Graphic Novel „Gleisdreieck“ : Häuserkampf in der geteilten Stadt

In der Comic-Erzählung „Gleisdreieck“ tauchen Jörg Ulbert und Jörg Mailliet tief in die Berliner Geschichte ein. Jetzt erscheint ihre stimmige Geschichte bereits in der zweiten Auflage.

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Als Linke noch "Negerkuss" sagten: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Als Linke noch "Negerkuss" sagten: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Promo

Man muss erstmal darauf kommen, dass die West-Berliner Randalezeit den perfekten Hintergrund für einen Politkrimi abgeben kann. Der Autor Jörg Ulbert und der Zeichner Jörg Mailliet zeigen in ihrer Comic-Erzählung „Gleisdreieck“, wie aufgeladen mit politischer Gewaltbereitschaft die frühen Achtziger im alternativen Biotop Berlin gewesen sind. Während der Kampf um über 160 besetzte Häuser in Straßenschlachten seriell kulminiert, sucht und findet ein V-Mann des Verfassungsschutzes den untergetauchten Rest der 70er-Jahre-Anarcho-Terroristenbewegung 2. Juni: Sie wollen den Innensenator entführen. Das war damals der heute legendäre Heinrich Lummer.

Ein V-Mann auf den Spuren des Terroristen

Wie dicht das Autoren/Zeichner-Duo an der Zeithistorie von damals ist, zeigt ihr Umgang mit dem Tod des jungen Häuserkämpfers Klaus-Jürgen Rattay. Als die Polizei mit strammem Schlagstockeinsatz eine wilde Demo gegen Lummer und sein Häuserräumungsprogramm auflöste, geriet Rattay vor und dann unter einen BVG-Bus. Ulbert/Mailliet haben ihm, wenn man so viel, mit ihrer Weitwinkel-Bebilderung der Kreuzung Potsdamer/Bülowstraße ein kleines Monument gesetzt.

Auch sonst ist „Gleisdreick“, das jetzt in der zweiten Auflage erscheint, eine stimmige Geschichte, zeithistorisch genau und dann überhöht durch den erfundenen V-Mann Otto auf den Spuren des Terroristen Martin, der ein paar Jahre im nahen Osten verbracht hat. Die Story passt, sie läuft eng an dem entlang, was man über untergetauchte Terroristen weiß, eng auch an dem, was man damals und heute dem Verfassungsschutz zutraute an Gegenaktionen. Um Martin endlich hochnehmen zu können, soll Otto ihn und seine Genossen in eine Attacke auf den Innensenator reinreden.

Jetzt in der zweiten Auflage: Das Buchcover.
Jetzt in der zweiten Auflage: Das Buchcover.Foto: Berlin Story

Die Vorbereitung der Attacke auf Lummer nutzen Ulbert und Malliet für einen schönen Streifzug durch das versunkene Berlin-West der frühen Achtziger mit seinen Altbau-WGs und den halbleeren Industriegeländen, der leeren Stadtautobahn und den qualmenden Diesel-Mercedessen. Dann geht es los, dann fließt Blut in diesem weich gezeichneten, farbechten Comic aus einer auf ihre Weise harten Zeit. Kohlenmief, Zigarettenrauch und Schultheiss-Dunst liegen über den Bilder einer Stadt voller Brachen, die kein bisschen chic und sehr spannend war.

Jörg Ulbert und Jörg Mailliet: Gleisdreieck, Berlin Story, 128 Seiten, 19,95 Euro

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