Graphic Novel : Tödliche Mischung

Ihre ersten Bücher erschienen nur in Frankreich. Mit der gemeinsam mit dem Autor Peer Meter verfassten historischen Erzählung „Gift“ kommt Barbara Yelin jetzt auch in deutsche Buchläden.

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"Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, machte mich zufrieden" - basierend auf historischen Protokollen, haben Peer Meter und...Illustration: Yelin/Reprodukt

Dunkle Wolken hängen über der Stadt. Der Himmel ist so bleigrau wie die Fassaden und die Gesichter der Menschen, die geduckt durch die Straßen eilen. Die Atmosphäre auf Barbara Yelins neuen Bildern wirkt bedrohlich und latent gewalttätig, auch wenn noch gar nichts Sichtbares passiert ist. Das ist die Kunst der Berliner Zeichnerin: Sie kann mit dem Bleistift intensive, vielschichtige Stimmungen erzeugen wie nur wenige andere Comic-Künstler. Ihre Bilder lassen frösteln oder stimmen nachdenklich, machen melancholisch oder vermitteln Geborgenheit, je nachdem, welche Stimmung die zu erzählende Geschichte erfordert.

Bislang war Yelin, Jahrgang 1977, in Deutschland nur Insidern bekannt. Die ersten Bücher der diplomierten Illustratorin – die wortlose Traumerzählung „Le Visiteur“ und die fein beobachtete Beziehungsgeschichte „Le Retard“ – erschienen nur im comicaffinen Frankreich, bei uns gab es von ihr bislang bloß Kurzgeschichten wie in der von ihr mitherausgegebenen Anthologie „Spring“ zu sehen.

Mit ihrem neuen Buch „Gift“ kommt Yelin jetzt endlich auch in deutsche Buchläden: Die Graphic Novel, für die sie sich mit dem Bremer Autor Peer Meter zusammengetan hat, ist ein düsteres Meisterwerk, erzählerisch packend und zeichnerisch komplex.

„Gift“ erzählt die Geschichte der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried, die zwischen 1813 und 1827 fünfzehn ihr nahestehende Menschen mit „Mäusebutter“ – Schmalz mit Arsen versetzt – tötete. In dem Buch wird der Fall aus der Perspektive einer Schriftstellerin erzählt, die zufällig in Bremen weilt, als Gottfried hingerichtet werden soll. Unvorbereitet gerät die Besucherin in ein Netz aus Vorurteilen und Verdächtigungen, Ignoranz und Gewalt in der misstrauischen Bürgerschaft.

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Schichtarbeiterin. Barbara Yelin im Selbstporträt.

Yelins Zeichenstil ist perfekt für die visuelle Umsetzung des Stoffes: Gefühle, Stimmungen, Zwischentöne sind ihre Stärke. Yelins dichte, fast plastisch wirkenden Bleistiftbilder bestehen aus etlichen übereinander liegenden Schichten. Die Linien des Stiftes verwischt sie immer wieder mit dem Radiergummi und trägt neue Schichten auf, die sie dann wiederum verwischt oder mit radierten Lichteffekten akzentuiert, wie sie den Arbeitsprozess beim Gespräch in ihrem Atelier in Prenzlauer Berg beschreibt. In „Gift“ bekommt der Leser den Eindruck, man könnte unter der Oberfläche viele weitere Geschichten entdecken, wenn man nur lange genug hinschaut.

Barbara Yelin: Gift, Reprodukt, 200 Seiten, 20 Euro. Website der Zeichnerin: www.barbarayelin.de.

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