Graphic Novel : Subversive Familienfreuden

„Patchwork“ von Katharina Greve ist eine erfrischend originelle und bemerkenswert komische Graphic Novel über die Kunst des Zusammenfügens.

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Heile Familie: Eine weitere Szene aus dem Buch.
Heile Familie: Eine weitere Szene aus dem Buch.Illustration: Greve

Das maßlose Überzeichnen von Figuren war früher einmal eine Domäne des Comics. In der Tradition der beißenden Parodien der Zeitschrift „MAD“ und bei den satirischen und subversiven Kurzgeschichten amerikanischer und französischer Undergroundzeichner wurde Gesellschaftskritik überspitzt dargestellt. Diese Form des beißenden Humors hat sich aber durch die neue Sachlichkeit vieler zeitgenössischer Graphic Novels stark verändert. Fast möchte man meinen, dass die zeitgenössischen Veröffentlichungen diesbezüglich milder geworden sind. Aber oftmals täte gerade den boomenden Comicbiografien bei aller Ernsthaftigkeit etwas mehr subversiver Humor gut. Schön also, wenn wieder ein Band erscheint, der sich auf diese Erzähltradition in den Comics beruft und sich selbst nicht ganz so ernst nimmt. Noch schöner, wenn dieser Band von einer deutschen Zeichnerin stammt.

Transplantationschirurgin Linda Waldeck sieht sich in Katharina Greves „Patchwork“ mit ihrer Familie einem kompromittierenden Pressefeldzug gegenüber, Reporter umlagern das Haus und die Zeitungen übertreffen sich mit haarsträubenden Schlagzeilen. Dabei hat die Forscherin doch nur versucht, ein normales Familienleben zu führen – dass sie dabei ihre Kinder aus Resten zusammenschusterte, lag doch nur daran, dass ihre Arbeit für Familienplanung doch gar keine Zeit ließ. Ihr Vorgesetzter ist schließlich auch mit seiner Zimmerpalme liiert ...

Zeigefinger und Beziehungskitsch? Fehlanzeige!

Die überdrehte Gesellschaftssatire „Patchwork – Frau Doktor Waldeck näht sich eine Familie“ der Berliner Künstlerin Katharina Greve ist ein köstliches, an manchen Stellen von Wortwitz sprühendes Werk. Auffallend ist dabei die Tatsache, dass Greve das Motiv der „Patchwork-Familie“ äußerst originell in Szene setzt, ohne dabei in Stereotype zu verfallen. Denn es hätte auch ein anderer Band werden können, einer, der der Familienministerin gefallen würde, mit moralischem Zeigefinger und dem üblichen Beziehungskitsch. Doch glücklicherweise entlarvt die Zeichnerin, die eine Zeit lang auch für den Tagesspiegel zeichnete, ihre Klischees und setzt sie humoristisch ein. Deshalb ist natürlich die Zeitungsverlegerin karrieristisch und spröde, ihr Angestellter nur auf die ganz große Story aus und selbstverständlich lebt die Forscherin nur für die Arbeit. Aber ganz ehrlich, ohne Klischee weniger Humor.

Überdrehter Humor: Eine Szene aus dem Buch.
Überdrehter Humor: Eine Szene aus dem Buch.Illustration: Greve

Der steht ganz eindeutig im Vordergrund der virtuos inszenierten Geschichte, die gleich zu Beginn einen Satelliten und fünf Personen einführt, deren Schicksal zusammenhängt. Aber bis es so weit kommt, werden skurrile Haupt- und Nebenstränge aufgemacht, wobei auch die absurdesten Momente mit einer Selbstverständlichkeit behandelt werden, wie es früher wohl nur im Comic möglich war. Und dazu passen auch die gezeichneten Figuren mit ihrer geometrisch-strengen Reduziertheit, die ein wenig an die Klare Linie von Tim-und-Struppi-Schöpfer Hergé erinnert. Die studierte Architektin Greve setzt in ihren Comics die Zeichnungen sparsam, aber wirkungsvoll ein, das war auch schon bei ihrem Debüt „Ein Mann geht an die Decke“ so, der 2010 den ICOM Independent Preis für das beste Artwork erhielt. Dort stellte sie die Gesetzmäßigkeiten des Comics im wahrsten Sinne auf den Kopf.

In „Patchwork“ hingegen geht es mehr um die Kunst des Fabulierens. Greve reiht kleine Geschichten aneinander und verwebt diese – Patchwork eben. Die Graphic Novel wirkt unangestrengt, auch wenn es an manchen Stellen zu viel des Guten wird. Auch nicht alle Figuren überzeugen, doch wie wunderbar locker und vor allem überraschend komisch Greve erzählt, ist schon beachtlich. Immer wieder streut sie witzige kleine Momente ein, etwa der mitsingende süddeutsche Punk, aus dessen Kopfhörern „Schraddel, Schraddel“ ertönt und der singt: „Mir schprenget des Süschtehm“.

Handwerk mit Hintersinn: Die Hauptfigur auf dem Cover des Buches.
Handwerk mit Hintersinn: Die Hauptfigur auf dem Cover des Buches.Foto: Gütersloher Verlagshaus

Das ist auch wörtlich für den Comic zu nehmen. Am Ende werden genussvoll die Figuren auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Was also die Chirurgin mit einem Attentäter, einer kleinen Maus aus Fischstäbchen und dem verstorbenen nordkoreanischen Präsidenten verbindet, ist nicht nur äußerst lesenswert, sondern in den Zeiten der Graphic Novels eine bemerkenswert lustvoll anachronistische Erzählung und gerade deswegen eine erfreuliche Ausnahmeerscheinung im deutschen Comic.

Katharina Greve: Patchwork - Frau Doktor Waldbeck näht sich eine Familie, Gütersloher Verlagshaus, 80 Seiten, 14,99 Euro, Leseprobe hier. Mehr von und über Katharina Greve unter diesem Link. 

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