Graphic Novel : Morgen hab' ich wieder Fleisch

Peer Meter und Isabel Kreitz verzichten in „Haarmann“ darauf, die Psyche des Serienmörders erkunden zu wollen. Dadurch zeigen sie, dass der wahre Schrecken woanders liegt.

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Unheimlich. Eine Seite aus Kreitz' aktuellem Buch „Haarmann“.
Unheimlich. Eine Seite aus Kreitz' aktuellem Buch „Haarmann“.Illustration: Kreitz/Carlsen

Der Serienmörder Fritz Haarmann ist seit den beiden Kinofilmen „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ (1973) und „Der Totmacher“ (1995) keine unbekannte Figur mehr. In beiden ging es allerdings weniger darum, den Fall Haarmann in seinem historischen Kontext zu betrachten. „Der Totmacher“ verließ sich auf die darstellerische Tour de Force von Götz George und schlug den Tenor „Auch Monster haben Gefühle“ an. Ulli Lommel als Regisseur und Kurt Raab als Drehbuchautor und Hauptdarsteller machten in „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ aus dem Stoff eine schmutzige Fassbinder-Variation. Fassbinder produzierte den Film und sorgte in dieser Funktion wohl dafür, dass er sich ganz seinem Lebensthema widmete: Wer wirklich liebt, wird in unserer Gesellschaft untergehen. Obwohl Kurt Raab als Haarmann eindeutig vampireske Züge trägt, spielt „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ in einer Szenerie, die der von Isabel Kreitz im Comic nahe kommt: Die allgegenwärtige Not in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg taucht alle Farben wie in einen verheerenden Smog.

Ein beschränkter Kleinkrimineller

Die unfassbare Detailtiefe, die Isabel Kreitz den Schauplätzen, der Architektur und den Gegenständen in „Haarmann“ verleiht, lässt die Leser die Luft des schäbigen Hannovers im Jahr 1924 atmen. Ihren Figuren haftet zwar eine schablonenhafte Mimik an, doch erweist sich gerade dies den bisherigen Psychologisierungen als wohltuend zurückgenommen. Statt zu Erklärungsversuchen anzusetzen, beschränkt sich Peter Meter in seinem Szenario, die Logistik des Verbrechens aufzuzeichnen: das wieselhafte Wesen Haarmanns, die geballte Inkompetenz der Polizei, das Ignoranz all derer, die von Haarmann profitierten.

Fritz Haarmann tötete mindestens 22 junge Männer. Nachdem beinahe täglich Leichenteile und Schädel an den Ufern der durch Hannover hindurchfließenden Leine angeschwemmt worden waren, drohte unter der Bevölkerung Panik auszubrechen. Dennoch fand Haarmann noch fünf weitere Opfer, bevor er verhaftet wurde. Dass ihm so lange freie Hand blieb, lag nicht an einer herausragenden kriminellen Intelligenz. Medizinische Untersuchungen aus den Jahren zuvor führten zu der Diagnose: „Unheilbar angeborener Schwachsinn“. Als der stadtbekannte Kleinkrimelle damit anfing, Knaben zu verführen und anschließend zu schlachten, verkaufte er ihre Kleider und das Fleisch, so dass er trotz der materiellen Engpässen überall immer ein zuverlässiger Lieferant des Nötigsten war. Er führte ein Leben, mit dem er auffiel und wurde immer wieder von Nachbarn verdächtigt und angezeigt. Da er aber als Spitzel für die Polizei arbeitete, konnte er sich darauf verlassen, einflussreiche Fürsprecher zu haben.

Skandalöse Borniertheit

Nachdem Peer Meter mit Barbara Yelin zusammen in „Gift“ (Tagesspiegel-Rezension hier) den Fall der Serienmörderin Gesche Gottfried aufrollte, zeigt sich im aktuellen Buch, was ihn an Serienmördern fasziniert: Der Zustand einer Gesellschaft offenbart sich darin, wie sie mit ihnen umgeht. In „Gift“ nahm er sich der historischen Zäsur an, die auch Georg Büchners Woyzeck zugrunde liegt. Aus der Perspektive einer aufgeklärten Schriftstellerin betrachtet er die in der Psychiatrie und Rechtstheorie des frühen 19. Jahrhunderts dominierende idealistische Auffassung, wonach jeder Mensch uneingeschränkt willensfrei sei. Deshalb werfe jede Straftat ausschließlich die Frage von Gut und Böse auf. Dagegen stand die heute anerkannte Position der Schriftstellerin, die die fortschrittlichen Debatten ihrer Zeit kannte und die Schuldfähigkeit von der körperlichen Verfassung abhängig machte. Dem moralischen Urteil geht also ein medizinisches voraus. Mit dieser Auffassung macht sich die Erzählerin allerdings überall Feinde.

Die Gemeinsamkeit zwischen „Haarmann“ und „Gift“ besteht darin, dass die Figur des Serienmörders aufdeckt, wie grenzenlos beschränkt seine Umgebung ist. Während Gift durch seinen geistesgeschichtlichen Hintergrund für so manchen Leser nicht ganz verständlich oder akademisch sperrig wirken musste, ist der Skandal bei Haarmann greifbarer: Die Versuche der Polizeibeamten, ihre haarsträubenden Fehler zu vertuschen, aber auch der Opportunismus derjenigen, die mitverantwortlich waren, dass Haarmann weitermordete.

Während der Blick Gesche Gottfrieds ein zutiefst gestörtes Wesen verriet, bleibt der von Fritz Haarmann leer. Durch seine Gefälligkeitsmasche hat er sich sozial so eingerichtet, dass er ungestört seinem dunklen Trieb gehorchen kann. Der wahre Schrecken geht nicht von den bestialischen Morden aus, sondern entfaltet sich, wenn wir dabei zusehen müssen, wie simpel Haarmanns „Apparat“ funktionieren kann, weil der der Justiz so jämmerlich versagt.

Peer Meter, Isabel Kreitz: Haarmann, Carlsen, 92 Seiten, 19,90 Euro. Mehr unter diesem Link. Mehr über Isabel Kreitz erfahren Sie auch in unserer Fragebogen-Serie.

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