Feministische Ausstellung in Moskau : Kunst im Gegenwind

Immer wieder gibt es in Russland Übergriffe gegen Feministinnen. Das erlebte auch die Berliner Comiczeichnerin Elke R. Steiner, deren Arbeiten dort noch bis zum 6. November in einer Ausstellung zu sehen sind. Wir dokumentieren ihren Erlebnisbericht.

Elke R. Steiner
Der Stift als Speer: Mit diesem Motiv wird für „The Feminist Pencil – 2“ geworben.
Der Stift als Speer: Mit diesem Motiv wird für „The Feminist Pencil – 2“ geworben.Foto: Promo

Die Ausstellung „The Feminist Pencil – 2“, die noch bis zum 6. November in Moskau zu sehen ist, ist eine umwerfende  Mischung feministischer Kunst und sozialer Grafik aus Russland, Frankreich, Deutschland, Ukraine, Belarus und Schweden. Aus Berlin sind Nika Dubrowski, Marina Naprushkina, Lilli Loge und ich in der Ausstellung vertreten. Ich bin glücklich, mit meinem Comic über die Rabbinerin Regina Jonas) ein Teil dieser energiegeladenen Mischung zu sein! Grafik, so die Kunsthistorikerin und Co-Kuratorin Nadia Plungian, ist das Mittel der Wahl für politische und aktivistische  Kunst: unaufwändig und auch mit preiswerten Mitteln machbar. Umso kraftvoller ist hier die Aussage.

Beeindruckt hat mich, dass der Schwerpunkt wirklich auf der Botschaft liegt. Auch FanArt, StreetArt und Experimente in neuen Arbeitsgebieten sind enthalten. Geplänkel über technische Feinheiten verblasst hinter den klaren persönlichen und politischen Aussagen dieser künstlerischen Arbeiten. Es geht um Scheidung, Gewalt gegen Frauen, Ausbeutung, Missbrauch, Geschlechterrollen, das Leben in den entlegeneren Regionen Russlands, Familie und weitere Themen und brennende soziale Probleme.

Unbekannte beschmierten die Ausstellung mit Filzstift-Penissen

Während meines Aufenthalts habe ich Versuche erlebt, diese Probleme zu leugnen – trotz der Versuche, die Ausstellung zu beschädigen, die Veranstaltungen zu stören und uns zu übertönen. Ich freue mich sagen zu können: Keiner dieser Versuche  erreichte sein Ziel.

Am gut besuchten Eröffnungsabend am 23. Oktober verblüffte mich bereits ein Besucher mit der Bemerkung,  diese sozialen Probleme seien doch alle längst gelöst - warum also darüber reden? Wir begegneten uns vor der grafischen Reportage über Sexarbeiterinnen von der Künstlerin und Co-Kuratorin Victoria Lomaskos. Längst gelöst? Und das war nur der Anfang.

Die Ausstellung findet im ersten Stock eines schönen, großzügigen und innen offenen Gebäudes statt. Im Erdgeschoss ist weitere Kunst von Aktivisten zu sehen. All das ist Teil des Media Impact Festivals, eines Seitenprojekts der 5. Moskau Biennale.  Wiederholt störte Lärm von unten unsere Lesungen, Workshops oder Diskussionen. Vielleicht Zufall... aber dann so häufig?

Zwei Tage nach der Eröffnung wurde die Ausstellungsfläche über Nacht mit grünen Filzstift-Penissen verschmiert. Ein Künstler aus dem Erdgeschoss belehrte mich später, das sei doch „Punk“. Gute Ratschläge zur Ausstellungsgestaltung  bekam ich dazu und ärgerte mich unglaublich. Nach der Reinigung der Ausstellung wurde ein  verbliebener Schwanz eingerahmt sowie mit Wort und Bild kommentiert. Diese Antwort auf die Attacke gefiel mir gut! Ich war dabei, als Victoria Lomasko dazu ein Interview gab, das den Übergriff bekannt machte und weitere, unterschiedliche Reaktionen auslöste.

