„Fahrradmod“ von Tobi Dahmen : Heimweh nach einer besseren Musik

Zwischen Selbstfindung und Politisierung: Tobi Dahmens „Fahrradmod“ erzählt von der Jugendkultur der achtziger und neunziger Jahre.

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Ska-Pionier: Auch der Musiker Desmond Dekker hat einen Auftritt in "Fahrradmod".
Ska-Pionier: Auch der Musiker Desmond Dekker hat einen Auftritt in "Fahrradmod".Foto: Dahmen/Carlsen

Ein alter Hut vom Vater bringt den Durchbruch: Tobi schneidet ein Stück der Krempe ab und setzt ihn auf den Kopf. Dazu trägt er ein Second-Hand-Jackett, schwarzes Hemd und weiße Krawatte. Mit diesem Outfit bekommt er endlich den ersehnten Respekt in der Modszene von Wesel, wo er in den siebziger und achtziger Jahren aufwächst. Früh fasziniert ihn englische Musik der Fifties und Sixties. Außerdem sehnt er sich nach Zugehörigkeit: „Ich wollte anders sein als die ,Anderen‘, aber genauso wie die, zu denen ich aufblickte.“

In seiner herausragenden autobiografischen Graphic Novel „Fahrradmod“ erinnert sich Tobi Dahmen an diese Jahre seiner Kleinstadtjugend, die insofern exemplarisch ist, als sich damals überall entlang von Musikgenres eigene Szenen bildeten. Viel dogmatischer als heute grenzten sich Gruppen wie Popper, Punks oder Mods voneinander ab.

Aus geballten Fäusten wird ein Hitlergruß

Wie wichtig und schwer zu beschaffen dabei die richtigen Platten/Kassetten und Accessoires waren, zeigt der aus einem Webcomic entstandene, umfangreiche Schwarz-Weiß-Band sehr schön. Mit dem zentralen Statussymbol der Mods, dem Motorroller, kann Tobi nie aufwarten. Erst fährt er Fahrrad, später Auto. Letztlich ist das nicht so tragisch, denn er entflammt zudem bald für Ska und Soul.

Auch einer szenefernen Leserschaft ist „Fahrradmod“ leicht zugänglich, weil Dahmen kurze historische Exkurse nach England macht und beispielsweise das Phänomen der frühen Skinhead-Kultur verständlich aufdröselt.

Der Stil einer zunächst unpolitischen Richtung wurde später von Rechten usurpiert. Die damit einhergehenden Konflikte erlebt Tobi hautnah, als sein bester Kumpel Tim sich nicht mehr von den Faschos abgrenzt. In einer Schlüsselszene schubst einer von ihnen auf einer Party den DJ weg, um die Neo-Nazi-Hymne „White Power“ aufzulegen. Aus den geballten Fäusten der Tänzer wird am Ende der Hitlergruß. Tim steht Arm in Arm in der grölenden Gruppe. Tobi zieht sich geschockt zurück.

Erst online, jetzt gedruckt: Das "Fahrradmod"-Buchcover.
Erst online, jetzt gedruckt: Das "Fahrradmod"-Buchcover.Foto: Carlsen

Ungebrochen bleibt Dahmens Liebe zur Musik, die er in vielen schönen Panels mit Songtextzitaten und glücklichen Tänzern zum Ausdruck bringt. Und auch einen neuen Soul-Freund findet Tobi wieder.

Tobi Dahmen: Fahrradmod, Carlsen, 473 Seiten, 29,99 Euro, zur Website von Tobi Dahmen geht es hier.

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