„Die Haie von Lagos“ von Matthias Schultheiss : Von menschlichen Haien

In den 1980ern war Matthias Schultheiss der Star der deutschen Comic-Szene. Jetzt setzt der Hamburger Zeichner seine Reihe „Die Haie von Lagos“ fort - faszinierend anzuschauen und zynisch wie eh und je.

von
Moderner Long John Silver: Eine Seite aus dem besprochenen vierten Band.
Moderner Long John Silver: Eine Seite aus dem besprochenen vierten Band.Foto: Splitter

Der Auftakt von „Schwarze Seelen“, dem ersten Band der Reihe „Die Haie von Lagos“ täuscht in seiner Idylle: ein herrlicher Tag auf einer Hochseeyacht, auf der die Reichen und Schönen sich langweilen. Sie nehmen ein Boot mit Schiffbrüchigen auf, ziehen sie an Bord. Dann werden sie einer nach dem anderen massakriert…

Nur die Sonne war Zeuge. Ohne Dialog wird das ungeheuerliche Geschehen in wenigen Bildern erzählt. Der Leser wird auch auf den kommenden 140 Seiten keine Gelegenheit zur Erholung finden. Morde, Korruption, Vergewaltigungen und polizeiliche Willkür kennzeichnen das Nigeria dieses Comics der 1980er Jahre, und die Zustände wirken auch aus heutiger Sicht noch erstaunlich real.

Über Frankreich zurück nach Deutschland

Der Autor und Zeichner dieser grausamen Szenen: Matthias Schultheiss. In den 80er Jahren war der 1946 in Nürnberg geborene Illustrator der Shooting-Star unter den realistischen deutschen Comiczeichnern. Mit seiner zweibändigen Adaption der Kurzgeschichten des literarischen Wüstlings Charles Bukowski („Der lange Job“, „Kaputt in der City“, beide damals im Heyne Verlag erschienen) machte er 1984 auf sich aufmerksam und überzeugte mit virtuosen Schwarz-Weiß-Zeichnungen und ungewöhnlichem Einfallsreichtum im Seitenlayout. Kongenial übertrug er Bukowskis autobiografisch grundierte, von Suff und Sex handelnde Szenen aus dem Leben der amerikanischen Bohème in dichte, stimmungsvolle Arbeiten, die als Vorläufer der Graphic Novel gelten können.

In der Folge versuchte er auf dem französischen Comicmarkt sein Glück, veröffentlichte seine Arbeiten zuerst in Frankreich im Comicmagazin „L´Echo des Savannes“ und später in Albenform, so ab 1985 die Science-Fiction-Thriller-Serie „Die Wahrheit über Shelby“ und ebenfalls seit 1985 (auf deutsch 1987 veröffentlicht) „Die Haie von Lagos“. Diese aus drei Bänden bestehende Reihe, die als einer der Höhepunkte in Schultheiss' Werk gilt, legt der Splitter-Verlag nun in einer schönen Hardcover-Gesamtausgabe neu auf.

Um Altmeister Schultheiss, der in den 1990ern vergeblich versuchte, sich auf dem amerikanischen wie dem japanischen Markt durchzusetzen, war es fast eine Dekade lang ruhig geworden, bis er vor ein paar Jahren wieder anfing, in regelmäßigen Abständen neue Comics bzw. jeweils einbändige Graphic Novels zu veröffentlichen, wieder meist zuerst in Frankreich - „Woman on the River“ 2008 auf Französisch (2012 auf Deutsch veröffentlicht), „Daddy“ 2009/2012, „Die Reise mit Bill“ 2010. Nun überrascht er seine Fans damit, dass er die „Haie von Lagos“ mit einem neuen Zyklus von noch unbestimmter Länge fortsetzt.

Die Geschichte handelt von Patrick Lambert, einem rücksichtslos nur zum eigenen Vorteil agierenden französischen Seemann, der – Schultheiss deutet hier nur an - das Massaker zu Beginn des ersten Bandes zu verantworten hatte und nun in Nigeria hängen geblieben ist. Binnen kurzer Zeit - und nicht zuletzt dank seines scheinbar zum Voodoo-Zauber fähigen „magischen Monokels“ – krönt sich Lambert zum weißen Anführer der ansässigen Piraten. Mithilfe seiner mörderischen Bande überlistet er die korrupten Eliten des Landes und wird zum Schrecken des Golfs von Guinea. Als er vom Transport einer geheimen amerikanischen Raketenprogramm-Software hört, möchte er den ganz großen Coup landen. Doch er gerät in eine Intrige, in der auch seine Geliebte, die schwarze Journalistin Sarah, eine Rolle spielt.

Nicht für zarte Gemüter

Visuell beeindrucken die Bände auf Anhieb durch zahlreiche Actionsequenzen, aber vor allem durch Schultheiss´ exzellenten Umgang mit Farben – meist Aquarellfarben –, die nun in optimaler Druckqualität wiedergegeben werden. Gestalterische Höhepunkte sind Szenen, die auf offener See oder in den Sümpfen und Mangrovenwäldern um Nigerias verslumte Hauptstadt Lagos angesiedelt sind, wo Schultheiss virtuos Licht, Schatten und Wasserspiegelungen in Szene setzt.

Schön böse: Das Cover des vierten Bandes.
Schön böse: Das Cover des vierten Bandes.Foto: Splitter

In Band 4, „Die Geister des Meeres“, knüpft Schultheiss an das offene Ende der Trilogie an. Patrick Lambert ist auf offener See zusammen mit seiner Gefährtin Sarah unterwegs und sieht sich den Kräften eines Sturmes ausgesetzt. Noch stärker als im ersten Zyklus gestaltet der Zeichner die auf das Paar hereinbrechende Naturgewalt und gibt alle Farbschattierungen des Meeres wieder, während sich aufbäumende Meereswogen das Schiff zu verschlucken drohen. Auch bekommt seine Figur in den Szenen nach dem Sturm im Zwiegespräch mit den eigenen Dämonen endlich Gelegenheit, etwas Tiefe zu entwickeln. Ein wiederkehrendes Motiv ist der Hai, der Lambert zu verfolgen scheint und von dem er seine Seele befreien will. Lambert strandet vor der Küste Thailands und bekommt es mit neuen Gegnern zu tun…

Der Darstellung von Gewalt gibt Schultheiss in allen Bänden viel Raum, sie kommt gewohnt ungeschönt daher. In einigen Szenen wird allerdings eine Grenze überschritten, wenn Schultheiss seinen Zynismus nicht ausreichend begründet und geradezu genüsslich Gewalt zelebriert. Der erste Zyklus war deshalb schon in den 1980er Jahren sehr umstritten. Für zarte Gemüter waren Matthias Schultheiss' Werke allerdings ohnehin noch nie die richtige Lektüre, „schwarze Seelen“ sind seine Charaktere durchweg. Vor allem sein Antiheld Patrick Lambert erscheint mit seiner Hakennase und dem spiegelnden Monokel als unsympathischer, moderner „Long John Silver“. Afrika wurde selten mit solch unerbittlicher Härte dargestellt, fern von jeglicher Abenteuerromantik.

Matthias Schultheiss: Die Haie von Lagos“, Gesamtausgabe Band 1-3 (Splitter Verlag, 144 Seiten, 39,80 Euro, Band 4 „Die Geister des Meeres“ (Splitter, 48 Seiten, 13,80 Euro). Leseproben auf der Website des Verlages.

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weiter Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben