Graphic Novel : Drei Farben: Grau

"Insekt", der Debüt-Comic des Zeichners Sascha Hommer, lotet die Grauzone zwischen Zivilisation und Barbarei aus

Lars von Törne

Wer ein Monster ist, bestimmen wir. In der düsteren Comic-Novelle "Insekt" des Hamburger Zeichners Sascha Hommer können die Menschen einander kaum erkennen, sie leben unter einer Rauchglocke. Dennoch haben sie festgelegt: Wer anders aussieht, ist ein "Insekt" und damit minderwertig. Im Schutz der grau gepixelten Dunkelheit wächst ein Junge auf. Er gehört dazu, jeder mag ihn, das Leben scheint es gut mit ihm zu meinen. Bis ausgerechnet die erste Liebe ihn dort sieht, wo kein Rauch hinkommt, und erkennt: Er ist ein Insekt. Damit ist sein bisheriges Leben beendet.

Mit klaren, aufs Wesentliche konzentrierten Bildern erzählt der 1979 geborene Hommer davon, wie eng Zivilisation und Barbarei beisammenliegen. Der Stil wirkt auf den ersten Blick niedlich und cartoonhaft, das macht die schonungslose Geschichte umso bewegender. In der Verbindung von Reduktion und Tiefgang erinnert "Insekt" an autobiografisch inspirierte Werke zeitgenössischer nordamerikanischer Comic-Erzähler wie Chris Ware oder Chester Brown, aber auch an seinen Hamburger Kollegen Arne Bellstorf, der für den Tagesspiegel am Sonntag regelmäßig Kurzgeschichten zeichnet. Sie verbindet in ihren Arbeiten ein Motiv: die innere und äußere Entfremdung des männlichen Heranwachsenden.

Mit seiner Monster-Geschichte reflektiert Hommer diese Generationenerfahrung auf besonders drastische Weise und erinnert damit auch an die schonungslosen Arbeiten des Amerikaners Charles Burns. Der schickt in seinem kürzlich ebenfalls bei Reprodukt auf Deutsch erschienenen Meisterwerk "Black Hole" eine Gruppe jugendlicher Helden auf einen Horrortrip, bei dem entstellte Körper und Gewaltfantasien für pubertäre Sehnsüchte, Ängste und Selbstfindungskonflikte stehen.

Wie Burns Epos ist allerdings auch "Insekt" weit mehr als eine Geschichte über die Fremdheit des Teenagers gegenüber dem eigenen Körper und andere Irritationen der Jugend. Es drängen sich politische, historische und literarische Assoziationen auf, von ethnischen Säuberungen über die antisemitische Willkür der Nationalsozialisten bis hin zu Kafkas "Verwandlung". Am Schluss zeigt Hommer mit kindlich-naiven Superheldenfantasien einen Ausweg aus dem Horror, der zugleich Ausdruck eines tiefen Pessimismus ist: Wer einmal zum Monster gemacht wurde, für den gibt es Rettung nur im Traum oder in der Flucht. 

Sascha Hommer: Insekt. Reprodukt Verlag, Berlin 2006. 130 Seiten, 10 EUR.

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