an: die Gabe, Materie mit seinen Händen beliebig formen zu können, gegen den Preis des Ablebens in 200 Tagen. Wenig später taucht ein Engel auf, der Hoffnung verspricht. David geht den Pakt ein und erhält ungeahnte Fähigkeiten. Kurz darauf wird der Engel zum Menschen. Und der Todgeweihte verliebt sich.

Der Kuss der Muse: Das Cover von "Der Bildhauer".
Der Kuss der Muse: Das Cover von "Der Bildhauer".Foto: Carlsen

Wie McCloud gegensätzliche Bezugsgrößen und Erzählansätze verschmilzt, ist kurzweilig und fantasievoll. Es zeigt aber auch, was genredefinierende Meisterwerke ihm voraus haben: Sie können loslassen und auf gute Ideen verzichten, wenn es der Geschichte dient. Bei „Der Bildhauer“ hat Scott McCloud das versäumt. So konterkariert das Nebenher an ironischer Selbstbezugnahme, Zeitgeistkommentaren und Hobbyanthropologie die zentrale Thematik des unausweichlichen Todes. Die Drastik des Unvermeidlichen geht dadurch verschütt. Da leisten auch formale Tricks wie die zeichnerische Darstellung von Sprechblasen als räumlich bedrückend kaum Abhilfe.

Die Konsequenz: „Der Bildhauer“ packt. Aber er reißt nicht vollends mit. „Ihr wollt, dass (Eure Leser) verstehen, was Ihr zu sagen habt … und Ihr wollt, dass es sie berührt“, erklärt McCloud in „Comics machen“. Auf dem Weg vom guten Comic zu dem Meisterwerk, das man erwartet hat, scheitert „Der Bildhauer“ aufgrund seiner Redseligkeit an Letzterem. Würde er weniger sagen wollen, könnte er mehr berühren.

Scott McCloud: Der Bildhauer, Carlsen, aus dem Amerikanischen von Jan-Frederik Bandel, 496 Seiten, 34,99 Euro. Eine längere Rezension des Titels folgt in Kürze auf diesen Seiten.

Veranstaltungshinweise: Scott McCloud präsentiert sein Buch in diese Woche bei zahlreichen (meist auf englisch gehaltenen) Veranstaltungen in Deutschland, hier der Überblick:

Haus der Berliner Festspiele (Seitenbühne, Schaperstr. 24, Berlin-Wilmersdorf, Eintritt 12/8/4 €)
Mittwoch, 11.03.2015 um 20.00 Uhr
Donnerstag, 12.03.2015 um 09.00 Uhr

Zu Gast auf der Leipziger Buchmesse am 12.03. und 13.03.:
Donnerstag, 12.3.
15:30 – 16:00 Uhr
Scott McCloud im Gespräch, 3sat | Glashalle | 1.OG
16:30 – 17:30 Uhr
Scott McCloud signiert, FABULAden | Glashalle | EG
Freitag, 13.03.
11:30 – 12:00 Uhr
Scott McCloud im Gespräch, Literaturforum | Halle 5 | F600
13:00 – 14:00 Uhr
Scott McCloud signiert, FABULAden | Glashalle | EG
20:00 – 22:00 Uhr
Scott McCloud zu Gast im Millionaires Club in der GfZK. The Millionaires Club, Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Straße 9-11, 04107 Leipzig

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