Rabbinerin. Eine Szene aus Elke Steiners Comic über Regina Jonas, der bei der Moskauer Ausstellung zu sehen ist.
Rabbinerin. Eine Szene aus Elke Steiners Comic über Regina Jonas, der bei der Moskauer Ausstellung zu sehen ist.Foto: Steiner

Schließlich drängte sich während unserer Abschlussdiskussion ein unbekannter Besucher mit seinen Begleitern in die Veranstaltung. Er stellte sich vor die Leinwand, riss das Wort an sich und machte sich breit. Freundlich an den Rand befördert, filmte er uns alle mit einer ziemlich  großen Kamera ab. Mich erinnerte das fatal an Einschüchterungsversuche von Neonazis.

Unserem Austausch tat das keinen Abbruch: die Veranstalterinnen kämpften und moderierten unermüdlich und mit Erfolg  für unsere Ausstellung, die Veranstaltungen und Inhalte und für die Unabhängigkeit des Projekts. Sie sorgten dafür, dass Störenfriede gehen mussten.

Von Street Art bis Genderfragen

Vor Ort zu sein war für mich nicht nur wegen der Ausstellung fantastisch, auch die  Diskussionen haben mich bewegt. Selten habe ich mich so aufgefordert und politisch motiviert gefühlt wie in diesen Tagen.

Viele unterschiedliche Positionen wurden diskutiert, von Kunstschaffenden, Menschen aus den unterschiedlichen Regionen Russlands, aus der Kunstgeschichte, Menschenrechts-Aktivisten und Aktivistinnen.  In den öffentlichen Vorträgen und Gesprächen stellte unter anderem Nika Dubrowski neue Möglichkeiten der unabhängigen online- Publikation feministischer Inhalte vor. Irina Solomatina, Genderforscherin  aus Minsk, berichtete von ihrem Projekt einer „Gender-Route“, auf der Männer und Frauen selbst ihre Geschlechterrollen hinterfragen können. Natascha Vasyutina berichtete von ihrer neu gegründeten,  feministischen Gruppe in Novosibirsk und deren Informationsveranstaltung zu emotionalem Missbauch. Aufregend fand ich auch das Gespräch mit Street-Art-Künstlerinnen, die sich die Frage stellten, warum sie an dieser Stelle in die Öffentlichkeit gehen, anstatt wie üblich, als Gruppe im Verborgenen zu arbeiten. „Ich möchte geliebt werden“ war eine der verblüffenden Antworten.

Zeichnen, Diskutieren, Austauschen: Elke R. Steiner (Bildmitte) auf einer Veranstaltung von „The Feminist Pencil – 2“.
Zeichnen, Diskutieren, Austauschen: Elke R. Steiner (Bildmitte) auf einer Veranstaltung von „The Feminist Pencil – 2“.Foto: Olga Akhmetyeva

Mika Ela (Moskau) leitete zur Herstellung von Schablonen an. Der ganze Ausstellungsraum wurde zur Werkstatt,  die entstandenen Stencils sprühten wir umgehend im Ausstellungsraum  an die Wände. Tanya Egrova aus St. Petersburg zeigte uns Techniken zur Herstellung von Fanzines,  die hier in der Tradition der Samizdat stehen. Auch nach meinem Vortrag gab es kurze Übungen zum Comiczeichnen.

Die Zeit, die ich in Moskau verbracht habe, die Menschen, die Ausstellung, Informationen und Diskussionen haben mich ungeheuer bereichert – daran ändern auch die unerfreulichen Vorkommnisse nichts.

Die Ausstellung „The Feminist Pencil – 2“ ist noch bis zum  6. November in Moskau zu sehen: Art Play Design Center, 10 Nizhnyaya Siromyatnichyeskaya, Gebäude 7, Kleine Halle, 1. Stock. Das Ausstellungsprojekt wurde gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Mehr von und über die Berliner Zeichnerin Elke R. Steiner gibt es auf ihrer Website zu finden. 

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