„El Eternauta“ in Berlin : „Ein geradezu prophetischer Comic“

„El Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López gilt als einer der herausragenden Comics des 20. Jahrhunderts. Jetzt kann man ihn neu entdecken.

von
Ewiger Reisender: Die Hauptfigur von "El Eternauta" im Schneeanzug.
Ewiger Reisender: Die Hauptfigur von "El Eternauta" im Schneeanzug.Foto: Promo

Giftiger Schnee fällt auf Buenos Aires und tötet fast alle seine Bewohner. Nur ein Mann namens Juan Salvo und seine Familie sowie ein paar Freunde überleben. Sie finden heraus, dass die Katastrophe von Außerirdischen ausgelöst wurde und nehmen den Kampf gegen die Invasoren auf. Dabei wird Juan durch eine Zeitmaschine von seiner Familie getrennt und irrt von da an durch Zeit und Raum, um sie wiederzufinden.

„El Eternauta“ ist ein Science-Fiction- Comic des argentinischen Autor-Zeichner-Duos Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López. Geschaffen Ende der 1950er und überarbeitet bis Mitte der 70er Jahre, gilt diese fast 400 Seiten umfassende Erzählung als einer der herausragenden Comics des 20. Jahrhunderts – und als prophetische Auseinandersetzung mit den Militärdikaturen, die Argentinien beherrschten.

Mangels deutscher Übersetzung war der Klassiker hierzulande bislang so gut wie unbekannt. Das dürfte sich jetzt ändern: Anfang kommenden Jahres will der Berliner Avant-Verlag den Comic auf Deutsch veröffentlichen. Und die Akademie der Künste am Pariser Platz widmet dem Buch und einigen weiteren argentinischen Comics ab diesem Mittwoch eine Fassadeninstallation und eine Podiumsdiskussion am Eröffnungsabend.

„Der Comic hat etwas Unmittelbares“

„Der Comic ist seit jeher eine extrem populäre und sozialkritische Kunstform, speziell in Argentinien“, sagt Jeanine Meerapfel, deutsch-argentinische Regisseurin und seit kurzem Präsidentin der Akademie der Künste. „Während der Militärdiktatur bekam er noch eine weitere Konnotation: Die Comics erzählten vom Widerstand.“ Oesterheld wurde 1976 verschleppt und ermordet, ebenso seine vier Töchter.

Unter dem Titel „Mafalda und Eternauta retten die Welt. Die kritische Kunst des argentinischen Comics“ ist die Fassadeninstallation am Akademie-Gebäude ab Mittwoch bis zum 17. Januar täglich von 16 bis 22 Uhr zu sehen, das Eröffnungsgespräch beginnt um 20 Uhr (Pariser Platz 4, Berlin-Mitte, 5/3 Euro).

Meerapfel hat neben Oesterheld und López weitere Künstler ausgewählt, die „mit Humor, scharfer Kritik und visionärer Einbildungskraft ganze Generationen geprägt haben“: Alberto Breccia, Hugo Pratt, Quino („Mafalda“) und Miguel Repiso. „Der Comic hat etwas Unmittelbares, Frisches, Aktuelles, und er kann Themen direkt und kritisch, manchmal auch poetisch anpacken“, sagt Meerapfel. Die Akademie wolle dazu beitragen, dass diese Qualitäten von einem breiteren Publikum entdeckt werden - hier lesen Sie ein Kurzinterview mit der Akademiepräsidentin zu dem Projekt.

Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste, Berlin.
Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste, Berlin.Foto: © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Tagesspiegel: Frau Meerapfel, es ist eher unüblich, dass die Akademie der Künste sich der Kunstform Comic annimmt, wie jetzt in der Installation ab dem 11.11. samt Eröffnungsgespräch. Wie kommt es, dass diese Kunstform jetzt bei Ihnen so gewürdigt wird?
Jeanine Meerapfel: Der Comic ist – seit seiner Geburt in den USA – eine populäre und sehr kreative Kunst, die oft verglichen wird mit dem Kino, wegen der knappen Sprache, der bewegten Linien, dem Erfindungsreichtum der Zeichner und der Autoren. Es ist an der Zeit, darüber zu berichten und einige Beispiele zu zeigen.

Wieso hat die Akademie der Künste den Comic gegenüber allen anderen Kunstformen zuvor so vernachlässigt?
Das stimmt nicht ganz. Im März dieses Jahres gab es zum Beispiel ein Akademie-Gespräch über die Folgen des Mordanschlags auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Drei erfolgreiche Zeichner aus dem Bereich Karikatur und Comic haben auf dem Podium gesessen haben: Til Mette, Klaus Stuttmann und Katharina Greve. Sie sehen, die Akademie nimmt das Genre sehr ernst.

Es geht bei der Installation am Pariser Platz in Berlin um den Comic in Argentinien - woher kommt der thematische Fokus?
Der Comic ist seit jeher eine extrem populäre und sozialkritische Kunstform, speziell in Argentinien. Während der Militärdiktatur bekam er darüber hinaus noch eine weitere Konnotation: Die Comics erzählten vom Widerstand. Héctor Germán Oesterhelds „El Eternauta“ z.B., übrigens gerade ins Deutsche übersetzt worden, handelt vom Kampf eines Familienvaters gegen einen übermächtigen Feind, der Buenos Aires zerstören will. Er erzählt, wie dieser Mann seine Familie verliert und sie fortan auf einer Odyssee durch Raum und Zeit suchen muss. 20 Jahre, nachdem er diesen geradezu prophetischen Comic verfasste, wurde Héctor Germán Oesterheld selbst verschleppt und ermordet, wie auch seine vier Töchter.

Klassiker: Eine Szene aus "El Eternauta".
Klassiker: Eine Szene aus "El Eternauta".Foto: Promo

Nach welchen Kriterien wurden die Comics ausgewählt, die bei der Installation gezeigt werden (Eternauta, Corto Maltese, Mort Cinder, Mafalda)?
Alle diese Comics haben eine Aura, es sind herausragende Beispiele der 9. Kunst aus Argentinien. Sie haben eine sozialkritische und reflektierende Haltung, in ihnen spiegelt sich das kritische Gewissen und das imaginäre Bewusstsein einer Einwanderungsgesellschaft. Es gibt selbstverständlich noch viel mehr zu entdecken, aber wir können ja leider nicht alles zeigen.

Gibt es weitere Comic-Projekte, die Sie oder die Akademie erwägen?
Im Moment nicht.

Ist Ihr Comic-Projekt auch Ausdruck der Tatsache, dass sich die öffentliche Wahrnehmung der Kunstform Comic geändert hat – und wenn ja, wie bewerten Sie das?
So wie die Pop Art den Comic ernstgenommen hat, so scheint es im Moment – und das passiert sicherlich in Wellen – eine Bereitschaft zu geben, Künste, die man eher im U- und nicht im E-Bereich angesiedelt hat, zu berücksichtigen und wahrzunehmen. Der Comic hat auch etwas Unmittelbares, Frisches, Aktuelles, und er kann Themen direkt und kritisch, manchmal aber auch poetisch anpacken. Diese Qualitäten werden gerade neu entdeckt.


Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben