Graphic Novel : Geisterfahrt ins Sudetenland

In Tschechien ist die Comic-Trilogie um Fahrdienstleiter Alois Nebel Kult. Nun ist die bissige Fahrt zu den Dämonen des 20. Jahrhunderts auf Deutsch erschienen - eine humorvolle Comic-Reise in die deutsch-tschechische Beklommenheit.

Michael Heitmann
Wo der Lokführer noch „Fierer“ heißt: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Wo der Lokführer noch „Fierer“ heißt: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Promo

Den tschechischen Eisenbahner Alois Nebel plagen Geisterzüge aus der Vergangenheit. In seinen Tag- und Alpträumen fällt er in den Sog der brutalen Geschichte Mitteleuropas. Alle Züge fahren nach Fahrplan, auch die nach Auschwitz, konstatiert er. Um sich zu beruhigen, liest der Fahrdienstleiter auf der Diensttoilette still in seiner Fahrplansammlung. „Hundert Fahrpläne, hundert Jahre Geschichte übereinandergestapelt“, seufzt der Comic-Held. 

Seit 2003 sind in Tschechien drei Bände („Weißbach“, „Hauptbahnhof“ und „Das goldene Gebirge“) mit dem Comic-Helden herausgekommen. Jetzt ist die Trilogie in einem Band auch auf Deutsch erschienen.

Mit seiner schrulligen Art ist Alois Nebel in Tschechien zu einer Kultfigur geworden. Die Idee zu einem Schwejk ohne dessen Boshaftigkeit ist dem Autoren-Duo Jaroslav Rudis und Jaromir Svejdik alias Jaromir 99 vor knapp zehn Jahren in der Prager Kneipe „Zum ausgeschossenen Auge“ gekommen. Damals ratterten noch die Eisenbahnzüge Richtung Hauptbahnhof über eine schmale Stahlbrücke quer durch das Szene-Viertel Zizkov. „Es hat sehr punkig, sehr wild angefangen“, sagt Rudis. Der unerwartete Erfolg von Alois Nebel habe ihn „richtig schockiert“.

„Eine gewisse brutale Romantik“

Die an scharfe Scherenschnitte erinnernden Zeichnungen Svejdiks geben dem Comic-Roman einen Hauch des amerikanischen Film noir der 1940er Jahre. Die Autoren stammen aus den ehemals von Deutschen bewohnten Gebieten Nordböhmens zwischen Riesengebirge und Altvatergebirge. „Es hat eine gewisse brutale Romantik“, sagt Rudis über seine Heimat. Die Vertreibung der Deutschen habe eine Narbe durch die Landschaft gezogen. „Man spürt sie immer noch, aber es hat auch eine unheimliche Anziehungskraft.“

„Alois Nebel“ wurde kongenial von Eva Profousova übersetzt. Sie hat bereits bei der Übertragung der Werke des Schriftstellers Jachym Topol ins Deutsche schwere Fälle bestens gemeistert.

Scherenschnitt-Ästhetik: Das Covermotiv des Buches.
Scherenschnitt-Ästhetik: Das Covermotiv des Buches.Foto: Promo

Der Verlust eines gewissen Sprachwitzes ist allerdings bei der Übersetzung von Alois Nebel unvermeidbar. „Ich verwende im Tschechischen, um mich der Stimmung anzunähern, sehr viele Germanismen“, sagt Rudis. Im Eisenbahner-Jargon gebe es sehr viele solcher Wörter. Weil Tschechen mit dem Umlaut kämpfen, wird der Lokführer dann verkürzt „Fierer“ gerufen.

Rudis gibt gerne zum Besten, wie er als frischgebackener Comic-Debütant in eine der großen Buchhandlungen auf dem Prager Wenzelsplatz ging. Nach „Weißbach“ gefragt, dem ersten Band der Nebel-Trilogie, schickte ihn die Verkäuferin unvermittelt in die Abteilung für Eisenbahnliteratur. Neun Jahre später hat jede Buchhandlung in Prag, die etwas auf sich hält, ein eigenes Regal für Comic-Literatur. Doch man könnte „Alois Nebel“ ebenso gut in die Rubrik „Historisch-Politische Romane“ stellen. (dpa)

Jaroslav Rudis und Jaromir 99: Alois Nebel, Voland & Quist, 360 Seiten, 24,90 Euro. Leseprobe unter diesem Link.

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